Lieserbréif vum Frank BertemesSoll die Bahn gratis sein?

„In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich." - Voltaire

Der französische Schriftsteller, Philosoph und Freigeist, François Marie Arouet, genannt Voltaire – übrigens ein Künstlername, den er sich selbst gab –  gilt als die bedeutendste Persönlichkeit der europäischen Aufklärung. Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche, avancierte Voltaire zu den zentralen Impulsgebern der Reformbewegung der Aufklärung (ab 1780) und der folgenden Französischen Revolution (1789-1799). In seinen philosophischen und literarischen Werken formulierte er die Werte der Vernunft, der Toleranz,  der Menschenrechte und der Menschenwürde im 18. Jahrhundert.

Sein diese Zeilen einleitendes, im Sinne der Anklage deutliches Zitat, das die menschliche Tugend der Vernunft visiert, soll auch im heuer aktuellen Kontext des Irrsinns „Gratis ÖPNV“  – siehe den ersten Artikel des Autors zu diesem Reizthema – der unser Land anscheinend (cf. Seite 43 des Koalitionsabkommens) irgendwann ab dem ersten Trimester des Jahres 2020 „beglücken“ soll, dienlich sein und uns zum Nachdenken bewegen. Nebenbei bemerkt gibt es überraschend viele Mitbürgerinnen und – Bürger, die sich in den heuer lancierten Diskussionen entsprechend outen und die sich nicht vom populistischen Begriff „gratis“ blenden lassen, sondern sich der Risiken und Nebenwirkungen dieses „Projektes“ durchaus bewusst sind. Man braucht also nicht unbedingt Eisenbahner oder fanatischer ÖPNV-Freak zu sein, um sich selbst, im Sinne Immanuel Kants - des zweiten Freigeistes, der hier zitiert sein soll – „Sapere aude!" zuzurufen! „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"  …und ergebe Dich  nicht populistischen Tönen, bitte! Ohne sich allerdings an dieser Stelle ausschweifend mit den diesen Gesamtkontext betreffenden, provozierten Problemen respektive  Grundsatzdebatten im Rahmen der EU-Gesetzgebung oder entsprechenden  Direktiven zu beschäftigen,  oder  auch ohne andere geltende, laufende Verträge oder Gesetzestexte,  Themen wie das Eisenbahnerstatut und die alltäglichen, wertvollen Dienstleistungen des Zugbegleitpersonals, den Kundenkomfortzuschlag für die Erste Klasse in den Zügen (ach wird die „Erste Klasse“ abgeschafft?), die allgemeinen Steuerbelastungen, die ominöse Reizdebatte um die Grenzpendlerproblematik mit entsprechender Tarifdiskussion, den drohenden täglichen Parkplatzkrieg usw. eben im Rahmen dieser Zeilen inhaltlich weiter zu diskutieren, sollen richtungsweisend gewisse Überlegungen kritischer deutscher Journalisten in ebendiesen Gesamtkontext einfließen. Argumente, die übrigens  ebenfalls (ganz oder teilweise) für Mariens beschauliches Ländle zutreffen.

Ab folgendem Abschnitt gilt für einige Textpassagen somit die Quellenangabe der angesehenen deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. Und noch: die im Titel dieser Zeilen genannte „Bahn“ gilt natürlich stellvertretend für alle öffentlichen Verkehrs – oder Transportmittel…

Gratis? Freies Fahren in Bahnen und Bussen: Wäre es gerechter und umweltfreundlicher, wenn der Staat den öffentlichen Verkehr über Steuern finanziert? Der  Plan, alle kostenfrei mit Bus und Bahn fahren zu lassen, ist angenehm utopisch. Er funktioniert nur nicht. Und er hebelt die Marktkräfte ausgerechnet dort aus, wo sie besonders hilfreich sind.  Das beginnt schon bei den Kosten, weil die Nachfrage nach Bus- und Bahnfahrten sprunghaft ansteigen wird, wenn die Nutzer nicht mehr dafür bezahlen müssen. Schätzungen zufolge müsste der Staat einen Milliardenbetrag auftreiben – nicht nur um die Ticketeinnahmen zu ersetzen, sondern auch um größere Bahnhöfe zu bauen, mehr Schienen zu verlegen, mehr Busse bereitzustellen. Gratis ist eben nicht kostenfrei, denn alle Steuerzahler/Innen müssen dafür aufkommen. Für diejenigen, die plötzlich freie Fahrt haben, mag das mehr Freiheit bedeuten. Für diejenigen aber, die das System nicht nutzen, wäre das Mitbezahlen einer vermeintlichen „Gratis“-Leistung  ein Zwang. Alle – ob fanatische Autofahrer,  Fahrradfahrer und Fußgänger müssten für dieses Dauer-Gratis zahlen – Man kann das einen „Zugewinn an Freiheit“ nennen, nur kann man dem entgegenhalten: Es führt zu neuer Ungerechtigkeit. Natürlich sollte der Staat für die Mobilität seiner Bürger sorgen – und er tut das heute schon: Im öffentlichen Personennahverkehr stammt lediglich ein Teil aller Einnahmen aus dem Verkauf von Fahrkarten, der Rest sind öffentliche Mittel. Wenn der öffentliche Verkehr allerdings dann vollständig steuerfinanziert wäre, fiele jeder verbliebene Anreiz weg, sich um die Kunden zu kümmern“ – So wie die diversen Initiativen der CFL hierzulande dann mit Füßen getreten würden…Respekt vor geleisteter Arbeit und Einsatz sieht eben anders aus!

Weg vom Bahnkunden, zurück zum Bahnbenutzer! Darin besteht der eigentliche Irrsinn im Sinne der Anklage! Ein riskierter, ja evidenter Rückschritt im Kontext Dienst am Kunden – den es dann nicht mehr gibt! Ein Zurück zum Benutzer den man von A nach B zu „transportieren“ hat! O ja, diese abwertende Terminologie gab es mal im Ländchen! Muss dem etwa wieder so sein?

Sieht so  der Fortschritt im Gesamtkontext „Mobilität“ aus?  Mon oeil, würde Voltaire ausrufen!

Noch etwas, um konkret zu werden: In Städten wie Hasselt in Belgien etwa, die den Nulltarif-Plan schon ausprobiert haben, stiegen zwar die Fahrgastzahlen. Unter den neuen Fahrgästen waren aber viele, die vorher zu Fuß gegangen waren oder das Fahrrad genutzt hatten, und vergleichsweise sogar weniger Autofahrer. Verkehrsforscher haben dafür eine Erklärung: Autofahrer schätzen Flexibilität, ihnen ist nicht so wichtig, ob alternative Verkehrsmittel günstiger (oder gar gratis) sind. Deshalb werden die Autos nicht einfach verschwinden, wenn das „Freifahrtenprogramm“ kommt. Und deshalb sind auch die ökologisch denkenden Experten, wie etwa jene des „Verkehrsclubs Deutschland“,  gegen derartige Gratis - Pläne!

Besser als ein revolutionärer Radikalumbau in Sachen Tarifpolitik wäre es, den öffentlichen Verkehr noch attraktiver zu machen. In Sachen Dienstleistung im Klartext gesagt: Es soll und muss einfach klappen! Denn das interessiert die Kunden – Nutzer – Benutzer , sprich die Vernünftigen, via „ÖPNV-Bewegten“ im Alltag am allermeisten !

Ein ÖPNV als öffentliche Dienstleistung in anständiger Qualität, eine Vorgabe, die „gratis“ mit Sicherheit  nicht mehr garantiert sein wird!

Gratis? Wäre man jetzt gehässig, würde man Voltaire entsprechend zitieren – und man tut es:

Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit.“

Ach: Wer ist hier der Dumme? Wer der Kluge?                                              

Frank Bertemes


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