Lieserbréif vum Frank BertemesKruzifixus

Kruzifixus

Am Kreuz hing sein gequält Gebeine,
Mit Blut besudelt und geschmäht,
Dann hat die stets jungfräulich reine
Natur das Schreckensbild verweht.

Doch die sich seine Jünger nannten,
Die formten es in Erz und Stein
Und stellten 's in des Tempels Düster
Und in die lichte Flur hinein.

So, jedem reinen Aug' ein Schauder,
Ragt es hinein in unsere Zeit,
Verewigend den alten Frevel,
Ein Bild der Unversöhnlichkeit
.

                                                                                    von Theodor Storm

Ein wenig bekanntes Gedicht des deutschen Schriftstellers, Lyrikers und Autors von Novellen und Prosa des deutschen Realismus Theodor Storm, der von 1817 bis 1888 lebte und als Autor mit norddeutscher Prägung bedeutend war. Storm war studierter Jurist und arbeitete unter anderem als Rechtsanwalt und Richter.

Kruzifixus. Mit diesem Text trifft Storm ins Herz! An dieser ihm eigenen Unmittelbarkeit mag es liegen, dass seine Novellen und Gedichte weltweit gelesen und auch heuer ergründet werden. "Religion und Religionskritik bei Theodor Storm", wie Literaturwissenschaftler sich mit ihm beschäftigen. Im Gedicht "An deines Kreuzes Stamm o Jesu Christ" lehnt Storm das Kruzifix ab und ruft es zugleich an als Symbol menschlicher Ohnmacht. Das Gedicht "Größer werden die Menschen nicht" verkündet die Überwindung des Christentums in Form eines neuen Glaubens von aufklärungsoptimistischem Charakter. Die Brautbriefe bemühen sich, die Liebe zwischen Mann und Frau religiös zu steigern - eine vergöttlichte Geschlechterliebe als Antwort auf einen als entmenschlicht empfundenen Gott. Storm befindet sich auf der mühsamen Suche nach einem "lieben Gott", "wie ihn die Kinder haben", sehnt sich nach dem kindlichen Erleben nach Geborgenheit. Das demonstriert die Novelle "Im Schloss" - die Welt als Märchenreich, dessen Entzauberung durch die moderne Naturwissenschaft bodenlose Verlorenheit des Einzelnen in einer grausamen Welt bedeutet. Den Höhepunkt von Storms religionskritischer Auseinandersetzung bildet das letzte Kapitel, denn es wirft ein neues Licht auf seine wohl bekannteste Novelle, den "Schimmelreiter". Hier fällt die Frage nach Gott zusammen mit Sinnbildern des Grauens, die die Weltangst des modernen Individuums symbolisieren. Während "Im Schloss" die Fremdheit zwischen Welt und Ich in einer Liebe überwinden möchte, bricht im "Schimmelreiter" die Verständigung zwischen Mann und Frau im Rauschen der Flut vollends zusammen.

Die romantisch-christliche Lebenszuversicht ist dahin. Dieser Blickwinkel ist es, aus dem heraus man den "Schimmelreiter" letztlich als eine "Deichgeschichte" deutet, deren erzählte Welt aus dem "Zerschmelzen von sich Widersprechendem" entsteht. Der wohlbekannteSchimmelreiter , das im April 1888 veröffentlichte Werk , ist Storms bekannteste Erzählung und zählt zu seinem Spätwerk. Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage,  mit der Storm sich über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod.  Ein Analytiker dieser Tage bringt es auf den Punkt: Storm ist kein theoretischer Denker, der seine Zeit anspruchsvoll systematisch reflektiert. Gerade weil es dem Dichter nicht um ein logisch konsistentes Gedankengebäude geht, dokumentiert sein religiöses Suchen und religionskritisches Verwerfen exemplarisch die Inkonsistenz von Religion und Religionskritik im 19. Jahrhundert. Der Husumer Dichter lässt sich in keine ideologische Schublade ordnen - das macht der Literaturanalytiker deutlich und räumt in diesem Zusammenhang auf mit der einseitigen Fixierung Storms auf die Philosophie Ludwig Feuerbachs, der zufolge der Mensch sich auf nichts als das innige Band zwischen Ich und Du verlassen kann. ( Quelle: https://www.shz.de/2434341 ©2018)

Doch nun zur Sache: Das Kreuz mit dem Kreuz. In Deutschland kürzlich noch eine heftige Debatte, genauer im Bundesland Bayern. Schon in Klassenzimmern waren Kreuze ein Stein des Anstoßes – und das nicht nur in Bayern! Nur, Bayern setzte Mitte des Jahres 2018 noch eins drauf. Ministerpräsident Söder erntete dafür (völlig zurecht!) Kritik und Spott. Werbung ausblenden

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In allen bayerischen Landesbehörden hängen künftig Kreuze im Eingangsbereich. Doch diese sollen „kein religiöses Symbol des Christentums“ sein (sic!), sondern laut Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ein „ Bekenntnis zur Identität “ und zur „kulturellen Prägung“  Bayerns. (!) Das Kreuz sei nicht ein Zeichen einer Religion, wie er nach einer Kabinettssitzung, in der die mehr als umstrittene Verordnung für die neue Vorschrift beschlossen wurde, ungeniert  von sich gab. Was ist das Kruzifix, das Kreuz mit dem gekreuzigten Christus, denn bitte sehr sonst? Der TV-Satiriker Jan Böhmermann schrieb dazu: „Neues bayrisches Gesetz für noch mehr Heimatgefühle: Ab 1. Juni müssen im Eingangsbereich jedes öffentlichen Gebäudes in Bayern ein Kreuz, ein Bündel Knoblauch und ein Schrumpfkopf hängen.“ Andere schrieben etwa: „Ich dachte, es gibt eine Trennung von Staat und Kirche“  und „Schade, ich hoffte, das Mittelalter hätten wir hinter uns gelassen“. Söder wurde als „Verfassungsfeind“ bezeichnet, Bayern als „fundamentalistischer Gottesstaat in Deutschland“. Muss man sich etwa wundern? Kaum…

Das Kreuz hierzuländchen. Der Schreiberling erinnert sich an die Schrecken seiner Kindheit, in der der erste verbleibende Eindruck,  ebendieses Kreuz betreffend – dies nach dem Betreten des lokalen Gottestempels der Catholica (vulgo Kirche), in dessen Eingangsbereich direkt rechts nach Betreten desselben, ein in Lebensgröße an einem Kreuz festgenagelter Christus (INRI - „ Jesus von Nazareth, der König der Juden “), der  wohl als abschreckende Wirkung in der Funktion einer männlichen „Empfangsdame“ dienen sollte – in seinem Gedächtnis bis zum Ende seiner Tage verankert bleiben wird.  Eine eigentlich „ehrliche“ Form der Abschreckung, mit der die die Una Sancta Catholica für einmal das zugibt, was sie eigentlich ist: eine historische Organisation der Grausamkeit, der Macht  und der Herrschsucht, die mit christlichen Dogmen ihre „Gläubigen“ mittels Drohungen, Strafen und Abschreckungsszenarien diverser Form bei der Stange (sprich unter dem Zeichen des Kreuzes) zu halten gedenkt. Man stelle sich einmal vor, irgendwelche „Heiden“ – aus Sicht der Christen gesehen, versteht sich – die ein derartiges Götzenbild zu verehren sich erlauben würden, huldigten eben eines vergleichbaren Undings à la Kruzifix – die Katholiken würden Zeter und Mordio, also dringend und laut nach Hilfe schreien! Doch das alles tut man ohne mit der Wimper zu zucken unschuldigen Kindern an, die, wie der böse Atheist - der sich dies alles in Mariens beschaulichem Ländle zu schreiben erdreistet -  in seiner Kindheit auch innerlich erschreckt immer wieder das Gesicht des mit einer Dornenkrone auf dem Haupt am Kreuz hängenden „Heilands“ anblicken mussten – man kam einfach nicht an diesem Kruzifix vorbei! (siehe dazu die Textpassage des einführenden Gedichtes: „Jedem reinen Aug' ein Schauder“) Ein (vermeintlicher) „Erlöser“ (von wem und wovon denn eigentlich?) dessen „jungfräuliche“ Geburt die diversen staatlich subventionierten christlichen Sekten (und deren führende Staatskirche im besonderen) heuer wie jedes Jahr um ihre sogenannte „Weihnachtszeit“ feiern. Doch das alles, dieses doch wahrlich grausame Kreuz, das Kruzifix als Sinnbild für das Opfer Christi, das dieser nach christlichem Glauben zur „Erlösung der Menschheit“ gebracht haben soll, und dessen Anblick ist völlig „normal“….Wie verrückt sind „wir“ – meint natürlich diese an einen „Schöpfergott“ Gläubigen – eigentlich? Und das tut man den wahrlich unschuldigen Kindern an! Diesem Irrsinn wird man doch wohl endlich ob des abgeschafften Religionsunterrichts in öffentlichen Schulen definitiv absagen!

Somit stellt sich die Frage doch klar: Haben Kreuze angesichts der grassierenden Schwindsucht, welche die christlichen  Kirchen befallen hat, und angesichts der zunehmenden kulturell-religiösen Vermischung der Gesellschaft noch einen Platz im öffentlich zugänglichen Raum irgendwo auf der Welt? Oder gehören sie vom Nagel genommen? Auch wenn man hierzulande glücklicherweise immer weniger Kreuze sichtbar an den Wänden herumhängend begegnet.

 

Die Antwort dürfte doch klar sein:

 

Ciao Kruzifix!

 

Frank Bertemes


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