Lieserbréif vum Frank BertemesAntikrieg - Oder: Sag mir, wo die Blumen sind…

„Als nächstes wird der Staatsmann billige Lügen erfinden, die die Schuld der angegriffenen Nation zuschieben, und jeder Mensch wird glücklich sein über diese Täuschungen, die das Gewissen beruhigen. Er wird sie eingehend studieren und sich weigern, Argumente der anderen Seite zu prüfen. So wird er sich Schritt für Schritt selbst davon überzeugen, dass der Krieg gerecht ist und (…) nach diesem Prozess grotesker Selbsttäuschung besser schlafen können. “

Mark TwainDer geheimnisvolle Fremde

Konflikte schüren, Waffen liefern, Kriege anzetteln. Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien. Die aktuellen Brennpunkte. Aber auch Bürgerkriege und - heuer aktuell -  Drogenkriege. Kriege verursachen weltweit millionenfaches Leid und Sterben. Soziale Ungleichheit, politisches Unvermögen sowie kulturelle und religiöse Unterdrückung, Gier und Korruption sind ihre Ursachen. Ihre Beseitigung ist die notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Friedenspolitik. Pure Illusion? Auch wenn „Verteidigungsminister“ neuerdings Grüne sind und hoffnungsvolle grüne Akzente in ebendiese Politiken einzubringen ankündigen, darf man allerdings skeptisch sein, wenn ehemals (?) „Friedensbewegte“ die Verantwortung übernehmen. Doch vielleicht sollte man trotzdem gespannt sein, auf die Dinge, die da kommen werden….und das „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ – frei nach Heinrich Bölls satirischer Erzählung,  in der Zwerge als Christbaumschmuck auf Glöckchen bimmeln und ein Engel auf der Baumspitze die durch ein Tonband produzierten Worte „Frieden…Frieden…Frieden“ erklingen lässt.

Um dieses Reizthema als nachdenkliche Feiertagslektüre zum „Fest der Liebe und des Friedens“, egal wie man es auch nennt oder feiert,  rein menschlich gesehen zu betrachten,  sei an dieser Stelle für einmal eine Lied-Analyse bemüht. Ein Lied, das sich in diesem Kontext förmlich anbietet, und zwar eines der wohl eindrücklichsten Antikriegslieder.

Sag mir wo die Blumen sind” (englischer Titel: Where have all the flowers gone?) –  eigentlich ein Kettenlied: Blumen-Mädchen-Männer-Soldaten-Gräber-Blumen. Das Lied  läuft wieder in sich zurück, so dass es quasi immer weiter gesungen werden könnte. Dieses weltbekannte Antikriegslied gilt als das Lied der Friedensbewegung. Pete Seeger hatte 1955/56 den englischen Text, angeblich angeregt durch Sholochovs Roman „Der stille Don“, oder auch durch ein ukrainisches Volkslied, wie andere Quellen sagen, gedichtet und vertont. Max Colpet schuf 1962 die deutsche Fassung. Beide Versionen wurden besonders durch die Interpretationen Marlene Dietrichs (dazu noch eine Abschlussbemerkung zum Text) weltweit bekannt. Tatsächlich sind die Verse wohl durch mündliche Volksliedtradition beeinflusst, denn in diese waren Strophen Georg Jacobis aus dem Jahr 1782 (“Nach einem alten Liede”) übergegangen: “Sagt, wo sind die Veilchen hin... Sagt, wo sind die Rosen hin... Sagt, wo ist das Mädchen hin... Sagt, wo ist der Sänger hin... Mädchen, unser Leben flieht; auch der Sänger ist verblüht”

Die Besonderheit des Liedes liegt in seinem Text, welcher in jeder Strophe wiederkehrende Elemente enthält. Die Strophen beginnen stets mit “Sag mir wo … sind” und geben noch in derselben Strophe die Antwort über den Verbleib. Die Strophen enden alle mit einem wiederholten “Wann wird man je verstehn”…

Strophe 1 Sag mir, wo die Blumen sind. Wo sind sie geblieben? Sag mir, wo die Blumen sind. Was ist geschehn? Sag mir, wo die Blumen sind. Mädchen pflückten sie geschwind. Wann wird man je verstehn, wann wir man je verstehn?

In dieser einführenden Strophe wird die Frage nach dem Verbleib der Blumen gestellt,  gleichzeitig auch der Titel des Liedes. Die Blumen wurden von Mädchen gepflückt, also sinngemäß “zerstört”.  Akt eins der Emotionen, die dieses Lied auslöst….

Strophe 2 Sag mir, wo die Mädchen sind. Wo sind sie geblieben? Sag mir, wo die Mädchen sind. Was ist geschehn? Sag mir, wo die Mädchen sind. Männer nahmen sie geschwind. Wann wird man je verstehn, wann wird man je verstehn?

In der zweiten Strophe geht es um den Verbleib der Mädchen. Sie wurden, wie früher üblich, bereits in jungen Jahren “geschwind” von Männern zur Frau genommen. Dies stellt das abrupte Ende der Kindheit dieser Mädchen dar.

Strophe 3  Sag mir, wo die Männer sind. Wo sind sie geblieben? Sag mir, wo die Männer sind. Was ist geschehn? Sag mir, wo die Männer sind. Zogen fort, der Krieg beginnt. Wann wird man je verstehn, wann wird man je verstehn?

In der dritten Strophe des Liedes verschwinden also die Männer, die aufgrund des beginnenden Krieges als Soldaten zur Armee gingen und die „treu“ für Ihr Vaterland gekämpft haben. Im Sinne von Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Wanderer, kommst du nach Spa…“  ( Textpassage einer griechischen Vorlage in der Übersetzung Schillers):

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

In der folgenden vierten Strophe wird dies noch einmal deutlich gemacht und wie man anhand der bisherigen Strophen bereits erahnen kann, werden auch die Soldaten verschwinden. Sie  sind  noch im Krieg und viele dort sind gefallen und werden nie mehr zu Ihren Frauen und Kindern zurückkehren …


Strophe 4 Sag mir, wo die Soldaten sind. Wo sind sie geblieben? Sag mir, wo die Soldaten sind. Was ist geschehn? Sag mir, wo die Soldaten sind. Über Gräbern weht der Wind. Wann wird man je verstehn, wann wird man je verstehn?

Die absolute Sinnlosigkeit wird klar angedeutet… In Strophe 5 wird explizit auf die im Krieg gefallenen Soldaten eingegangen, da von ihren Gräbern gesprochen wird:

Text der Strophe 5 :  Sag mir, wo die Gräber sind. Wo sind sie geblieben? Sag mir, wo die Gräber sind. Was ist geschehn? Sag mir, wo die Gräber sind. Blumen wehn im Sommerwind. Wann wird man je verstehn, wann wird man je verstehn?

In dieser Strophe sind die Gräber verschwunden. Dies bedeutet, dass viele Jahre vergangen sind und neue Blumen blühen, also neue Hoffnung auf Frieden besteht, da der Krieg lange her ist. Mit dieser Strophe, mit der das Lied eigentlich auch enden könnte,  wollte der Verfasser des Liedtextes offensichtlich noch eine Mahnung einfügen, die Fehler der Vergangenheit, welche zu einem Krieg führten,  nicht zu wiederholen..

Abschließend dann Strophe 6. In dieser Strophe wird, wie in der ersten,  nach dem Verbleib der Blumen gefragt. Diese sind auf die gleiche Art und Weise verschwunden wie in der ersten Strophe. Dies lässt darauf schließen –  und wen kann das schon verwundern –  dass die Fehler der Vergangenheit bereits erneut begangen worden sind:

Sag mir, wo die Blumen sind. Wo sind sie geblieben? Sag mir, wo die Blumen sind. Was ist geschehn? Sag mir, wo die Blumen sind. Mädchen pflückten sie geschwind. Wann wird man je verstehn, wann wird man je verstehn?

Die wiederholte Frage “Wann wird man je verstehn” verbunden mit der aus der Sicht des Schreibers dieser Zeilen aufgeworfenen, ja fast schon verzweifelten Abschlussfrage, der eigentlichen Botschaft dieses Beitrages: Ach wird man je verstehn, ob die Menschheit überhaupt jemals fähig sein kann, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen? Wohl kaum…

Vielen Interpreten merkte man bei ihren live Auftritten an, wie schwer es ihnen fiel,  das Lied “Sag mir wo die Blumen sind” zu singen. Besonders bekannt war Marlene Dietrichs Auftritt anlässlich der UNICEF-Gala im Jahre 1962 in Düsseldorf, als sie bei der Abschlussfrage “Ach wird man je verstehn” den Tränen nahe war….

Frank Bertemes

 

Quellenangabe:  Peter Seeger / Arr.: Alain Goraguer / Bearb.: M. Colpet

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