Lieserbréif vum Frank BertemesDas Cappuccino-Prinzip?

Glaube dich nicht allzu gut gebettet;

Ein gewarnter Mann ist halb gerettet.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832),

Gut gewarnt ist halb gerettet. „Minus Dingsbums Komma Sonstwas“ überschrieb die Süddeutsche Zeitung ironisch einen Artikel über Prognosen der Wirtschaftswissenschaft. Das Beeindruckende dabei wäre laut Artikeltext, mit welcher Gewissheit die Ökonomen jederzeit auftreten,  um mal dies, mal das zu verkünden. Gewerkschaftsvorsitzende werden zitiert mit ihrer (durchaus berechtigten) Kritik an den „neunmalklugen Wirtschaftsprofessoren“, die letztendlich doch nur (gefährliche) „Kaffeesatzleserei“ betrieben (und in diesen Zeilen mehr dazu  – siehe Titel).  Und da ist was dran ! Nicht nur in der Wirtschaft generell, sondern auch im Kontext der Versicherungswirtschaft, die einen Wirtschaftszweig bezeichnet, dessen Gegenstand die Versicherung von Risiken ihrer Kunden ist. Um die man sich tatsächlich „sorgt“ –  und das scheinbar besonders im Kontext der Rentenversicherung.

„Raus aus der Stagnation – Vorschläge der Versicherungswirtschaft zur Zukunft der Altersvorsorge“, so posaunt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft  –  und nicht nur die deutsche! Die bekannte Debatte: Gesetzliche Rentenversicherung mit dem Stichwort Grundsicherung oder Sockelrente, betriebliche Altersversorgung, private Altersvorsorge, „Flexibilität der Übergänge“ usw….Die klassischen Töne der Versicherer,  denen man im Kontext Renten in gesundem Misstrauen gegenübertreten muss. Denn unser aller Pensions – und Rentenversicherungssystem im klassischen Umlageverfahren baut historisch gewachsen auf dem deutschen, bismarckschen  Sozialversicherungsmodell auf, das seinerseits auf dem bekannten Generationenvertrag basiert – das den privaten Versicherungsgesellschaften allerdings seit Jahren ein Dorn im Auge ist – tja, man will schließlich mitverdienen. Auch wenn der Begriff des Generationenvertrags einen „Vertrag“ beschreibt, der als  solcher nie von irgendeiner Generation wirklich geschlossen wurde, da es sich im juristischen Sinne nicht um einen Vertrag handelt, der schriftlich festgehalten ist, sondern um eine hypothetische gesellschaftliche Einigkeit – die man (heuer sehr unmodern!) übrigens Solidarität nennt, ein nicht niedergeschriebener Generationenvertrag also, der die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung durch die jeweilige Erwerbsgeneration sichern soll. Unser System der solidarischen Finanzierung der Sozialversicherung generell hat sich seit mehr als hundert Jahren jedenfalls bestens bewährt und muss dementsprechend und im Kontext der anstehenden Sozialwahlen mit allen Mitteln gegen die puren Profitinteressen der privaten Versicherer verteidigt, gar verbessert  werden. Dass man angesichts der kommenden Herausforderungen ob zunehmender Leistungsempfänger*innen Änderungen und Anpassungen des bestehenden Systems vornehmen muss, damit dieses auch weiterhin im Sinne der Erfüllung seiner fundamentalen  Rolle als das wohl wesentlichste Element der sozialen Absicherung im Alter funktionieren kann, dürfte wohl klar sein. Doch eines darf man nicht: auf die (vermeintlichen)  “Empfehlungen“ der Versicherungsgesellschaften hereinfallen. Und da fällt dann schon mal der verführerische Begriff des „Cappuccino-Prinzips“.

Cappuccino. Ein italienisches Kaffeegetränk, das zu etwa gleichen Teilen aus einem Espresso, heißer Milch sowie heißem Milchschaum besteht, der in der Regel in dickwandigen, vorgewärmten Tassen aus Steingut oder Porzellan serviert und gesüßt getrunken wird. Die privaten Versicherer setzen dieses genüssliche Getränk, das viele mit Freude zu sich nehmen, als Metapher im  Bereich der Zusatzversicherungen ein und bezeichnen die Chose als „Cappuccino-Prinzip“: unten ist der Kaffee – die staatliche Rente. Darauf kommt die Sahne, die dann die Zusatzrente wäre, die vom Arbeitgeber gespeist wird, meint also die Betriebsrente. Ganz oben drauf kommen dann die Schokostreusel, die private Individualversicherung, die man selbstredend bei einer privaten Versicherungsgesellschaft abschließen soll. Nur: diese  interessiert natürlich mitnichten, dass viele Normalos als Lohn – oder Gehaltsempfänger*innen  heuer kaum bis gar keine zusätzlichen Belastungen einer  monatlichen Beitragszahlung zu einer privaten Zusatzversicherung finanziell verkraften können und die nur für Besserverdienende oder Freiberufler generell finanzierbar ist, die diese steuerlich absetzen können – was natürlich  für jeden gilt. Die zweiten und dritten Säulen der Rentenversicherung, meint die Betriebsrenten und die private Vorsorge, Sahnehäubchen und Schokostreusel im Sinne des „Cappuccino-Prinzips“, sind für viele also nicht zu finanzieren. Gilt deshalb, so die mehr oder weniger offensichtlichen „Warnungen“ der Versicherer,  das Risiko der Altersarmut? Ein Thema, das allerdings in der sozialpolitischen Debatte immer mehr aufgeworfen wird. Und die  eine anständige öffentliche Rentenversicherung bestens verhindern kann!

Gewinne werden gern kapitalisiert und Verluste sozialisiert. Das dürfte bekannt sein. Wenn die Versicherer die versprochenen Leistungen, sprich Zusatzrenten irgendeiner Form nicht mehr bezahlen können oder sich die Kapitaldeckung als Gegenmodell zum Umlageverfahren dorthin „bewegt“ haben wird, wo die Titanic einst „gelandet“ war, sprich im Untergang (siehe das US-amerikanische, abschreckende Beispiel des Zusammenbruchs des Systems privater Renten, die nicht mehr ausbezahlt werden konnten ), ja dann, spätestens dann wird man wieder laut nach dem Staat und den öffentlichen Sozialsystemen schreien, auch und eben betreffend unserer Altersversicherung. Dann wird der Staat wieder rettend eingreifen müssen, wie der Kasinokapitalismus der Banken (die übrigens locker als Zocker im bekannten Stil wie gehabt weiter machen!) uns diktiert. Und die wollen zusammen mit der neoliberalen EU-Kommission ebendiese angesprochene  Kapitaldeckung als Ersatz des klassischen Umlageverfahrens durchsetzen!  Wann werden wir endlich erwachen und dem Privatisierungswahn diverser Art endgültig den Hals umdrehen? Dann wenn die Altersarmut tatsächlich ein Normalzustand sein wird?

Politklasse merke bitte : Unser Pensions – und Rentensystem, das sich im solidarischen Modell des Generationenvertrages im Umlageverfahren historisch gewachsen bewährt hat, ist und bleibt uns sakrosankt, also unantastbar!

Ach, gab es da nicht eine christliche Partei, dessen nun Ex-Präsident mit christlich-gewerkschaftlichem Hintergrund ihren Fehltritt mit der (eventuellen) Ankündigung in Richtung „Cappuccino-Prinzip“ als Teil des großen „CSV- Plans“, den man  vor den Wahlen vollmundig zum Besten gab, heuer einräumen musste?

Man hat sich wohl furchtbar an einem schlecht zubereiteten  Cappucino verschluckt…

Frank Bertemes




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