Lieserbréif vum Tom ManderscheidOffener Brief an den Minister für Inneres, Herrn Dan Kersch

Sehr geehrter Herr Kersch,

ich bin seit 30 Jahren im luxemburgischen Rettungsdienst aktiv und begrüße ausdrücklich die von Ihnen angegangene Reform des Rettungsdienstes. Ich weiß, wie sehr Ihre politischen Vorgänger den Rettungsdienst sträflich vernachlässigt haben und mit welchen Problemen Sie bei Ihrer Amtsübernahme konfrontiert wurden. Sie haben den Mut aufgebracht, notwendige und sinnvolle Maßnahmen zu planen und begonnen diese umzusetzen. Dafür gebührt Ihnen mein Respekt; auch wenn manche Maßnahmen eventuell in der notwendigen Eile etwas überhastet umgesetzt werden.

Allerdings bereiten mir die folgenden Punkte Sorgen: 

1)    In der aktuellen Gesetzesvorlage sind die Zugangsvoraussetzungen für zukünftige Notärzte nicht mehr begrenzt auf Fachärzte für Anästhesie.

2)    Die Verbleibt der aktuellen Standorte des SAMU an den vier Krankenhäusern ist nicht mehr gewährleistet.

Zu Punkt 1): Man muss wissen, dass Luxemburg wohl weltweit -  mir ist jedenfalls kein anderes Land bekannt - die höchsten Anforderungen an die Besatzung eines Notarztwagens hat. Ausschließlich Fachärzte der Anästhesie und Fachpfleger Anästhesie nehmen am Dienst teil. Es handelt sich ausnahmslos um eingespielte Teams und es ist gerade diese außerklinische Zusammenarbeit von Spezialisten, die tagtäglich in anspruchsvollen medizinischen Situationen innerklinische Erfahrung sammeln konnten und können, und deshalb sehr routiniert sind. Dies stellt die Stärke des luxemburgischen SAMU Systems dar.

Ein weiterer Vorteil unseres aktuellen Systems ist die Übergabe des Patienten des SAMU an das weiterbehandelnde Team, eine Übergabe unter Kollegen die tägliche Zusammenarbeit gewohnt sind. Der Anästhesist im Notarztdienst kann sogar bei seinem Patienten bleiben und der Krankenhaus-Anästhesist übernimmt einen eventuellen weiteren Einsatz. Da aktuell die gleichen Anästhesisten als Notärzte und innerklinisch arbeiten, ist die Lernquote und die Ansammlung an medizinischer Erfahrung grösser da wir zum Teil über Wochen unsere Patienten mitbetreuen.

In den fast 30 Jahren des SAMU hat es, meines Wissens, keine juristischen Probleme in geschätzt über 300.000 Einsätzen gegeben. Natürlich gibt es auch Nicht-Anästhesisten oder „Urgentisten“ die gute Notarztdienste leisten können, aber nicht alle.

Anästhesisten sind keine Alleskönner; sie sind Spezialisten für die Stabilisierung vital gefährdeter Menschen, für die Sicherung der Atem- und Herzkreislauffunktion, für Schmerztherapie. Die Notfallmedizin gehört quasi zur ihrer DNA. Jeder Arzt der einen vital gefährdeten Patienten behandeln muss, holt sich Hilfe von Anästhesisten. Jedes Krankenhaus hat Notfallteams mit Anästhesisten.

Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob der Notarzt, der präklinisch einen Schwerstkranken- oder Verletzten narkotisieren und intubieren muss, ein routinierter Anästhesist ist oder ein Vertreter einer anderen Disziplin mit „etwas Übung“ in Narkoseverfahren. Man kann alles lernen, aber nichts ersetzt langjährige und tagtägliche Übung und Erfahrung.

Es gibt Berichte aus Nachbarländern, in denen ein zu hoher Anteil der Intubationen durch Nicht-Anästhesisten fehlerhaft sind, mit potentiell lebensgefährlichen Komplikationen. Das gleiche gilt für viele andere notfallmedizinischen Maßnahmen in denen Anästhesisten routinierter sind als Ärzte anderer Fachrichtungen.

In Deutschland sind in den letzten Jahren die Voraussetzungen für Notärzte aus diesen Gründen verschärft worden.

Es wäre meines Erachtens ein Fehler, von unserem, bemerkenswert gut funktionierenden,  Modell abzuweichen.

Zu Punkt 2): Ich begrüße ausdrücklich, die vom Text erwähnte Möglichkeit Notarztstandorte außerhalb der bestehenden Kliniken zu eröffnen, wenn dies zu einer besseren und zeitnahen Versorgung der Bevölkerung führt. Wenn sie aber keine Garantie geben können, dass die jetzigen Standorte bestehen bleiben, dann könnte dies zur Folge haben, dass die aktuellen Notärztegruppen sich scheuen würden, ihre in Rente gehenden Kollegen zu ersetzen. Welcher Betrieb stellt gerne Personal ein, wenn es nicht sicher ist wie die zukünftige Auslastung sein wird. Die Anästhesisten könnten, ohne „Standortschutz“, genötigt werden eine vorsichtige Einstellungspolitik zu betreiben und in die Situation kommen, nicht mehr auf das "Standbein SAMU" zu bauen. Mit den Folgen, dass die in Punkt 1) erwähnten Nachteile auftreten würden: eine qualitativ schlechtere Versorgung im Notfall. Dies gilt es zu verhindern!.

Sie hatten den Vertretern der Anästhesisten zwar versprochen, keine wesentlichen Änderungen vorzunehmen, der Gesetzesvorschlag öffnet aber manche Türen.

Sehr geehrter Herr Kersch, Ihre Reform kann ein wirklich großer Wurf werden, aber Sie sollten keine Öffnung zu möglichen Verschlechterungen einführen. Bitte verbessern Sie diese Punkte und Sie können sich meines tiefsten Respekts für Ihre Leistung im Bereich Notfallmedizin sicher sein.

„Never change a running system“

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Tom Manderscheid

Médecin coordinateur SAMU Ettelbruck


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