Lieserbréif vum Frank BertemesHolzklasse?

Fehler zu machen, ist leicht, Fehler zu erkennen, fällt schwer, Fehler zu korrigieren, ist schwer.

Fehler zu machen, ist leicht, Fehler zu erkennen, fällt schwer, Fehler zu korrigieren, ist schwer.

Und: Fehler zu vermeiden, bevor man sie begeht…ist doch leicht! Oder doch nicht? So eine einleitend, mit Verlaub,  persönliche Einschätzung… Fehler vermeiden also – für einmal in weiser Voraussicht dessen, was da kommen wird. Und diese Einsicht – der Titel dieses Beitrages deutet es schon an  –  haben immer mehr tägliche Bahnkunden, die mit recht nicht dazu bereit sind, sich von wenig durchdachten politischen Werbesprüchen à la „gratis ÖPNV“ blenden zu lassen, einer Vorreiter-Initiative im Sinne eines (vermeintlichen) „Nation branding“- Coups der besonderen Art, der allerdings bei näherer Betrachtung sehr leicht als „Nation blending“ entlarvt werden kann – und das eben nicht erst auf den zweiten Blick!

Die Eisenbahn, das Verkehrsmittel der Zukunft! Klassisches Zugmaterial und Tram -  respektive S-Bahnen, wie uns Verkehrswissenschaftler schon vor Jahren klar machen wollten… Nur wir Luxemburger waren da eher beratungsresistent, leider! Die im ÖPNV-Netz viel zu viel eingesetzten Busse sind in diesem Gesamtkontext gesehen, immer nur Zubringer –  um auch das klarzustellen. Die Erkenntnis des vorrangig als Hauptverkehrsträgers einzusetzenden schienengebundenen Transportmittels „Zug“  als Rückgrat des ÖPNV kam im Autoland Luxemburg erst spät. Viel zu spät…. Der Verdacht liegt ob des aktuellen alltäglichen Verkehrschaos‘ wahrlich nahe… In diesen Kontext passt dann auch die heuer aktuelle Debatte um die Wagenklasse, die sich nach der ominösen „Gratis ÖPNV“ - Ankündigung, die allerdings niemand im Ernst erwartete, selbstverständlich ergeben musste. Die Wagenklasse bezeichnet bei der Eisenbahn die Beförderung in Wagen auf einem bestimmten Komfortniveau. Üblicherweise werden die Wagenklassen nummeriert. Die Erste  Klasse bezeichnet die Klasse mit dem höchsten Komfort. Die Bezeichnung „Wagenklasse“ rührt daher, dass ursprünglich jeweils ganze Wagen einheitlich ausgestattet waren. Heute gibt es in vielen Zügen Plätze verschiedener Klassen in einem Wagen; in dem Fall wird oft auch einfach verkürzt von Erster Klasse oder Zweiter Klasse gesprochen – und diese generell am meisten genutzte Zweite Klasse  ist durchaus nicht abwertend zu verstehen.  Die ehemals auch bestehende Dritte Klasse wies bis zu ihrer Abschaffung  ausschließlich Holzbänke auf, weshalb sie auch als  (siehe Titel) Holzklasse  bezeichnet wurde. Im Juni 1956 wurde in allen *UIC-Mitgliedsstaaten die dritte Klasse mit Beginn des Sommerfahrplans abgeschafft – dass es auch einmal eine Vierte Klasse gab, ist eher irrelevant und sei deshalb auch nur nebenbei bemerkt.

Minister François Bausch ist ein intelligenter und generell vorausschauend denkender Politiker, der nicht nur als erfahrener Eisenbahner in der Transportpolitik durchaus erfolg- und ideenreich zu agieren versteht. Er dürfte mit Sicherheit „not amused“ von der DP-Umsetzung einer von dieser Partei in ihrem  Wahlprogramm angedachten Forderung gewesen sein, einer Partei,   die darüber hinaus irgendeiner verkehrspolitischen Kompetenz völlig unverdächtig ist. Eine liberale Partei, von der gewisse ihrer ideologisch gezielt wirtschaftsliberal eingestellten Protagonisten vor Jahren schon die CFL-Gesellschaft tatsächlich abschaffen wollten und den öffentlichen Schienentransport hierzulande, von diesen  ungeniert und im Ernst gemeint,  von der SNCF so nebenbei „miterledigen“ lassen wollten.  Egal wie, die heuer aktuelle Kröte des Gratis-ÖPNV, die die Grünen schlucken mussten, soll dann nun der grüne Minister mit den CFL-Verantwortlichen durchführen. Eine mehr als bedauerliche Aufgabe, die so einige völlig verständlich in Aufregung versetzt. Vor den Wahlen war der engagierte Minister deshalb auch sehr deutlich, was die Idee der Einführung eines generell „gratis“ öffentlichen Transportes angeht. Bausch (so das „Land“ vom 14. Dezember zitiert) nannte das Gratisversprechen der DP in ihrem Wahlprogramm „Populismus“. Mehr ist das nämlich auch nicht – realpolitisch betrachtet.

Ohne sich allerdings zu wiederholen, will der Zeilenschreiber deutlich machen, dass das klare Risiko besteht, dass die noch bestehende „Zweite Klasse“ (die dem Bahnkunden*kundin einen absolut anständigen Komfort in günstigem Tarif  anbietet) wieder – und die terminologische Übertreibung sei diesbezüglich im Komfortkontext zu lesen – zur Holzklasse zu degradieren droht – diesbezügliche Stichworte, von denen einige „Begeisterte“ heuer scheinbar nichts hören wollen : ungenügende Transportkapazität, aktuell zu wenig verfügbares Zugmaterial, zu wenig verfügbare Sitzplätze, generell überlastete Züge, zunehmende Belästigungen diverser Art durch fragwürdige „Bahnbenutzer“, Alkohol-, Drogen – und Gewaltprobleme, verschmutzte Züge, stark beeinträchtigter Sitzkomfort durch mangelnde Hygiene usw… Ein riskierter Rückschritt? Genauso wie jener, die Bahnkunden wieder zum Bahnbenutzer zurückzustufen. Man erspare uns doch bitte diese unweigerlichen Diskussionen, die in Bälde dann Alltag zu werden drohen! Mit allen Konsequenzen übrigens. Man ignoriere übrigens auch nicht, dass so manche Bahnkunden eher bereit wären,  mehr zu zahlen als eben gar nichts, nur um den Komfort zu behalten, den sie heuer noch genießen dürfen – in anständiger öffentlicher CFL-Dienstleistung, die mit Engagement kundenorientiert ist – zumindest Stand heute noch…Soll dem etwa in naher Zukunft nicht mehr so sein? Zurück zum (nicht nur gefühlten) Niveau Holzklasse? Und ohne an dieser Stelle eine sozialpolitische Debatte auslösen zu wollen, mitnichten!

Minister Bausch bestätigt, dass die Tendenz dahin gehe, die erste Klasse beizubehalten – natürlich weiterhin gegen Bezahlung!  Aber die Entscheidung, so der Minister im aktuellen Samstag- „Tageblatt“-Interview, sei noch nicht getroffen. In diesem Zusammenhang betont Bausch auch ausdrücklich und wie bereits erwähnt, dass er immer gegen diese Maßnahme  eines generellen „gratis“ ÖT argumentiert hat – und dazu auch heute noch steht! Sehr lobenswert – nur: dass dies eine (vermeintlich) „soziale“ Maßnahme sein soll, wie die Regierungsmannschaft heuer wie aus einem Munde betont, glaubt er sich und seinen Regierungskollegen*innen doch wohl selbst nicht…oder? Denn ob der wahrlich aktuell schon sozialen Tarife des  Inlands- ÖPNV und all jenen, die sowieso schon ob der diversen bestehenden Regelungen gratis fahren dürfen, muss man eines klar und deutlich betonen: die Sozialpolitik ist keine Aufgabe der Verkehrs – und Transportpolitik! Die transportpolitischen Aufgaben sind an sich völlig unabhängig von sozialpolitischen Vorgaben und stehen eher im direktem Kontext der Wirtschaftspolitik, eine Erkenntnis, die man beispielsweise in der Schweiz längst hatte. Hier fahren beispielsweise  Banker und Angestellte seit ewigen Jahren in anständigen und bestens funktionierenden Bahnen zusammen zur Arbeit! Von „gratis“ Transportleistungen redet man überhaupt nicht – ein luxemburgisches „hot topic“ ist in der Schweiz (und bestimmt nicht nur dort) eher ein absolutes No-go! Und deshalb sei noch und nöcher betont, dass auch die nationale Wirtschaft eines Landes von einer anständigen, durchdachten, optimal funktionierenden und in diverser Hinsicht qualitätsorientierten Verkehrs – und Transportpolitik profitiert, diese  als selbstverständlicher „Zubringer“ einer auch wirtschaftlich erfolgreichen Nation dient, die dann eben auch ob der gemeinsam realisierten Wirtschaftsleistung Garant einer optimalen Sozialpolitik für alle sein kann! Das dürfte ebenfalls klar  sein.

Und auf das mehr als bedauerliche Niveau einer Holzklasse brauchen wir uns doch wohl niemals mehr herabzulassen…

Packen wir’s an!

…und vergessen den „gratis“ ÖPNV!

Frank Bertemes

*UIC – der internationale Eisenbahnverband

Im Oktober 1922 nahm die „Union Internationale des Chemins de Fer“ (UIC) ihre Arbeit auf. Sitz des Verbands ist bis heute Paris. Als zwei der wichtigsten Ziele seiner Arbeit führte der „Internationale Eisenbahnverband“ schon in seiner damaligen Satzung die Zusammenarbeit der Bahnen und die Förderung des internationalen Eisenbahnverkehrs an.



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