Lieserbréif vum Frank BertemesFreigeister

Der Mensch kann nicht gut genug vom Menschen denken.

Immanuel Kant, Philosoph 1724-1804

Immanuel Kant. Geboren am 22. April 1724 in Königsberg, Preußen, und auch dort am 12. Februar 1804 gestorben. "So ruhig als möglich" und "wie es schien, gern", notierte ein Zeuge, verschied der 79-jährige Immanuel Kant in seinem Haus zu Königsberg. Kant galt als „Weltweiser“ und Philosoph der Aufklärung, ein Freigeist, der zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie zählt. Der Weltbürger aus Königsberg forderte die Menschen dazu auf, sich aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" zu befreien. Unter Unmündigkeit verstand Kant die kritiklose Aneignung von politischen Programmen oder von religiösen Dogmen, die er als "bloßen Religionswahn", "Afterdienst" und "Fetischdienst" bezeichnete. Das war wohl klar und deutlich. Um nun diese Unmündigkeit zu überwinden, empfahl Kant ein Rezept: das Selbstdenken, "das heißt, den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst suchen". Hat man diesen Probierstein gefunden, wird man ein mündiges Mitglied der Gesellschaft, das selbstverantwortlich und moralisch handelt. Immanuel Kants Philosophie kann als Aufforderung verstanden werden, diesen Ratschlag in die Praxis umzusetzen. Für ihn ist der Mensch ein frei handelndes Wesen, das die Möglichkeit hat, sein Leben selbst zu gestalten.

Der Freigeist. Der auch heute durchaus mehr als aktuell ist und der, wie ebendieser Immanuel Kant, dem modernen Menschen  "Sapere aude!" zurufen würde:  "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!". Das autonome Subjekt, also der freie, von äußeren Vorgaben unabhängige Geist, ist das Kernstück der Aufklärung. Dieses Subjekt ist der Freigeist. Nur – gibt es diesen Menschentypus der besonderen Art im Zeitalter des gesellschaftlich angepassten,  „gleichgeschalteten“ Homo Digitalis überhaupt noch? Der sein Denken wohl schon in Bälde einer KI, also einer „Künstlichen Intelligenz“, übertragen wird? Und, weiter gefragt: Ist dieser Typus „Freigeist“ überhaupt noch erwünscht? Eine Frage die dieser langweilige Menschentypus, der nur noch auf irgendwelchen elektronischen Apparaten herumwischt (und wem das Denken überlässt?) und der jedoch leider Zukunft sein wird, sich bestimmt nicht stellen wird…Denken? Kritikfähigkeit? Eigener Wille? Was soll das…

Was ist ein Freigeist? Wir leben doch, so mag man sich denken, in der absolut „freien“ Gesellschaft des 21ten Jahrhunderts, in der absoluten Moderne! Sind wir etwa keine „freien Geister“? Doch ebendiese Freigeistigkeit wirklicher Freigeister wäre, wenn dem denn auch in der Tat  so sein sollte, wie es eben gerade nicht (mehr) ist, besonders in unserer „gepflegten“ digitalen Gesellschaft,  ein absolutes Must. Und wenn es nur deshalb opportun wäre, uns selbst zu beweisen, dass wir nicht von irgendeiner  digitalen Technik abhängig sind, wir in dem Sinne demnach eben durchaus immer noch fähig dazu sind, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Nur – wo stehen wir?

Wühlen wir ein bisschen im Kontext dieses Wortes. Genauer, in den Wortformen: freigeistig, Freigeisterei. Positiv (konstruktiv): Querdenker, Aufgeklärter, Freidenker; neutral: Glaubensloser, Konfessionsloser, Religionsloser; negativ (teils veraltet): Gottloser, Ungläubiger, Heide, Atheist, Ketzer, Sektierer. Der Begriff „Freigeist“ wurde früher von institutionellen Religionen abwertend benutzt, um Menschen zu bezeichnen und abzugrenzen, die "frei" von religiösem Glauben sind. Was bestimmt schon mal kein Fehler war…Freigeistigkeit ist eine verschärfte Wahrheitssuche und folglich auch eine größere Redlichkeit im Denken und Urteilen, die allen Versuchungen widersteht, sich allzu bequem in vorgefassten Meinungen oder  Mustern einzurichten, die der Philosoph als Vorurteile bezeichnet. Ein Freigeist denkt und urteilt jenseits der Glaubenssätze und Dogmen.

In der Zeit der Aufklärung war der Freigeist besonders präsent. Immanuel Kant klassifizierte die Aufklärung als „Ausgang aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Das autonome Subjekt, also der freie, von äußeren Vorgaben unabhängige Geist ist das Kernstück der Aufklärung. Dieses Subjekt ist eben der Freigeist. Kaum verwunderlich, dass gerade Philosophen Freigeister waren. Weil eben die Philosophie die Suche nach Wahrheit und damit die Befreiung von trügerischen falschen Bindungen und metaphysischen Heilsversprechen darstellt. In diesem Sinn gelten Nietzsche, Diogenes, Sokrates und Voltaire als Freigeister par excellence. Der neuzeitlich im Positiven benutzte Begriff Freigeist beinhaltet die Absicht, sich eigenständig über persönliche, sowie gesellschaftspolitisch liberale Werte zu identifizieren und auszudrücken. Freigeister wurden ab dem 16. Jh. als sogenannte „ Gottlose “ angeprangert, im  „Index“ der Catholica gelistet und geächtet. In diesem Sinne war Martin Luther ebenfalls ein früher Freigeist und Aufklärer, der auf nonkonformistische, „protestantische“ (selbstbewusste) Weise einen Teil der damaligen unterjochten Christen von den Dogmen und Zwängen der katholischen Kirche quasi „befreite“. Seit dieser Zeit hatte die Freigeistigkeit – insbesondere und wie bereits erwähnt durch Philosophen, Schriftsteller, Wissenschaftler und politische Aktivisten betrieben – zahlreiche Wertewandel in der abendländischen Kultur hervorgerufen. Insbesondere durch die Aufklärung (ab Anfang 17. Jh.) konnte das „freie Denken“ in seinen ersten Grundzügen etabliert werden. Es ging im Kern aller Diskussionen immer um Werte,  auch wenn der Begriff meist nicht verwendet wurde.

Wie sieht es heute aus? Die Gesellschaft braucht Freigeister. Nur sie bringen frischen Wind in die muffigen Denkgebäude des Mainstreams und verhindern den Stillstand. Um die Philosophen für einmal auszuklammern, ebenso wie sonstige allgemein bekannte Freigeister aus ganz anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, so kommt man nicht umhin, die politisch angepasste Klasse ebendieser Kaste zu erwähnen. In der Politik sind Freigeister viel zu selten! Wie so manche Autoren uns mitteilen – und wie recht sie mit dieser drastischen Aussage haben! Denn in der Tat: Politiker/Innen verderben es sich häufig mit Weggefährten, Parteifreunden und Menschen mit ähnlicher Zielsetzung wie mit dem klar akzentuierten politischen Gegner. Sie lassen sich nicht vereinnahmen, gehen grundsätzlich ihren eigenen Weg und werden deshalb auch leicht als Verräter an der eigenen Sache betrachtet. Häufig sind solche Geister politisch auch schwierig ins klassische Links/Rechts-Schema einzuordnen. Und natürlich – was den Atheisten, der hier schreibt,  besonders am Freigeist gefällt: Der Freigeist pflegt den Konflikt mit den Religionen! Da freie Geister jenseits der Ideologien denken, auch jenseits religiöser Dogmen, da für sie Religion ohne Kirche, Sekten und Gesetzestexte und metaphysische Spekulationen auskommt, bilden sie Gegengewichte zu den oftmals aggressiven Diskussionen über die Weltreligionen. 

Von der Libertinage unterscheidet sich die Freigeistigkeit eindeutig dadurch, dass es dem freien Geist nicht vornehmlich um die eigene Selbstverwirklichung und um das ungehemmte Ausleben seines Egos und seiner Bedürfnisse geht, losgelöst von allen sozialen Werten und Übereinkünften, sondern dass er im Denken und Handeln, unabhängig und vorurteilsfrei, aber verantwortungsvoll und ohne Widerspruch zum gesellschaftlichen Ganzen agiert, wie exzentrisch die Einsichten auch immer sein mögen, zu denen freie Geister gelangen. Das gilt auch für andere Grenzüberschreiter, die sich auf die Meinungsfreiheit berufen. Tabubrecher, die Hassreden halten oder die Menschenwürde missachten, auf diese oder jene Weise gegen demokratische Grundprinzipien verstoßen, sind, was sie sind – aber gewiss keine Freigeister. Liberale Werte – im gesunden Sinne des Wortes zu lesen – hier hat die positiv konnotierte moderne Freigeistigkeit ihr Fundament.

Oder auch ein anderer Freigeist, am  Beispiel von Pippi Langstrumpf in Astrid Lindgrens bestbekanntem Roman. Eine  Geschichte für Generationen von Kindern und von Erwachsenen, die hier möglicherweise ihre heimlichen Träume von der herrschaftsfreien Gesellschaft ausleben. Da lebt ein phantasievolles Kind in paradiesischen und eigentlich wahrhaft anarchischen Verhältnissen - ohne Eltern und ohne Erziehungsberechtigte, ohne Aufsicht und ohne Jugendamt mit seinem Affen und seinem Pferd in der Villa Kunterbunt, kann den ganzen Tag tun, was es will und muss nicht mal zur Schule gehen. Da Pippis Vater, ein Seefahrer, der durch die Weltmeere zieht und König auf einer Südseeinsel geworden ist, seiner prächtigen und mit wundersamen Kräften ausgestatteten Tochter dieses freie Leben ganz einfach zutraut und sie nur hin und wieder besucht, um von den fernen Ländern, die er sah, zu berichten, hat die neunjährige Heldin sowieso einen experimentellen und angstfreien Blick auf die Welt. Sie rechnet mit Zahlen auf ihre eigene Art, macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt und weiß am Ende aber doch, was im Leben zählt - zum Beispiel die Freundschaft mit den Nachbarskindern Tommy und Annika, die sie nicht verlassen will, weshalb sie am Ende auch auf die abenteuerlichen Seefahrten mit ihrem Vater verzichtet. Ein kindlicher Freigeist in einem Kinderroman. Ein Plädoyer vielleicht dafür, Kindern mehr zuzutrauen und die Welt von Zeit zu Zeit und immer wieder einmal mit Kinderaugen zu sehen. Alle Macht der Fantasie! könnte man sagen - auch im Sinne der Pippi Langstrumpf, der kindlichen Anarchistin.

 

Frank Bertemes




 

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