Lieserbréif vum N.G.Die Affaire Lunghi und das Stockholm Syndrom

Natürlich bin ich nicht unvoreingenommen und nicht objektiv. Wer ist das schon?

Es war am Abend des 3. Oktober, als ich den Beitrag auf rtl.lu sah, der mich irritierte. Auf den gezeigten Bildern erkenne ich den Geschäftsführer eines Kulturinstituts, der gegenüber einer Journalistin sichtlich die Fassung verliert, die natürliche Distanz physisch und verbal für einen Augenblick außer Acht lasst und die Frau bedroht.

Diese Bilder wirken verstörend, weil sie es sind. Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang, "erschreckend", nennt es der Journalistenverband ALJ in einer ersten Reaktion. Der Premierminister Xavier Bettel, der ebenfalls Kultur- aber eben auch Medienminister ist, teilt diese Ansicht und tut, was er angesichts der Sachlage tun muss: Er veranlasst eine Prozedur, die der Aufklärung von Umständen und Hintergründen dient: ein Disziplinarverfahren in Verlaufe dessen die Fakten beleuchtet und ein mutmaßliches Fehlverhalten eines Staatsdieners festgestellt oder ausgeschlossen wird.

Die Umstände und Hintergründe werden dabei nicht ignoriert. Ganz im Gegenteil. Der "Commissaire à la discipline" ist kein Staatsanwalt, der eine etwaige Schuld als erwiesen darlegen mochte, sondern erfüllt viel eher die Rolle des Untersuchungsrichters. Er ist dazu verpflichtet festzustellen, ob es überhaupt ausreichend Elemente gibt, um Schritte zu unternehmen, die als "Bestrafung" bezeichnet werden können.

Wenn also im Nachgang von einer Vorverurteilung gesprochen und geschrieben wird, ist das schlicht falsch.

Enrico Lunghi hat unbestreitbare Verdienste und verdient Respekt in seiner Arbeit. Warum jedoch soll das überhaupt eine Rolle spielen? Warum ist es von Belang, dass der Museumsdirektor für mutige Entscheidungen steht und großes Ansehen genießt, wenn er sich zu einem gewissen Zeitpunkt ungebührend verhält? Soll der Hinweis auf berufliche Verdienste ein etwaiges Fehlverhalten entschuldigen? Das würde bedeuten, dass man sich "mehr erlauben" darf, wenn man in einer ausgewiesene Führungsposition ist und in dieser nicht in Frage gestellt wird. Das kann nicht richtig sein.

Nun wird jedoch auch der Hintergrund der Berichterstattung an sich in Frage gestellt. Der boulevardeske Stil der Sendung in Rahmen dessen Enrico Lunghi vor der Kamera stand, wird hinterfragt. Eine Kritik an dem Format dieser Sendung sei nachvollziehbar, aber es drängt sich auch hier die Frage auf, inwiefern das von Belang ist. Darf man eine Journalistin mit einem aggressiven Verhalten begegnen, wenn man sich provoziert fühlt? Nein das darf man nicht!

Ebenso wenig, wie man auf der Autobahn den lichthupenden Hintermann von der Straße drängen darf. Tut man es doch - und sei es auch nachvollziehbar - muss man mit den Konsequenzen rechnen und leben. (Strafmildernde Umstände sind einem übrigens gewiss und das gilt gleichermaßen im Rahmen eines Disziplinarverfahrens). In den sozialen Netzwerken kursiert das Gerücht RTL habe die Bilder "manipuliert". Es ist als Außenstehender schwierig solche Behauptungen zu bewerten, klar scheint jedoch, dass es sich tatsächlich um einen "Beitrag" handelt, also redaktionell bearbeitet wurde - nichts Ungewöhnliches. Ebenso klar ist aber auch, dass der "Commissaire à la discipline" sich Zugang zu den Originalbändern verschaffen wird und die dadurch gewonnenen Informationen in seine Bewertung miteinfließen lassen wird. Aber muss er das überhaupt? Reicht es nicht zu wissen, dass Herr Lunghi sein Fehlverhalten zugegeben und sich dafür entschuldigt hat, um festzuhalten und sich einzugestehen, dass es ein Fehlverhalten gegeben hat?

Nun gestaltet sich die sogenannte "Affaire Lunghi" aber zunehmend kompliziert, verworren und für mich auch zunehmend unverständlicher und weniger nachvollziehbar. Einen Monat nach dem Vorfall reicht Enrico Lunghi seinen Rücktritt ein und beantragt die ihm rechtlich zustehende Wiedereingliederung in den Staatsdienst. Damit verbunden ist eine Solidaritätsbekundung von in- und ausländischen Kulturschaffenden. Ein ehrenwertes Engagement. Es fußt jedoch auf einer abenteuerlichen Argumentation. Man stellt sich hinter, neben und vor Enrico Lunghi, weil dieser Opfer jahrelang andauernden "Schikanen" gewesen sein soll und dem Druck schließlich nicht mehr habe standhalten können. So ist auf der Homepage des internationalen Komitees der Museen und Sammlungen für moderne Kunst (CIMAM) zu lesen: "(...) For many years he has been harrassed by his critics in Luxembourg, who could not stomach his generous and unconditional support of contemporary art and begrudged his international recognition. (...)".

Ich erlaube mir kein Urteil über den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung, stelle aber wiederum, die Frage: Inwiefern ist das von Belang? Was hat eine vermeintlich jahrelang andauernde Kritik an dem Kurator Enrico Lunghi mit dessen Ehrbarkeit als Vertreter einer staatlichen Kulturinstitution gegenüber der Presse zu tun? Es drängt sich förmlich der Verdacht auf, dass die Solidaritätsbekundung des CIMAM auf einer Falschinformation basiert. Auf der genannten Homepage heißt es weiter "The circumstances leading to Enrico Lunghi's resignation are a threat to all of us - not least because they are anti-democratic." Wie die Umstände die Enrico Lunghi vermutlich zum Rücktritt bewegt haben, eine Bedrohung für eine freie Kunst sein sollen, wie es weiter heißt, bleibt mir schleierhaft.

Hierzulande reißt die Solidarität ebenfalls nicht ab. Es scheint, als habe sich ein Ventil der Entrüstung geöffnet. Ursprung, Fakten und Hintergründe spielen keine Rolle mehr. Wenn jedoch mittlerweile ignoriert wird, dass Enrico Lunghi nicht etwa entlassen wurde, sondern vollstes Vertrauen zugesichert bekam, dass er nicht wegen seiner Arbeit in der Kritik stand, sondern wegen seines Verhaltens, dass er selbst die Entscheidung seines Rücktritts getroffen und zu verantworten hat, dann rücken wir tatsächlich nahe an die Welt eines Donald Trump in der jeder sich die Wahrheit so zurecht legt, wie sie ihm gefällt.

Die krasse Diskrepanz zwischen dem tatsächlich Geschehenen und der Interpretation dessen, was als Hintergrund bezeichnet wird, bleibt in der Berichterstattung unbeachtet - und das ist in der Tat "erschreckend".

Übrigens und abschließend will ich bemerken, dass mir sehr wohl bewusst ist, dass Frau Schram aus welchen Gründen auch immer (noch) nicht im Besitz eines Presseausweises ist. Dieses Privileg ist jedem verwehrt, der seinen Lebensunterhalt nicht vornehmlich als Journalist beziehungsweise Reporter verdient - also keinen festen Arbeitsvertrag mit einem Herausgeber unterhält. Ist das wirklich von Belang? Frau Schram ist meines Wissens im Besitz mindestens eines Hochschulabschlusses und Doktor der Philosophie. Das sollte sogar vor dem Hintergrund der wirren Infragestellung bezüglich der Ehrhaftigkeit der Fragestellerin reichen, um ernst genommen und mit Respekt behandelt zu werden.

N.G.

PS: Ich habe die Redaktion darum gebeten, diesen Leserbrief aus Ehrfurcht vor der Macht des Shitstorms anonym zu veröffentlichen.

Är Commentairen - Netikett


D'Commentairë gi gelueden, ee Moment w.e.g.!
Sollte se net geluede ginn, hutt der wahrscheinlech een AdBlocker lafen, dee se blockéiert. Dir misst en da sou astellen, dass en eisen Site net méi komplett blockéiert.