„Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung.“

(Albert Einstein aus: Wider Vorurteile und Denkgewohnheiten)

 

Ned Ludd. Eine Sagengestalt im Kontext der These, dass die immer weiter steigende Produktivität die Menschen zunehmend aus dem Produktionsprozess verdrängen werde. Die Tätigkeiten, die Arbeit, die Arbeitsprozesse würden zunehmend von Maschinen (heutzutage von Robotern) übernommen, die Menschen folglich immer weniger benötigt. Das Ende der Arbeit? Oder doch und trotz allem: Arbeit ohne Ende?

Immer weniger Menschen, die arbeiten. Eine Idee, die so alt ist wie das Industriezeitalter. Sie ist verknüpft mit eben der Sagengestalt des Ned Ludd, von dem niemand weiß, ob er wirklich jemals gelebt hat. Und doch spiegelt sich in der Figur dieses Antihelden, der als geistesschwach und emotional instabil galt, jedoch mit einiger Körperkraft ausgestattet gewesen sein soll, das Unbehagen mit der „maschinisierten“ Moderne. Der Luddismus ist einer der großen Kampfzyklen der englischen Arbeiterklasse Anfang des 19. Jahrhunderts. Die „Luddites“, wie sich die britischen Maschinenstürmer im 19ten Jahrhundert nannten – ihr Ziel: den angeblich menschenverachtenden Fortschritt aufhalten – ihr Mittel: Terror gegen Maschinen. Bekennerschreiben unterzeichnen sie mit „King Ludd “ oder auch „Captain Ludd “. Der Mythos lebt – bis heute. Als „Neo-Ludditen“ bezeichnen sich so manche Fortschrittsgegner der Gegenwart. Sie ängstigen sich vor der rasanten technischen Entwicklung und der Integration der internationalen Märkte, jenen Faktoren, die die Welt heuer wieder ebenso in Unordnung bringen, wie sie es schon im zitierten frühen 19. Jahrhundert getan haben. Damals wie heute steckt die Wirtschaft in einer Umbruchphase, damals wie heute geht die Angst um, Maschinen und Roboter, sowie ausländische Billigkräfte würden heimische Werktätige überflüssig machen. Auf den Punkt gebracht: blindwütiger Fortschritt zerstört die Existenz der Menschen! Egal wie man dies persönlich einschätzt, was nicht zu leugnen ist: Damals wie heute wandeln sich die Arbeitsbeziehungen von Grund auf – und, die daraus resultierende Aufgabenstellung für alle implizierten Akteure (siehe Titel dieses Beitrages): Arbeit neu denken! Und diese Herausforderung dürfte unausweichlich sein…

Arbeit ist ein großer und für den Menschen wichtiger Teil des Lebens, Arbeit bringt uns Geld, sie fordert von uns, stellt uns alle, ob Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, Manager oder Angestellte, vor immer neue Herausforderungen. Arbeit gibt, positiv betrachtet, Lebenssinn, stiftet Identität. So viel wie heute haben wir schon lange nicht mehr über Arbeit diskutiert – in diverser Hinsicht. Denn wir stecken mitten in einem epochalen Wandel, dem größten Umbruch seit der industriellen Revolution: jenem der Digitalisierung. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit lösen sich zunehmend auf, Algorithmen (eine Folge von Anweisungen, mit denen ein bestimmtes Problem gelöst werden kann), Roboter und KI (meint Künstliche Intelligenz) - ein besonderes Reizthema - erleichtern uns die Arbeit, werfen allerdings auch neue Fragen auf: Wie gehen wir mit all dem und der nicht nur gefühlten Beschleunigung um?  Kommen wir noch mit? Werden viele Jobs (und dem wird mit Sicherheit so sein) bald von Robotern erledigt? Was wird aus den vielen schlecht ausgebildeten Jugendlichen oder älteren Arbeitnehmer*innen? Und noch – und dies Frage  interessiert den Schreiber dieser Zeilen besonders: Wie finanzieren wir unsere Sozialversicherungen?

Kurz: die neue Arbeit im digitalen Kapitalismus. Der uns bestbekannten Wirtschaftsweise, die vorrangig auf Produktion und Konsum basiert und in dem Arbeit immer eine Vorleistung ist. Denn erst danach wird der Lohn ausgezahlt, Investition demnach erst später  „rentabel“ – oder man riskiert den Konkurs! Denn so funktioniert unsere Massenkonsumgesellschaft im (sozialpolitischen) Dschungel des Neoliberalismus: Alle Arbeit, die vorgearbeitet wurde, will akzeptiert und nachgefragt werden, jede Bescheidenheit im Konsum wird zum Risiko der Nachfrageeffektivität der Vorarbeit, so kritische Wirtschaftsjournalisten, die sich viele Fragen für die Zukunft stellen. Produktion findet nur noch „on demand “, also auf Nachfrage, statt. In den Automatisierungsprozessen, die den Bedenken der einführend erwähnten „Luddites“ entsprechen, werden die Berufstätigen vielfältig durch algorithmische Automaten ersetzt. Positiv betrachtet, und das um ihn in seinem (nun vergangenen) Jubiläumsjahr auch in diesem Zusammenhang zu erwähnen, pikanterweise aus der Sicht des Karl Marx, wäre  die Automatisierung auch als Chance für den Menschen anzusehen, im Sinne dass dieser sich ob dieser Freisetzung endlich von der Arbeit befreien könnte! Diese Phase der Befreiung sollte der wirklichen Verwirklichung des Menschen dienen: der Bildung. Nur: was soll heute die Automatisierung durch Digitalisierung erbringen? Welches gesellschaftliche Ziel wird angestrebt? Wirklich…Bildung? Diese Frage drängt sich unserer Gesellschaft unweigerlich  auf.

Allmählich denken jedoch nicht nur politische Kreise an eine bestimmte „Lösung“, sondern auch im Silicon Valley bilden sich die Konturen der digitalen Revolution heraus: man träumt zusammen von der Einführung des allgemeinen Grundeinkommens. Wobei eines klar sein dürfte: Je stärker die Wirtschaft digitalisiert wird, desto stärker wird sie automatisiert, und die „freigesetzten“ Menschen, haben keine Einkommen aus Beschäftigung, aus Lohn – oder Gehaltsarbeit mehr. Wer soll denn sonst all die wunderbaren „digital products and services“ kaufen? Von welch anderem Einkommen als von einem Grundeinkommen? Die digitale Revolution – von der gewisse Kreise träumen, heuer ein absolutes „Must“ in der gesellschaftlichen Debatte – soll also mittels garantiertem Grundeinkommen zum allgemeinen „Sozialunterhaltungsprogramm“ im Sinne von „statt Arbeit gibt es Geld“ (klingt doch schön, oder?) in unserer modernen Spaßgesellschaft werden?

Arbeit neu denken geht also sehr viel weiter. Nur: wo wird dieser uns allen aufgezwungene „Konsumspaß“, in dem das Dauershopping oder auch all das sonstige Netz-Unterhaltungsprogramm diverser Art allerdings nur zunehmende Langeweile produzieren wird, uns noch hinführen? Die „freie Zeit“, gewürzt mit irgendwie mehr oder weniger „gefüllten Taschen“ , die zum Dauerzustand werden wird, dient nicht mehr der kreativen Entwicklung des Menschen, sondern dieser Typus „Mensch“ wird in seiner Bequemlichkeit generell immer mehr zum Opfer seines gelebten „comfort of life“ – weder arbeitet er, noch ist er kreativ, noch bildet er sich. Und die naiven (durchaus positiven) Bildungszivilisationspläne der Herren Marx und Keynes werden kein Publikum mehr finden! „Arbeitsbefreit“ wird der Homo Digitalis zum Opfer der grundeinkommensfinanzierten „Event-Strukturen“ in der Beschäftigungsstruktur der “ zweiten Ordnung“, so die klare Warnung kritischer Philosophen und Volkswirtschaftler, Stimmen,  die man im Kontext dieses Beitrages mitnichten überhören sollte …

Frank Bertemes