Der RTL-Journalist Luc Marteling hat neulich einen äußerst interessanten Beitrag zum Thema Troll im RTL-Forum veröffentlicht. Er hielt den Foristen in Form eines Fragebogens den Spiegel vor und hat damit eine Gruppe herauschristallisiert die auffällige Ähnlichkeit mit den visierten Protagonisten in einem Beitrag der deutschen Wochenzeitung "Zeit" aufweist. Der Titel dieses Beitrags "Fortschrittlich gegen die da unten" ist an sich schon interessant oder, je nach Standpunkt, provokant genug.

Der Autor der "Zeit" hat eine relevante soziale Gruppen ausgemacht, die "... eloquente, die stimmungsrelevanten Positionen besetzende, akademisch ausgebildete und mit den Grünen aufgewachsene Generation" welche vom Soziologen Andreas Reckwitz in seinem 2017 erschienenen Buch Die Gesellschaft der Singularitäten als "neue Mittelschichten" bezeichnet werden welche jetzt gegen Rechts mobil machten. Der von der neuen Mittelschicht beschworene Kampf für die Demokratie sei demnach "...in Wirklichkeit ein Abwehr- und Selbstverteidigungsgefecht gegen die alte Mittelklasse, die sich noch daran erinnert, was ein Blaumann ist, und sich in einer gegenderten Sprache nicht ausdrücken kann" und auch "ein Klassenkampf gegen die Unterschicht, die keinerlei Hoffnungen mehr auf einen Aufstieg hegt, die sich nirgends mehr repräsentiert wähnt, in ihren Ressentiments sich einhaust und eher resigniert rechts wählt." Es handele sich somit insgesamt gesehen um "die Kollateralschäden, die eine erfolgreiche Modernisierungspolitik hinterließ." Weiter heißt es, dass die Politik der vergangenen Jahrzehnte "eine sozialstaatlich abgefederte, jedenfalls ihrer Absicht nach Chancengleichheit gewährende und die Industriearbeit automatisierende Politik seit vielen Jahren eine wachsende Schicht von Modernisierungsverlierern akzeptiert, wahrscheinlich sogar produziert hat. Es entstand eine Schicht von Bildungsnachzüglern, die seit dem Ende von Stahl und Kohle anschwillt und seit der Digitalisierung endgültig zum alten Eisen zählt, zudem die Eliten verachtet und sich verachtet fühlt, im Übrigen die Integration Fremder ablehnt, weil sie sich selbst desintegriert wähnt."

Die Mutation der Grünen von der Bewegung zur Parlamentspartei prägte ein Muster: "Seither fließen Kritik und Protest, individualisierte Freiheitlichkeit und ökologische Sorge, das Achtundsechziger-Erbe und die Experimente mit Lebensformen, sämtliche Fermente kultureller Modernisierung ins parlamentarische System ein. Dort können sie artikuliert werden und auf staatliche Hege hoffen, ja zu Staatszielen aufsteigen." Die ökologischen und sozialen Ziele wurden und werden von allen relevanten Parteien im Prinzip geteilt ähnlich wie die Sozialdemokratisierung aller Parteien in der Nachkriegszeit. Der Wandel ist somit nicht mehr der sozialen und politischen Kontroverse ausgesetzt und wurde, im Diktum der deutschen Kanzlerin, alternativlos. Die Rechte hatte und hat demgegenüber kein alternatives Welt- und Gesellschaftsbild welches ausreichend weit akzeptiert werden könnte und dies sowohl innerhalb wie außerhalb der ideologisch und organisatorisch diffusen Rechten. Die Rechte wird an der schon erfolgten, in den Mainstream überführten Modernisierung scheitern weil sie selbst an inneren Widersprüchen krankt. Die Internationalisierung der Rechten widerspricht ihrer eigenen Logik des Primats des Nationalen, eigene Protagonisten gehören zu sexuellen Randgruppen oder Frauen deren Life-Style mit dem Familien- und Gesellschaftsbild der elektoralen Zielgruppe inkompatibel ist. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Der Anspruch auf soziale und nationale Homogenität wird längst durch die Heterogenität der rechten Parteien, Ideen und Protagonisten konterkariert. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit des rechten Fußvolks um Modernisierungsverlierer handelt deren Narrativ zwischen Heidi und Hitler laviert und die keinerlei realistische Perspektive bietet außer Hass und Neid auf die ökologischen, polyglotten, gebildeten Modernisierungsgewinner, deren zweifellos bestehende Widersprüche aufgebauscht und in die Vitrine gestellt werden ohne jedoch brauchbare Alternativen zu bieten. Stattdessen wird im Resonanzraum des Internets und seiner Foren die Opferrolle gepflegt und Bilder einer vermeintlich besseren Vergangenheit beschworen. Der Eindruck eines zensierten, unterdrückten und übervorteilten Wir des wahren homogenen Volkes wird erzeugt, das von der parteiübergreifenden linksliberalen akademischen Elite und ihren Medien zu Unrecht in die rechte Schmuddelecke gestellt wird. Die, wie beschrieben, heterogene Rechte weist als einzig einigendes Band die Abwehr des Fremden auf das sich kulturell oder ethnisch manifestieren kann. Als kulturell fremd wird auch die soziale Gruppe der Akademiker als Teil der technischen und Machtelite ausgemacht und dem von dieser unterdrückten ethnisch-kulturell homogenen wahren Volk entgegengestellt.
Spaltung, Ablehnung und Selbstmitleid taugen nicht als Perspektiven. Die Retrospektive zeigt außer Dezivilisierung auch nichts. Der Rechten fehlt ein kritikfähiges realistisches Modell um sich überhaupt sinnvoll am politischen Prozess beteiligen zu können. Hierzu benötigt man jedoch wiederum eine akademische Elite die man jedoch mit proletarischem Eifer als Erzfeind ausgemacht hat. Drum: Rechte Proletarier aller Länder ....geht ein Bier trinken.