Armut mit Anstand zu tragen, ist ein Zeichen von Selbstbeherrschung.

Und diese Form der Selbstbeherrschung wird sehr wohl noch Zukunft haben. Müsste man den sogenannten „Risikogruppen“ nicht schon entsprechende Kurse anbieten? Armutsrisiko: Tendenz steigend! Diese Befürchtung darf man, angesichts der herrschenden Armut auch in unserem Luxusländchen – ein Reizthema, von dem man von politischer Seite allerdings sehr wenig zu sprechen beliebt – und ob der rezenten Berichte der engagierten Hilfs- und Wohlfahrtsverbände, leider  durchaus teilen. Das Armutsrisiko wird jedenfalls immer größer – auch für die sogenannten Mittelschichten, wo ein unerwartetes Ereignis sehr schnell die soziale Talfahrt bedeuten kann. Die Angst vor Jugend – und Altersarmut ist längst zur bitteren Realität geworden – doch das betrifft aus der Sicht von vielen von uns bekanntlich immer nur die anderen… Die Reichen und die Armen – ein Dauerbrenner in der Sozialdebatte. Max Weber thematisierte im Jahre 1916 in seiner Einleitung zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen –  für die gerade das Thema „Armut“ ein Topic der absolut prioritären Verpflichtung darstellen müsste – die christlichen Versuche einer Erklärung, wie es ein „allmächtiger und gütiger Gott“ zulassen könne, dass guten (und unschuldigen)  Menschen so viel Böses widerfahre (cf. Theodizee des Glücks). Dass in unserem in diesen Zeilen visierten  Kontext „Armut“ die entsprechend mehr als bekannten Irrungen und Wirrungen der Catholica bestens passen – (…) mit den Reichen können wir prächtig, die Armen wollen nur an ihr Geld! Wir schämen uns nie! (so Herbert Grönemeyer in seinem herrlichen Song „Mit Gott“) – dürfte wenig verwundern. Die Historie der katholischen Kirche darf man jedenfalls durchaus bemühen: In einem Hirtenbrief der Bischöfe Spaniens aus dem Jahre 1954 schämte man sich jedenfalls ganz und gar nicht, festzustellen, dass es Arme geben müsse, damit die Reichen das Gebot der Nächstenliebe überhaupt erfüllen könnten. (sic!) Erst das Leiden der Armen ermögliche es  den Reichen, ihre Güte zu zeigen. Die Armen sind also nicht nur unverzichtbar als materielle Basis für den Reichtum der Reichen, sie sind auch unverzichtbar für deren spirituelle Erbauung – Reichtum wünscht sich moralisch zu „nobilitieren“, meint zu adeln, zu erheben! Eben, denn: Mit Reichtum können sich die Reichen profilieren und sogar die Verehrung durch die Armen erkaufen. Von John D. Rockefeller (Stichwort: Bilderberger – er war Mitbegründer!) bis Bill Gates* zeigt sich, wie man Armut bestens missbrauchen und eine wirkungsvolle, gar ertragreiche Mutation hin zum (vermeintlichen) Philanthropen vollziehen kann. Man spielt sich nach Außen entsprechend dem Gutmenschprinzip auf und nutzt schamlos die Möglichkeiten aus, die die kapitalistisch-neoliberalen (Schein-) Demokratien denjenigen offerieren, die durch Ausbeutung von Gemeingütern, Menschen und Institutionen großen Reichtum akkumuliert haben. Für die Armen gilt es ganz einfach, ihre Situation, meint den Status Quo der Herrschaft der Besitzenden, erst einmal so hinzunehmen, wie sie nun mal ist, bis sie ihren eigenen sozialen Status in ebendieser Leistungsgesellschaft durch Begabung und Leistung (und das wird ihnen suggeriert)  verbessern können. Wem dies denn gelingen sollte…

Wie bemerkte schon John Stuart Mill (heuer hochaktuell) im Jahre 1848: „Zu den paradoxen Eigenschaften einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft gehört es, dass sie denjenigen, die über Kapital verfügen, das feudale Privileg auf ein unbegrenztes, leistungsloses Einkommen verschafft, also das paradiesische Privileg, ohne Arbeit, ohne Risiko und ohne sich einzuschränken gleichsam im Schlaf reich zu werden….“

Armut? Das interessiert sie nicht….

Frank Bertemes

*Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien von Rainer Mausfeld, emeritierter Professor für Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung an der Uni Kiel