Empörung ist die reinste Form des Ehrlichseins (Quelle: Kupke/Neuert, Lyricon 1, 1985)

Hochaktuell: Empörung! Und das nicht nur in der Klimadebatte. Wogegen sich empören –  wofür sich engagieren? Stéphane Hessel schrieb in seinem Buch “Empörung – Meine Bilanz“  mit ebenfalls autobiographischem Inhalt  über seine Ideale und Werte, über Menschen, denen er begegnete, Ideen, die ihn beflügelten, Kämpfe, die er gekämpft hat und Rechnungen, die nach einem langen und erfüllten Leben noch offen blieben. Als KZ-Überlebender, Mitglied der Résistance und Diplomat galt sein Einsatz der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Würde des Menschen. Werte, die heutzutage stärker bedroht sind denn je. Seine Aufforderung: sich engagieren und gegen "das Unannehmbare" Widerstand leisten!

Der Atheist und Humanist Stéphane Hessel gilt als das Gewissen der westlichen Welt. Sein Buch soll uns die Augen öffnen, unser Bewusstsein schärfen und unser Gewissen wecken. Wahrlich eine Architektur aus Prinzipien, Werten und Ethik. In unserem Ländchen ist das Thema „Empörung“ heuer ebenfalls sehr lebendig. Die rezenten Polit-Skandale, das Thema Missbrauch  in der katholischen Kirche (doch nicht nur in diesen Kreisen), besonders natürlich die Klimadebatte (Stichwort: internationale Fridays for Future-Bewegung), die Reizthemen Google-Datencenter, Umweltverschmutzung, Luftverpestung und sehr ernste Mobilitätsprobleme, Wohnungsnot, Armut usw. belebten und beleben die demokratische Debatte. Das Ende der gemütlich gelebten Zuschauerdemokratie scheint durchaus beendet, das politische Establishment ist aus dem lang gepflegten Dornröschenschlaf erwacht, die Zeit der Gemütlichkeit ist klar passé. Spricht man von Empörung, so ist die aktuell gelebte gesellschaftliche Sympathie für diesen Ausdruck empfundener Entwürdigung, dieser Indignation , das Resultat politischer, besonders aber neoliberaler Irrungen und Wirrungen, die die politische Klasse selbst verschuldet, weil provoziert hat und die nicht zuletzt zur europaweiten „Renaissance“ rechtsradikaler Bewegungen und Parteien führte. Auch unser Ländchen ist längst keine Insel mehr….

Ziviler Ungehorsam als Protestform ist jedenfalls auch in Mariens beschaulichem Ländle heuer salonfähig, das entsprechend deutliche Engagement der Jugend, die sich massiv auf der Straße organisiert hat, um ihrer Empörung engagiert Ausdruck zu verleihen, ist egal wie mehr als gerechtfertigt, weil längst überfällig. Empörung, massenhafter ziviler Ungehorsam als  kollektiver Ausdruck in der Klimadebatte, gegen aktuelle Ungerechtigkeiten, sowie gegen kriminelle Umweltverschmutzung und untragbarer Ressourcenverbrauch (Wasser, Energie - siehe Google), die den kommenden Generationen gegenüber einfach untragbar sind. Zustände, ernste und lebensbedrohliche Fakten, die unsere Politik und deren Protagonisten in verantwortlichen Positionen endlich zu Taten bewegen müssen, statt medial scheinheiliges Verständnis, gar volle Unterstützung  zu heucheln sowie entsprechende,  vollmundige Polit-Sprüche von sich zu geben, die im Endeffekt und im Resultat leider nur warme Luft sind. Wozu das zu führen riskiert, dürfte bekannt sein…

Stéphane Hessel, der als Sekretär der UN - Menschenrechtskommission an der Charta der Menschenrechte der vereinten Nationen mitarbeitete, wird wahrlich zurecht – und wie schon erwähnt– als „das Gewissen der westlichen Welt“  (so die FAZ) bezeichnet. Er forderte besonders die Jugend zur Empörung, zum gesellschaftlichen Widerstand  auf. Sein weltweit große Aufmerksamkeit erregendes  Essay, seine inhaltlich deutlich formulierte Abhandlung  „Empört Euch“  und seine harsche Kritik an den politisch-gesellschaftlichen Zuständen adelt diesen Mann, der vom französischen Staat den Ehrentitel „Ambassadeur de France“ erhielt.

Er sah sich jedenfalls nur scheinbar als ein wirklichkeitsfremder Träumer, der die Hoffnung nicht aufgeben wollte, dass die menschlichen Gesellschaften sich von Grund auf wandeln können. In dem Sinne kann man seiner Aufforderung nur ausdrücklich zustimmen, sich mit nicht weniger zufriedenzugeben als dem Ideal!

Das Unbewegliche verliert sich, das Bewegliche bleibt!“ Was heute noch als illusorisch erscheint, bleibt (so Hessel) ein glaubwürdiges, erreichbares Ziel.

Stéphane Hessel starb am 27. Februar 2013 im Alter von fast 96 Jahren.

Die persönliche Bilanz seiner Empörung sollte uns allen ein Beispiel sein!

Frank Bertemes