Anmerkungen zum Leserbrief „Gefälschte Wissenschaft“ von Dr. Henri Hosch (RTL, 15.1.2020)

Ich habe großen Respekt vor der Lebensleistung der älteren Generation. Was aber so manche nun auch hierzulande im Rahmen der Greta- und Klimadebatte auftischen, ist schon sehr grenzwertig. Nun wäre es müßig, einen weiteren Beitrag zur Klimadebatte zu schreiben. Einige Behauptungen sind aber hier so irreführend, ja schlichtweg falsch, dass sie nicht unbeantwortet bleiben können. Mit haarsträubender Anmaßung und ohne jeden Beweis stellt Dr. Hosch den „seriösen“ Klimatologen pauschal die „pseudowissenschaftlichen“ und „selbsternannten“ Klimawissenschaftler gegenüber und behauptet allen Ernstes, es gäbe „nirgendwo einen Universitätsabschluss in Klimawissenschaft“! Nun, die Universität Bern wie auch die ETH Zürich (um nur zwei von vielen zu nennen!) bieten einen Master-Studiengang Klimawissenschaft („Master in Climate Science“, Bern bzw. „Master in Atmospheric and Climate Science“, Zürich) an. Sein somit auf falschen Argumenten basierendes Desinformationskonstrukt fällt schon zu Beginn seiner Klima-Ausführungen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Dabei wäre noch richtig zu stellen, dass es keinen Widerspruch zwischen den Begriffen Klimaforschung, Klimawissenschaft und Klimatologie gibt, und dass diese Begriffe oft als Synonyme benutzt werden, um den hochgradig interdisziplinären Ansatz der Klimaforschung zusammen zu fassen, in der Klimatologen, Meteorologen, Glaziologen, Ozeanologen, Geologen, Atmosphärenforscher, Geophysiker und viele weitere Naturwissenschaftler wie auch Human-, Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler impliziert sind.

Was Dr. Hosch selbst unter „seriösen“ Forschern versteht, zeigt er mit seiner Lobpreisung der berüchtigten „Oregon Petition“, die 1998 in Umlauf gebracht und 1999 veröffentlicht wurde. 1998 kam es am American Petroleum Institute zu einem Treffen zwischen führenden US-Klimaskeptikern und Ölkonzernen, bei dem eine weltweite Medienkampagne lanciert wurde, um die Existenz und Bedeutung des Klimawandels zu leugnen oder zu verharmlosen. Die im Rahmen dieser Medienkampagne verbreitete Petition wurde bereits im gleichen Jahr seitens der altehrwürdigen National Academy of Sciences (NAS) als grobe Fälschung enttarnt. Sie sah sich genötigt, öffentlich klarzustellen, dass die Petition in keinster Weise dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entspricht und dass sie mit einem gefälschten NAS-Briefkopf versehen war. Die renommierte Zeitschrift „Scientific American“ konnte ermitteln, dass unter den 31.000 Unterzeichnern nur ein kleiner Bruchteil (0,5 Prozent) in der Klimaforschung tätig war und die Petition zahlreiche falsche Unterschriften enthielt. Heute wird diese über 20 Jahre alte und längst als Desinformation enttarnte Petition nicht einmal mehr von Klimaskeptikern benutzt, sondern nur noch von den radikalsten Klimawandelleugnern sowie neuerdings von Rechtspopulisten wieder ausgegraben. Von der gleichen Machart wird heute auch der „Heidelberger Appel“ betrachtet, der zuerst zur Leugnung der Gefährlichkeit der Dioxine aufrief und die Regierungen davor warnten, Entscheidungen zu mehr Klimaschutz zu treffen. Mit großem Erfolg, wie die jahrzehntelange Untätigkeit der Politik eindrücklich beweist.

Im Gegensatz zur Behauptung von Dr. Hosch ist es keine „buntgemischte Klima-Touristenschar“, die die Klimagipfel zur Farce verkommen lässt, sondern die sture Blockade gegen jede halbwegs vernünftigen Klimaschutz-Maßnahmen durch rechtspopulistische Regierungschefs aus den USA, Brasilien, Polen und, ausgerechnet!, Australien. In den sozialen Netzen – auch im RTL-Kommentarforum - haben Klimaskeptiker längst die Deutungshoheit, wie die hohen Zustimmungsraten für klimaskeptische und die hohe Ablehnungsraten bei gegensätzlichen Kommentaren zeigen. Dr. Hosch greift pauschal „die“ Medien an, eine beliebte Strategie, der sich weltweit besonders Rechtspopulisten bedienen, um ganz nach dem Geschmack von Donald Trump „alternative Fakten“ zu verbreiten. Es ist schlichtweg falsch, dass gegenteilige Meinungen in den Medien „vertuscht“ werden, ganz im Gegenteil, wie die Veröffentlichung klimaskeptischer Leserbriefe, die mit mehreren hundert Millionen Dollar finanzierte und noch heute laufende mediale Desinformationskampagne der amerikanischen Öl- und Kohleindustrie und die jahrzehntelange Untätigkeit der Politik beweisen.

Dr. Hosch beklagt abschließend: „Arme Welt, wo steuerst du hin?“ Stimmt, wenn man sieht, wie die junge Generation, die dazu auffordert, dass die Politik endlich auf die Wissenschaft hört,  von den – fürwahr selbsternannten – Klimaskeptikern und Greta-Hassern, die die gröbsten Folgen der Erderwärmung kaum noch miterleben werden, verspottet wird, wie zutiefst menschenverachtend unzählige seriöse Wissenschaftler als Betrüger und „selbsternannte Pseudowissenschaftler“ diffamiert werden, die aber in Wahrheit durch mühevolle ergebnisoffene Grundlagenforschung zu fundierten Erkenntnissen führen, sich in peer-review geprüften Publikationen der wissenschaftlichen Debatte stellen und dadurch sehr wohl in der Lage sind zu erkennen, wie groß die Gefahr der Erderwärmung für alle Ökosysteme ist und wie sehr Menschen, Tiere und Pflanzen schon heute darunter leiden. Dr. Hoschs Leserbrief ist besonders zynisch angesichts der Tatsache, dass große humanitäre Katastrophen durch den Klimawandel noch intensiviert werden und ein Schlag ins Gesicht seriöser Forscher sowie der weltweit mutig auftretenden jungen Generation, die aller Politikverdrossenheit zum Trotz auf die Straße geht, im Gegensatz zu den Klimaskeptikern und vieler Politiker den tatsächlichen Ernst der Lage erkannt hat und sich Gedanken über ihre eigene Zukunft macht.

Alex Christoffel, Dipl.-Biol.,

Düdelingen