Als 1974er Geborener kann ich mich noch sehr gut an die schönen 80er Jahre erinnern. Es lebte sich für mich als Kind recht unbekümmert. Wir hörten die „neue deutsche Welle“ und spielten in unserer Straße, übrigens keine 30er Zone. Konflikte regelten wir als Kinder unter uns. Weder unsere Eltern, Rechtsanwälte/-innen, Mediatoren(-innen), Lehrpersonal mischten sich ein und wir haben alle überlebt. Ich lernte die Konfrontation, Konfliktlösung und gesellschaftlichen Tugenden in meiner Familie, auf dem Schulhof, in den lokalen Vereinen in denen ich aktiv war. Auch Grundtugenden, wie: „Mäßigung, Bescheidenheit, Gerechtigkeit, Wohlwollen, Fleiß, Geduld, Mildtätigkeit, Respekt und … ja … sogar Demut, wurden mir mit auf meinen Weg gegeben.

Steht unsere Gesellschaft in einem Wandlungsprozess ? Wer lenkt diesen ? Inwiefern ?

Aussagen, Geschriebenes, Verhalten, Reaktionen, politisches Handeln, … sehr Vieles scheint radikaler.

Hier ein paar Beispiele aus unserem, ja, so normalem Alltag 2020 :

-        Es wird auf sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, Politiker(-innen) zu erschießen

-        In Schulen werden Kinder wegen Gewalt und Mobbing auf dem Schulgelände und im Bus zu „Mediatoren(-innen“) geschult um bei Konflikten im Bus und in der Schule eingreifen zu können

-        Auf sozialen Netzwerken wird ungehemmt gehetzt, auf rechter und linker Seite

-        Wir lesen auf Schriftrollen bei Demonstrationen die zum Ziel haben auf Ungerechtigkeiten gegenüber Geschlechtern und Berufsgruppen aufmerksam zu machen „Al weiß Männer ? brauch kee Mënsch“. Alt (Generations-diskriminierend?), Weiß (rassistisch?) und ein Geschlecht Männlich (sexistisch?) werden öffentlich pauschal als „das Böse“ dahin gestellt. Nachher heißt es dann, „man wollte nur provozieren oder seinen Unmut zum Ausdruck bringen“. Es sei bemerkt : Wer in einer Demokratie provoziert, muss auch mit Reaktionen rechnen und diese akzeptieren. Anhand diesem Beispiel verdeutlicht sich sehr gut :“Wer Hass säht, erntet Hass“. Tragen nicht gerade solche   (und auch in anderen Bereichen) radikalen, provokativen Äußerungen zur Spaltung unserer Gesellschaft bei ?

-        Politische Verantwortliche setzen immer radikalere Gesetze um, welche Einschränkungen, Kontrollen und Schwerere Strafen beinhalten. Beispielsweise im Straßenverkehr oder Klimaschutz. Hier stellen sich dann Fragen, wie zum Beispiel : nach dem Respekt der individuellen Freiheit und Indoktrinierung von politischen Überzeugungen aufs Volk

-        In der Arbeitswelt scheint mir in den letzten 20 Jahren der Ton auch wesentlich ungehemmter und radikaler

-        Laut Zeitungsartikeln und Polizeiberichten, scheint die Hemmschwelle zu physischer Gewalt im Alltag wesentlich niedriger

Befindet sich Luxemburg in einem Radikalisierungs/- und Spaltungsprozess ?

Die Suche nach der Antwort überlasse ich den Lesern/(-innen) meines (B)Leser-Briefes.

Die hohe Kunst für die Zukunft wird wohl sein, dass wir, das heißt, jeder Einzelner, Lobbyisten und Politiker auf pragmatische Art und Weise, durch respektvolles Verhalten und mit Mäßigkeit zusammen agieren und reagieren.

Sollte nicht auch wieder jeder Einzelner von uns Selbstverantwortung übernehmen ?

Wird nicht jede Selbstverantwortung welche wir abgeben durch das System reguliert, mit allen daraus resultierenden persönlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen ?

Abschließen möchte ich meinen Brief aber mit einer Frage an sie persönlich :

Trägt nicht jeder einzelner von uns, auch sie, zum guten „Klima“ im Alltag bei ?

Jean-Paul BLESER