Jeder Krieg bringt den Menschen in eine Ausnahmesituation.

Wie bei jedem plötzlichen schlimmen Ereignis reagiert der Eine mit Schockstarre und ein anderer mit Flucht. Aber was passiert danach? Jeder von uns trägt naturbedingt einen starken Überlebenswillen in sich und versucht demnach für sein Weiterleben zu kämpfen.

Was mich aber sehr beschäftigt, ist die Frage, wieso Menschen so extrem unterschiedlich reagieren.

Wir alle kennen Geschichten aus dem letzten Krieg: von Menschen, die sich entweder aus Angst oder Überzeugung den Kriegsführern zugewandt haben und mitunter selbst schuldig geworden sind, aber uns sind genauso unzählige Geschichten bekannt von Menschen, die ihr eigenes Leben riskiert haben, um Menschenleben zu retten. Daneben gab es natürlich noch zahlreiche Menschen, die sich den Umständen gefügt haben und versucht haben zu überleben.

Demnach stehen sich der Egoist und der Altruist als Extreme gegenüber. Der Egoist versucht mit allen Mitteln einen Vorteil für sich zu finden und durchzusetzen und der Altruist kämpft selbstlos für seine Nächsten.

Nun kann man behaupten, dass jede Krise das wahre Gesicht jedes Einzelnen offenlegt, aber ist dem so?

Reagiert der Mensch aus freiem Willen oder geschieht dies eher unbewusst?

Immanuel Kant sah als deutscher Philosoph der Aufklärung, den Menschen mit einem freien Willen ausgestattet. Für Kant ist entsprechend „Person ... dasjenige Subjekt, dessen Handlungen einer Zurechnung fähig sind“, ein „Ding“ aber, „was keiner Zurechnung fähig ist“, welches also „selbst der Freiheit ermangelt, heißt ... Sache“ (MS, VIII, 329–330) .Bereits in der Kritik der praktischen Vernunft hatte Kant angemerkt, dass als böse „nur die Handlungsart, die Maxime des Willens und mithin die handelnde Person selbst“ bezeichnet werden können (KpV, VII, 177) .Die Frage, warum der Mensch eine solche Entscheidung trifft, lässt sich für Kant prinzipiell nicht beantworten. Zwar spricht auch er davon, dass dem Menschen der Hang zum Bösen ‚angeboren‘ sei, doch, „bloß in dem Sinne angeboren“, als er „mit der Geburt zugleich im Menschen vorhanden, vorgestellt wird: nicht daß die Geburt eben die Ursache davon sei“ (RGV, VIII, 668).

Auch Freud bezieht eine ähnliche Position:

„Und nun, meine ich, ist uns der Sinn der Kulturentwicklung nicht mehr dunkel“: Der „Sinn der Kulturentwicklung ..., wie er sich an der Menschenart vollzieht“, und „der wesentliche Inhalt des Lebens überhaupt“ ist nichts anderes als der „Kampf zwischen Eros und Tod, Lebenstrieb und Destruktionstrieb“ (Freud 1930/2009, 85-86).

Demgegenüber steht die Meinung von Gerhard Roth, deutscher Biologe und Hirnforscher:

„Menschen können als bewusste Individuen nichts für das, was sie tun, denn ihr bewusstes Handeln wird durch das emotionale Erfahrungsgedächtnis geleitet, das nicht dem Willen unterliegt“ (Roth 2003, 554).

Haben wir nun einen freien Willen und entscheiden uns bewusst für das Unmoralische oder sind wir doch Opfer unseres kulturellen Hintergrundes und unseres emotionalen Erfahrungsgedächtnis? Was für den einen unmoralisch ist, kann je nach Hintergrund für den anderen schließlich als absolut sinnhaft gelten.

Natürlich haben die Kirche und der Glaube die moralischen Vorstellungen der Menschen sehr geprägt. Bedeutet das, dass jeder Altruist nur so handelt, um die Gunst seines Gottes zu erhalten-resp. der Egoist ebenso-je nach Glaubensrichtung? Oder ist es vielmehr so, dass der Mensch in der Krise glaubt, dass es eh keinen Gott gibt-sonst hätte er all dies schließlich nicht zugelassen- und demnach er nun sein eigenes Überleben sichert, ohne Rücksicht auf Verluste- denn ohne Gott kein Teufel-ergo kein Fegefeuer…

Fakt ist, dass wir heute in der aktuellen Krise wieder tierische Verhaltensweisen beim Menschen beobachten können, wie z.b.  Futterneid. Lasst uns nicht vergessen, dass aber jede Krise eine Chance beinhaltet-sich und seine Mitmenschen zu beobachten und seine eigenen Verhaltensweisen zu hinterfragen.

Wir haben das Glück, nicht wie unsere Großeltern, gegen Hamsterkäufer und einen unsichtbaren Virus zu kämpfen. Sie wiederum mussten in Deckung gehen vor Bomben und sich tapfer stundenlang mit einer Essensmarke in eine Reihe stellen, um am Ende vielleicht doch nichts mehr zu bekommen….

Carole Lexis-Weis