Sehr geehrter Herr Minister,

als Mutter einer 13-jährigen Tochter bin ich von Ihrer Entscheidung, die Gruppen A+B in den Schulen wieder zusammenzulegen, direkt betroffen. Ich möchte mich über diesen Weg direkt an Sie wenden, da ich weder Ihre Entscheidung, noch Ihre Argumentationskette, die Sie zu dieser Entscheidung geführt hat nachvollziehen kann.

Ich verstehe, warum ein Weg aus dem Lockdown sowohl in sozialer wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht gefunden werden muss. Ich verstehe, dass dies schrittweise und unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen stattfinden muss. Ich verstehe, dass ich, wie alle anderen auch, die Verantwortung dafür trage, dass meine Familie und andere geschützt sind. Ich verstehe, dass Erwachsene und Kinder unterschiedlich hart von dieser Krise betroffen sind und dass es gilt, die  Schwächsten zu schützen. Ich verstehe, dass ich mich an Regeln halten muss, die nachweislich funktionieren, wie Abstand halten, Hände waschen und Maske tragen und versuche dies bestmöglich zu tun. Ich verstehe auch, dass man als Politiker es nicht immer allen Recht machen kann und, dass man neben der Verantwortung auch den Druck aushalten muss, der sicherlich von vielen Seiten auf eine öffentliche Person wie Sie es sind, ausgeübt wird.

Was ich dagegen nicht verstehe ist, warum Sie diese Zusammenlegung entschieden haben, obwohl es zum einen für mich keinerlei ersichtliche Bewandtnis für die Wirtschaft hat und zum anderen auch sozial weniger dramatisch zu sein scheint, wie Sie es immer betonen. Zumindest die Schüler der Lycéen standen in jeder Phase der Krise miteinander in Kontakt. Zunächst natürlich nur digital, im späteren Verlauf aber auch persönlich, hier und da sogar als dies noch gar nicht erlaubt war. Persönlich und aus Erfahrungsberichten anderer Eltern habe ich kein einziges Mal erlebt, dass sich die Schüler über mangelnden Kontakt zueinander beklagt hätten. Ich will nicht ausschließen, dass dies vereinzelt vorgekommen ist, aber es betrifft sicherlich nicht das Gros der Schüler.

Ich verstehe nicht, dass man jedem einzelnen in der Gesellschaft die Verantwortung auferlegt, sich und andere zu schützen, uns mit dieser Maßnahme aber jeglicher Möglichkeiten dazu beraubt. Wie kann ich das, wenn mein Kind jeden Tag dicht an dicht mit 30 anderen zusammen stundenlang in einem Raum verbringen muss, ohne Abstand oder Maske? Wie kann ich das, wenn mein Kind morgens und mittags in einen vollbesetzten Bus steigen muss, in dem sich Schüler aus allen Gruppen und verschiedenen Schulen aufhalten? Mit oder ohne Maske scheint mir da keinen allzu großen Unterschied mehr zu machen. Wie soll ich dafür Sorge tragen, dass mein Kind unsere Familie nicht unbemerkt infiziert und wir dann unwissentlich dieses Virus weitertragen?

Ich verstehe nicht, warum Maske tragen, Abstand halten und Händewaschen in fast jedem Büro gilt und vermutlich auch ihren Alltag prägt, aber es bei den Schülern kein Problem ist, all dies nicht oder nur sehr eingeschränkt zu tun.

Ich verstehe nicht, warum Sie behaupten, dass das Virus in Luxemburg quasi nicht mehr vorhanden ist, während jeden Tag immer noch bis zu 10 Fällen, darunter auch Kinder, positiv getestet werden.

Ich verstehe nicht, warum es zu Beginn des Deconfidements notwendig war, vorsichtig zu lockern und 2 Wochen zu warten, um den Einfluss der Lockerung zu überprüfen und es jetzt nicht mehr notwendig zu sein scheint. Alles oder doch vieles wird fast zeitgleich geöffnet, geändert, erlaubt. Der Reproduktionsfaktor steigt wieder. Langsam, aber stetig. Studien, wie aus Schweden, die zeigen, dass Kinder in annähernd der gleichen Größenordnung betroffen sind und natürlich auch genauso Überträger sind wie Erwachsene, werden nicht erwähnt. Es wird sogar das Gegenteil behauptet. Überall, auch in unseren unmittelbaren Nachbarländern gibt es wieder kleinere und größere Ausbrüche, die noch in keiner Weise unter Kontrolle sind. Und Sie sagen, dass es das Virus bei uns quasi nicht mehr gibt? Sie können also ausschließen, dass es mit den Grenzöffnungen zu Frankreich und Belgien zu steigenden Zahlen kommt, weil es das Virus bei uns nicht gibt?

Ich verstehe nicht, warum Sie behaupten, Sie wären mit allen Beteiligten gemeinsam zu dieser Entscheidung gekommen, wenn sich doch offensichtlich so viele übergangen fühlen.

Ich verstehe nicht, warum Sie für die Entscheidung soziale Aspekte als Argument verwenden, aber sich nicht fragen, ob dies vielleicht auch Ängste bei den Betroffenen auslöst, die sich ungefragt dieser Entscheidung beugen müssen. Lehrer, die in vollen Räumen unterschiedliche Klassen unterrichten müssen, Schüler, die sich Sorgen darüber machen, dass sie vielleicht doch gefährdeter sind, als behauptet wird, aber trotzdem auf engstem Raum miteinander arbeiten müssen. Auch die Frage, ob diese neuerliche Änderung für die Betroffenen (Lehrer, Eltern, Schüler) eine wirklich zumutbare Belastung ist, stellen Sie nicht. Strukturen, die unter großem Einsatz der Betroffenen in den Schulen und zuhause mühsam erarbeitet wurden und funktionierten, werden durch diesen Handstreich weggewischt. Und Sie fragen nicht, was dies für psychische Konsequenzen hat. Von den organisatorischen Konsequenzen mal ganz abgesehen.

Und schlussendlich verstehe ich zwar, dass die Schulen irgendwann auch wieder zur Normalität zurückfinden müssen, aber ich verstehe nicht, warum das jetzt sein muss. Warum muss das alles für 1 Woche mehr Unterricht, in der sehr wahrscheinlich nicht einmal Unterrichtsstoff nachgeholt werden kann, stattfinden?

Und bitte sagen Sie mir nicht, dass all das geschieht, weil Sie testen möchten, ob und wie es funktioniert. Sagen Sie mir bitte nicht, dass Sie mein Kind bewusst dazu benutzen, Ihnen Erkenntnisse über das Virus zu verschaffen. Und dass ich halt damit leben muss, nicht mehr selbst entscheiden zu dürfen, wie ich mein Kind und meine Familie schütze. Denn bei all dem, was ich nicht verstehe, würde ich das am wenigsten verstehen.