Wir brauchen alternative Visionen für die Zukunft von Luxemburg-Stadt

Nach Jahrzehnten des Wartens gibt es endlich ein Projekt für die (Wieder)belebung des westlichen Tors unserer Stadt. Ein Grund zur Freude? Wohl eher nicht. Mehr Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger, toll. Eine zusätzliche Tramlinie in Richtung Mamer, sehr gut. Keine weitere Shoppingmall, Glück gehabt. Um ein Vielfaches mehr an Wohnungen als anfänglich geplant, ja aber… Und hier beginnt bereits der bittere Beigeschmack. Nach einer genaueren Analyse der veröffentlichten Informationen zum Infrastrukturprojekt für die Place de l’Etoile, die spätestens seit der Inbetriebnahme der Tram zum Drehkreuz im westlichen Teil von Luxemburg-Stadt wurde, wird klar, dass Innovation und Nachhaltigkeit in unserem Land noch immer keine zentralen Themen sind. Von Bürgerbeteiligung ganz zu schweigen.

Ein paar Fakten zu Beginn: auf 45% der bebauten Fläche werden Büros untergebracht werden, während 47% für Wohnungen (10% davon à coût modéré) zur Verfügung stehen. Bleiben: genau, 8%. Die werden aufgeteilt auf Kino mit 5 Sälen, Fitness, „drugstore“ und „foodhall“ und - ach ja „commerces de proximité“. Nun werden sich einige fragen, was daran problematisch sein soll. Denn man ist es ja eigentlich nicht anders gewohnt, wie die Projekte Kirchberg, Belval, Cloche d’Or/Ban de Gasperich oder Hamilius es bereits gezeigt haben. Was diese neuen Viertel allerdings auch bewiesen haben, ist, dass sie absolut enttäuscht haben. Anstelle von lebendigen Vierteln wurden kleine Geisterstädte errichtet, die allerhöchstens durch das verursachte Verkehrschaos glänzen oder an sonnigen Tagen ein paar Büroangestellte in der Mittagspause anlocken. Die ansässigen Geschäfte haben seriöse Probleme über die Runden zu kommen, viele mussten ihre Türen bereits schließen. Darüber hinaus scheint es meiner Meinung nach nicht zeitgemäß, weitere Gebäude für Büros im Stadtzentrum zu errichten. Gerade die sanitäre Krise hat gezeigt, dass Homeoffice sowie shared offices wohl in der Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen werden. Außerdem hat man durch die oben genannten Beispiele gelernt, dass neue Standorte horrend hohe Mieten – und dies gilt sowohl für den privaten wie auch für den professionellen Gebrauch – mit sich bringen.

Nun zu einer Spekulation, gefolgt von einer naiven alternativen Zukunftsvision. Mit der Umsetzung des geplanten Projektes wird die „Stäreplaz“ zu einer weiteren leblosen, sterilen Erfindung eines Investors aus Abu Dhabi, mit Luxuswohnungen, großen Briefkastenfirmen und einem Angebot an immer gleichen internationalen Kaffee- und Sandwichketten. Haben wir denn nichts gelernt? Gibt es nicht inzwischen Bewohner, Angestellte, Menschen, die sich ihr Viertel, ihre Mittagspause, ihr Leben anders vorstellen? Die kleine Restaurants, mit Liebe dekorierte Terrassen, von lokalen Unternehmern gegründete Läden, Cafés und Imbisse den großen Businesses bevorzugen? Die sich einen intimen Rahmen für Kultur anstelle eines zusätzlichen Kinos wünschen? Die urban farming besser finden als einen concrete jungle?

In den vergangenen Jahren haben viele junge Menschen, „locals“ sowie „expats“, die eine andere Vision für ihre Stadt haben, den harten Bedingungen getrotzt und ihre Träume verwirklicht. Hohe Mieten, überall Baustellen, wenig Unterstützung seitens Stadt und Regierung, außer des Slogans „trau dech“, haben sie nicht davon abgehalten ihre Cafés, Bars und Geschäfte zu eröffnen, und viele davon hatten Erfolg. Leider sind diese Initiativen oft an sehr unterschiedlichen Orten angesiedelt, so dass kein richtiges Flair aufkommt, wie beispielsweise im belgischen Viertel in Köln. In vielen anderen Städten, und hier muss nicht immer die Rede von London, Berlin oder Barcelona sein, sondern in Antwerpen, Groningen, Bordeaux oder Krakau bebt das Leben. Grünflächen, kindgerechte Anlagen, familienfreundliche Cafés, vegane Restaurants, secondhand Läden, ein Repair Café, ein permanenter „marché des créateurs“, waren nur einige der Ideen, die bei meinem Austausch mit anderen Unternehmern und Konsumenten zusammenkamen, für die ich stellvertretend diesen Artikel verfasse.

Die Verantwortlichen der Gemeinde Luxemburg haben in den letzten Jahrzehnten schlicht verpasst, unsere Stadt zu modernisieren. Die lokalen Geschäftsleute werden immer frustrierter, viele Lokale stehen seit Monaten leer, Pläne für Terrassen wurden nur dank Covid-19 endlich genehmigt. Es gibt immer noch keine langfristige Erweiterung der Fußgängerzonen oder ordentliche Fahrradwege,  die Lebensqualität hat insgesamt deutlich abgenommen. Woher sollen die politischen Entscheidungsträger jedoch auch wissen, was die Menschen ihrer Stadt bewegt, wenn sie doch selber, wie es scheint, auf einem anderen Stern leben, und bei Großprojekten eine Bürgerbeteiligung nicht mal in Erwägung ziehen? Bei Investitionen eines solchen Ausmaßes müsste es Pflicht sein, diverse alternative Projekte der breiten Bevölkerung vorzustellen und eine öffentliche Debatte vor einer Änderung von PAG und PAP zu führen.

Laure Cales

Pilea sarl,

Luxemburg