Um es vorweg zu schicken, ich bin Agnostiker. Das heißt, ich bin der Ansicht, dass es dem Menschen unmöglich ist, zu erkennen, zu wissen, ob ein transzendentes Wesen (Gott) existiert oder nicht. Wobei ich die Möglichkeit der Existenz solcher Wesen oder Prinzipien nicht bestreite. Man kann es eben nur nicht wissen, oder gar beweisen.

Religion ist demnach logischerweise keine Angelegenheit des Wissens und der Wissenschaft, sondern des Glaubens und dadurch eigentlich nur Privatsache. Denn das, was ich glaube ist an sich ja persönlich (an meine Person gebunden) und ichbezogen, und sollte deshalb über meine Gedankensphäre hinaus nicht relevant und daher grundsätzlich für andere Menschen ohne Belang sein.

Manche glauben man sollte keine Karikaturen eines Propheten zeigen, da dies Gotteslästerung sei und deshalb verboten. Dies wirft jedoch eine enorm wichtige Frage auf: Wenn man nicht mal wissen kann, ob dieser Gott überhaupt existiert, wie kann dann Blasphemie etwas Absolutes sein, dem sich alles unterordnen soll? Leute, die dies glauben, sind ein Problem für unsere westlichen Gesellschaften, ins besonders da wir hier ein von der Verfassung geschütztes Recht auf Meinungs- und Redefreiheit haben.

Ich bin hingegen der Meinung, dass es höchst unmoralisch und unethisch ist, jemanden wegen einer Zeichnung, egal was darauf abgebildet ist, umzubringen.

Heutzutage nun aber leben wir auch im Westen (also in unserem Haus) in einer Welt, wo genau das, also die Wahrnehmung, die Ausübung dieses Rechts auf freie Meinungsäußerung quasi einem Todesurteil gleichkommt, weil manche religiösen Fanatiker glauben, sie hätten das Recht, oder sogar die Pflicht, einen Akt der Meinungsäußerung mit dem Tode zu bestrafen.

Mit einem Küchenmesser zu köpfen! Wie im Beispiel des französischen Lehrers Samuel Paty, der in seinem Unterricht die bekannten Karikaturen zeigte, um anhand dieser über das Thema Meinungsfreiheit zu diskutieren und seinen Schülern die Grundlagen von Rede- und Pressefreiheit zu vermitteln.

Müssen wir über die Unverhältnismäßigkeit eines solchen barbarischen Aktes noch diskutieren?

In jenem Fall aber genügte allein das Anregen einer Diskussion, das heißt das Betrachten einer Sachlage aus verschiedenen Blickwinkeln, einem religiös Verblendeten als Auslöser und Rechtfertigung eines blutrünstigen Mordes. Ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit!

Ein einer Exekution gleichkommender Akt bei dem sich der Täter auf die Vorgaben seiner Religion berief. Eine Tatsache, die leider im Internet auf allzu viel Zustimmung seitens gewisser Kreise stieß!  Sollte uns das nicht zu denken geben?

Ich bin selbst Lehrer und das Fördern und Anregen des eigenständigen, kritischen Denkens empfinde ich immer noch als den höchsten und wertvollsten Lehrauftrag.

Zu was es führt, wenn Menschen das eigenständige Denken aufgeben und quasi gar nicht mehr kritisch hinterfragen, was ein religiöser oder politischer Führer ihnen vorgibt, haben wir ja, historisch betrachtet, zur Genüge in der Geschichte der Menschheit erlebt und grad eben wieder, wo 70 Millionen Menschen einen notorischen Lügner zum Präsident wählen wollten. (Glücklicherweise gab es 4 Millionen mehr, die das gerade eben nicht wollten.)

Soll ich nun in Zukunft, weil ich im schlimmsten Fall um mein Leben fürchten muss, alles religionskritische aus meinem Unterricht verbannen? Soll ich diesen Leserbrief überhaupt mit meinem richtigen Namen unterschreiben?

Was mich des Weiteren ungemein stört, ist das manche im Westen immer noch glauben, man sollte verschieden religionskritische Dinge nicht tun, weil es die religiösen Gefühle der Gläubigen verletze.

Denen antworte ich: „Wissen Sie, was mich im Jahre 2020, zwei- dreihundert Jahre nach der Aufklärung, in meinem humanistischen Empfinden und meinen tiefsten, ethisch-moralischen Gefühlen verletzt?

Dass ich als Person und wir als Gesellschaft uns jetzt wieder mit solch einer rückständigen, faschistoiden, die Menschen- und Frauenrechte verachtenden Ideologie herumschlagen müssen. Und dies insbesondere, weil wir diese Tendenzen beim Christentum ja schon überwunden hatten.“

Ich laufe aus meiner emotionalen Verletztheit aber jetzt nicht herum und beginne Andersdenkende und Andersgläubige zu töten! Das ist ein verdammt wichtiger Unterschied, denn ich habe gelernt, dass meine Verletztheit nicht das Maß aller Dinge ist und ich sie ertragen muss.

Aus gekränkten Gefühlen heraus – auch wenn sie religiöser Natur sind – nicht zu morden, dass darf man von jedem Menschen verlangen!

Wenn wir nun aber das Veröffentlichen von religionskritischen Zeichnungen als Ursache oder Auslöser kritisieren, wie es manche Kreise bei uns tun, dann relativieren wir dadurch die schrecklich unverhältnismäßigen Taten und legitimieren somit letztendlich religiöses Verletztsein als akzeptablen Grund für Attentate und Morde.

In meinem Wertesystem gibt es aber keine Legitimierung, welcher Art auch immer, für diese Formen von Gewalt.

Und den anderen, den latent feigen Beschwichtigern und Verharmlosern, die dies Alles noch mit Islamophobie abtun wollen - besonders aus links-grünen Kreisen, aus denen ich auch komme – sage ich: „Wir müssen Stellung beziehen! Appaesementpolitik hat noch nie funktioniert und sie wird auch in Bezug auf den Islamismus zu nichts führen!“

Es scheint eine Zeit gekommen, in der wir erneut für unsere, von religiösem Faschismus bedrohte, freiheitliche Gesellschaft werden einstehen müssen. Die niedrige Empörungsschwelle religiöser Fanatiker darf nicht bestimmen, was wir äußern dürfen und wie wir zu leben haben!

Ich muss anderseits jedoch auch eingestehen, dass ich nicht genau weiß, wie dieses Einstehen konkret aussehen soll und was wir als Gesellschaft zum Erhalt unserer Freiheit tun müssen. Aber angesichts der islamistischen Attentaten der letzten Tage, müssen wir aufwachen und beginnen verstärkt darüber nachzudenken, wie wir der Gefahr begegnen sollen.

Die Meinungsfreiheit ist viel zu wichtig, um sie auf dem Altar der religiösen Überempfindlichkeit zu opfern!

Richard Stephany

N.B. Wer noch nicht verstanden hat, um was es geht und wie weit das alles gehen kann, den verweise ich auf Artikel zu diesem Thema auf den bekannten Internetseiten seriöser Zeitungen in Deutschland und Frankreich.

Freiheit und Religion, die 2. (16. November 2020)

Da die Kommentarfunktion bei RTL schon geschlossen war, möchte ich auf diesem W)eg dem User „Anon Nym“, der ja seinen Kommentaren nach ein Muslime ist, ein letztes Mal antworten.

Als erstes möchte ich ihm danken, dass er sich als „friedliebender Luxemburger“ zum Grundgesetz bekennt und „danach lebt“! Ich muss ihm auch Recht darin geben, dass die überwiegende Mehrheit der Luxemburger Muslime sehr gut integriert sind, und dass Luxemburg glücklicherweise, bis jetzt und hoffentlich auch in Zukunft von (islamistischen) Terrorakten verschont bleibt. Auch dafür bin ich dankbar.

Jedoch in einem Punkt – und dies ist auch der Hauptgrund für diesem zweiten Lesebrief – möchte ich einige seiner Aussagen nicht unwidersprochen lassen. Es geht um den Satz: „Überhaupt, weswegen hat man es nötig, den Propheten Mohammed zu beleidigen?“ Ich und sicherlich auch die Karikaturzeichner hatten und haben es nicht nötig den Propheten zu beleidigen und niemand fordert ein Recht darauf ein, andere Weltsichten beleidigen zu dürfen.

Herr „Anon Nym“, Sie verstehen da etwas grundlegend falsch, wenn sie dies glauben. Darum geht es überhaupt nicht! Es geht darum jedwede Idee oder Theorie kritisch und ohne Tabu hinterfragen zu dürfen. Und eine Karikatur ist ja per Definition eine komisch überzeichnete Darstellung von Menschen oder gesellschaftlichen Zuständen, jedoch als solche an sich keine Beleidigung.

Es geht mir auch nicht um eine Kritik an islamischer Spiritualität an sich. Es geht mir um die Auslegung des Islams, die von patriarchal-autoritären Ansichten bestimmt wird und demnach statt kritischem Hinterfragen vor allem blinden Buchstabenglauben fordert und fördert. Texte auswendig lernen, ohne darüber zu diskutieren, ohne sie im Geiste der Zeit zu interpretieren.

Worum es geht, hat Ahmad Mansour, Psychologe und Buchautor, wunderbar am 04.11.2020 in einem Artikel der FAZ ausgedrückt. Hier was er schreibt:

„Und darum geht es in diesem Streit: Die Karikaturen kann man geschmacklos finden, schlecht gezeichnet, sogar schlicht albern, aber dass Menschen zeichnen und schreiben und sagen dürfen, was sie wollen, ist das schwer errungene Ergebnis langer Kämpfe für Menschenrechte und Meinungsfreiheit als normative Basis der Gesellschaft. In säkularen Gesellschaften sind religiöse Gefühle Privatsache, unterschiedliche Weltanschauungen müssen ertragen und hingenommen werden. Demokratische Grundwerte, auch das Recht auf Selbstentfaltung, geben dem Handeln seinen Rahmen, in der Erziehung, im Zusammenleben, im Bildungssystem, in der Politik. Im Wunsch, besonders empfindliche Gruppen nicht zu kränken oder zu verärgern, wird laut darüber nachgedacht, Aspekte der Meinungsfreiheit einzuengen. Kurzfristig mag das eine Befriedung im Zusammenleben bringen, langfristig bleibt die Frage offen, was Integration bedeutet, wenn etwa die Liste islamistischer Forderungen immer länger wird. Am Ende würde es die Demokratie beschädigen und das verraten, was Europa ausmacht. Klar ist, der politische Islam und der Dschihadismus versuchen, die Spielregeln in Europa zu ändern. Aber Abschottung wird es nicht geben können. Es werden weiterhin Menschen aus vordemokratischen Strukturen und Traditionen ihr Glück in der Europäischen Union suchen. Und es werden weiterhin Gruppen, von innen wie außen, versuchen, sich gegen die Demokratie durchzusetzen. Wer aber Europas Freiheit, Wohlstand und Fortschritt genießen will, ohne die Bereitschaft für den Weg der Aufklärung, der sabotiert genau die Garantie der Freiheit, die er sucht. Dies alles gibt es nur im Gesamtpaket.“

Und abschließend eine letzte Bemerkung: Wenn Sie (User Anon Nym) Macron vorwerfen, er hätte wie ein „motzendes Kind“ einen Journalisten in Beirut verbal attackiert, der ihn mit „Unangenehmen“ konfrontiert hatte, dann möchte ich darauf hinweisen, dass dies, wie sie selbst schreiben, verbal geschehen ist, und dass der gute Journalist seinen Kopf noch trägt und immer noch in Freiheit lebt. An anderen Orten dieser Welt, wie z.B. in Erdowahns Türkei, der Islamischen Republik Irans oder anderen Diktaturen der arabischen Halbinsel und des Nahen Ostens, säße er jetzt wohl wegen Majestätsbeleidigung hinter Gittern.

Dies ist genau der Unterschied, auf den ich sie hinweisen möchte. Unangenehmes gegenüber Herrschern und Religion äußern zu dürfen, ohne um sein Leben oder um seine Freiheit fürchten zu müssen.

DAS IST DIE FREIHEIT, DIE ICH MEINE UND DIE ES ZU ERHALTEN GILT!

Richard Stephany