Als wir uns, vor einigen Tagen, von 2020 verabschiedeten, war die Hoffnung zur Rückkehr in die „Normalität“ für 2021 groß. Vor allem die in Rekordzeit entwickelten Impfstoffe gaben dabei Anlass für diese Freude. In unserer mittlerweile seit über 10 Monaten vorrangig durch Corona geprägten Welt, wo Vokabular aus Kriegszeiten in unserem Alltag wieder Hochkonjunktur hat, mit Wörtern wie Front, Kämpfer, Kampf, Helden, besetzen vorrangig ältere Menschen aus unserer Gesellschaft dabei die traurige Rolle der gefallenen Opfer. Aber auch viele andere, welche nicht in der tagtäglich stattfindenden, von Zahlen geprägten, Gehirnwäsche erwähnt werden, sind ebenfalls Opfer von Corona. Es sind dies, unsere Kinder und Jugendliche, unsere Schüler und Studierende, diejenigen welche keinen Arbeitsplatz finden konnten oder den ihrigen verloren haben. Es sind aber auch Betriebe aus verschiedensten Bereichen, welche entweder schon aufgegeben haben oder dies in absehbarer Zeit tun müssen. Dazu gehören auch diejenigen, welche durch monatelange substantielle Einkommens-Einbußen in die Armut abgerutscht sind oder solche, welche am Rande der Gesellschaft lebend sich selbst überlassen wurden. Dabei ist diese Opferliste bei weitem nicht vollständig. Etwas Gemeinsames verbindet aber alle Opfer. Das Verlorene bringt ihnen keiner zurück und darüber hinaus steigt die Opferzahl Tag für Tag im kontinuierlichen Tempo weiter an. Gäbe man sich die Mühe sämtliche Zahlen, zu allen Opferkategorien aufzulisten, so wäre mit Sicherheit der Anteil an Infizierten und Toten bei weitem nicht der Größte.

Gesteuert durch Maßnahmen und Regeln aus Notstands- und Covidgesetzen erleben wir den Alltag seit März letzten Jahres wie eine Achterbahnfahrt die nicht aufhören will, obwohl uns allen nach Aussteigen zumute ist. Ob die uns dabei auferlegten Regeln richtig und/oder angebracht sind oder waren, sei einmal dahingestellt. Sie wurden von den von uns gewählten Politikern gemacht und verabschiedet. Bei den nächsten Wahlen hat ja dann jeder Wahlberechtigte die Möglichkeit, seine Zustimmung oder seine Abneigung zum Ausdruck zu bringen.

Traurig bei alldem ist aber die Feststellung, dass es in dieser Periode nicht möglich war die politischen Debatten auch anderen Themenfeldern wie Corona zu widmen. Wichtige, uns teilweise schon seit mehreren Jahrzehnten beschäftigende und vor allem gesellschaftsrelevante Themen wurden kaum oder gar nicht angegangen. Erwähnt seien hier Themen wie Wohnungsbau oder Ärzte- und Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Obwohl es sich hierbei um Problemfelder handelt, bei denen es längst schon fünf nach zwölf ist, hat sich nichts ergeben, was auch nur ansatzweise nach einer Lösung aussieht. Weder die politische Mehrheit noch die Opposition, darunter die größte nationale Volkspartei, haben sich aus dem Corona-Bann loslösen können oder wollen um solch dringend wichtige Debatten inhaltlich und proaktiv nach vorn zu bringen.

Zusammenfassend resümiert sich das politische Geschehen auf ein Tauziehen zwischen Mehrheit und Opposition zum Thema „streng, strenger, am strengsten“ im Rahmen der Notstands- und Covidgesetze. Dabei wurde aber vor allem dem Leiden der Menschen nicht die richtige Beachtung geschenkt. Hierbei sei an all diejenigen gedacht, welche sich von Anfang der Krise an verantwortungsvoll verhalten haben. Menschen, welche seit nun mehr als 10 Monaten ihre Kontakte drastisch eingeschränkt haben und dadurch ihre Bindung an Ihre Familien und ihre Nächsten nicht mehr leben konnten oder gar durften. Es sind deren viele, welche unter dieser Situation leiden oder gelitten haben, ja gar krank geworden sind, vor allem seelisch. Wirklich konkrete Maßnahmen zu Ihrer Unterstützung, zum lindern ihres Leidens, wurden keine getroffen. Wenn dann im Zusammenhang mit dem Impfen, dem momentan einzigen Lichtblick auf dem Weg zurück in die Normalität, vermittelt wird man soll sich nicht erwarten, dass man von 0 auf 100 loslegen werde, stößt dies einem schon recht heftig und sauer auf. Angekündigte 36000 Geimpfte bis Ende März lassen nicht wirklich Hoffnung auf schnelle Besserung aufkommen.

Überall in Europa häufen sich die Kritiken bezüglich des Impfens und den damit verbundenen Impfkampagnen, so auch in Luxemburg. Obwohl es seit Monaten klar ist, dass es wirksame Impfstoffe geben würde, gibt es in keinem europäischen EU-Land genug Impfstoff um zügig mit dem Impfen zu beginnen. Angesichts der Gravität der Situation ist dies ein Skandal. Gegenüber diesem Versagen wird sich von Seiten der Regierenden hinter der EU verschanzt, denn sie sei es die zuständig ist für Zulassung, Einkauf und Verteilung. Da sei die Anmerkung erlaubt, dass Großbritannien sich, was die Beschaffung der Impfstoffe angeht, als neues Non-EU Land bisher besser entwickelt als alle EU-Länder zusammen (1,3 Mio Geimpfte zum 5 Januar) und dabei kommt der Impfstoff für die Briten aus der EU. Ebenfalls hervorzuheben sei, dass es die EU nach 10 Monaten Krise, bis heute nicht fertiggebracht hat ein EU weites Abstimmen oder Koordinieren der Ländermaßnahmen auch nur mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner hinzukriegen. Ein schneller Ausweg aus der Krise, so z.bsp. durch eine gemeinsame europäische Impfstrategie, ist nicht mal einen Gipfel wert.

Nach 10 Monaten Ausnahmezustand und Leiden, hätten es die Menschen verdient, dass man sich von Seiten der Politik zielstrebiger gegenüber ihren Erwartungen geben würde. Anstatt der Durchhalteparolen und Benimmdichregeln müssen endlich konkrete Perspektiven aufgezeichnet werden. Der Impfstoff lässt dies zu, fehlt nur die richtige Dynamik. Auf was wartet man?

Alain Kinn