Still ist es in Luxemburg um die Themen „Vegan“ und „zu hoher Fleischverzehr“ geworden. Generell scheint der Veganismus medial an Reiz verlorenen zu haben, doch wird der zu hohe Fleischkonsum und mehr noch die Alternativen zu Fleisch und Milchprodukten in den internationalen Medien weiterhin erwähnt.  Aus Sicht unserer immer noch zu fleischlastigen Ernährung ist es umso bedauerlich, dass diese Themen bei uns kein Interesse mehr zeigen. Denn die Folgen des hohen Konsums an tierischen Nahrungsmittel haben sich für Umwelt, Klima, Tierwohl und Nahrungsgerechtigkeit nicht geändert.

Es gibt dennoch Anzeichen dass sich im Bewusstsein des Konsumenten was ändert, trotz Unklarheiten über die genauen Zahlen des Fleischkonsums. Es bleibt schwierig den Konsum tierischer Produkte unserer Bevölkerung in genauen Zahlen zu fassen.  Grenzgänger und der Einkauf in der Großregion erschweren eine genaue Rechnung. Die Zahlen die von der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) zusammengefasst werden, beinhalten nicht den konkreten Verzehr, sondern lediglich die Verfügbarkeit an Produkten die sowohl hier im Land produziert als auch importiert werden. Was zudem zwischen Trog und Teller in die Mülltonne oder die Biogasanlage landet, ist ebenso schwer zu erfassen. Die Zahlen zwischen den Jahren 2000 und 2018 können zudem nicht leicht verglichen werden, da die FAO seit 2014 die Methodologie seiner Berechnungen geändert hat. Betrachtet man die Zahlen von 2001 bis 2013, schwanken Sie zwischen 108 und 97 Kilo (Fleisch/Jahr/Kopf). Die Zahlen ab 2014 bis 2018 schwanken dagegen zwischen 84,5 und 81,67 Kg.

Dennoch ist in beiden Perioden statistisch eine Abnahme des Fleischkonsums festzustellen. Diese Tendenz zeigt sich auch bei unseren Nachbarn in Deutschland, Belgien, Frankreich und anderen Ländern wie den Niederlanden.  Seit der Lebensmittelkonsum in Deutschland statistisch erfasst wird, ist der Fleischkonsum mit 58 Kg auf dem niedrigsten Stand. So ist auch der Umsatz pflanzlicher Fleisch- und Milchalternativen 2020  gegenüber dem Vorjahr um über die Hälfte gestiegen.  Zu verdanken ist dies der steigenden Zahl an Flexitariern. Je nach Umfrage bezeichnen sich bis zu 55% Prozent der Befragten in  Deutschland als „Flexi“. Dennoch fordert das Umweltbundesamt weiterhin eine Halbierung des Fleischkonsums in Deutschland, um ein verantwortungsvolles Ernährungsverhalten zu erreichen. In Frankreich wird eine Reduzierung des Fleischkonsums von 12 Prozent innerhalb von 10 Jahren festgestellt. Dabei werden im Land des Camemberts auch Milchalternativen immer beliebter. Mitschuld ist die steigende Zahlen an Vegetariern, aber mehr noch die Tatsache dass sich mittlerweile auch jeder dritte Franzose als Flexitarier bezeichnet. Im Beneluxraum sieht sich die Agrarindustrie auch dem Phänomen ausgesetzt dass die Belgier in zehn Jahren den Fleischkonsum um rund 9 Prozent gesenkt  haben. Bei den Niederländer ist der Fleischkonsum ebenfalls rückläufig. Hier werden europaweit am meisten Fleischalternativen konsumiert.

Der Einfluss der Flexitarier ist nicht zu unterschätzen

Zurück nach Luxemburg. Ein Spaziergang durch unsere Supermärkte zeigt dass auch hier neue Veggie-Produkte wie Pilze aus dem Boden schießen. Jogurt aus Hafer, Milchalternativen aus Dinkel, vegane Bouletten aus Erbsenprotein vom luxemburger Bio-Metzger … alles Produkte aus Rohstoffen die auch in der Großregion angepflanzt und produziert werden können. Noch nie schien die Auswahl an pflanzlichen Alternativen für Milch- und Fleischprodukte so zahlreich zu sein. Tatsache ist dass auch hier diese Produkte weit mehr als einen Trend sind. Kein Supermarkt verzichtet derweil auf Fertigprodukte für Vegetarier und Veganer (kurz „Veggies“) und eben Flexitarier! Daher sollten Bezeichnungen wie „Vegan“ nicht darauf schließen lassen dass es sich hier nur um Produkte für ca. 6 Prozent Veggies handelt – das Angebot in den Supermarktregalen würde nicht deren Nachfrage entsprechen. Mit der steigenden Zahl an Flexitariern sieht es aber schon anders aus. 18 Prozent der Befragten haben sich in einer Umfrage von TNS Ilres 2018 als Flexitarier bezeichnet. Damit kann man rein rechnerisch davon ausgehen dass mindestens jeder fünfte Konsument in Luxemburg auf Produkte zurückgreift, die ein gelbes „Vegan“ oder „Vegetarisch“-Logo tragen. So gehen die Zunahme an Fleisch/Milchalternativen, der Zuwachs an Flexitariern und weniger Fleischkonsum logischerweise Hand in Hand. Doch Fleisch- und Milchalternativen sind kein Muss und werden überwiegend von Konsumenten gekauft die vorher schon konventionelle Fertigprodukte im Kaufwagen hatten.  In Sache „Fleischalternativen“ sei daher erwähnt dass diese Produkte wohl ein Indiz sind dass es mehr Veggies und Flexitarier gibt, viele jedoch auch auf solche Produkte verzichten. Auch für die Landwirtschaft ist dies ein Zeichen dass sich die Diversifizierung der Lebensmittelproduktion lohnt!

Der Flexitarier – was is(st) er nun genau? Laut Duden ernährt sich der Flexitarier überwiegend vegetarisch, isst aber auch gelegentlich hochwertiges, wenn möglich biologisch produziertes Fleisch. Kurz – zurück zum Sonntagsbraten! Befragt man Konsumenten die sich als Flexitarier bezeichnen, wird’s jedoch etwas komplizierter. Je nach Selbstdefinition fängt der Flexitarismus bei manchen schon damit an, nichts gegen vegane Produkte zu haben. Andere richten sich streng nach Maßstäben, wie ökologische Verfügbarkeit von Fleisch oder den Richtlinien von Gesundheitsorganisationen. Egal ob sich nun Flexitarier mit Fleisch/Milchalternativen ernähren oder nicht - Luxemburg täte es gut sich ebenfalls eine Zielsetzung, ähnlich die des Umweltbundesamtes, für die Reduktion an tierischen Lebensmittel zu geben. Allen voran die steigende Zahl der Flexitarier hätte man zum Mitstreiter.

Wer nun glaubt dass sich der Konsument dabei zwischen Gesundheit und Umweltschutz entscheiden muss, der irrt - wie „Veggies“ schon länger beweisen. Nach einer rezenten Studie des WWF geht man davon aus dass schon eine durchschnittliche Reduzierung von Fleischprodukten auf 470 Gramm pro Woche (ergo 24,4 Kg/Jahr) Umwelt und Klima gut täte.  Auf Luxemburg und seiner aktuellen Verfügbarkeit und dessen Konsum von 80 Kg/Jahr umgerechnet, würde dies eine Reduzierung von ca. 70 (!) Prozent bedeuten. Hier sei kurz erwähnt dass das Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) vor wenigen Jahren schon in einer Studie schlussfolgerte, dass die Bio-Landwirtschaft alleine kein Klimaretter sein kann. Eine langfristig nachhaltige Reduzierung der Treibhausgase von 60 bis 80 Prozent würde auch eine Verringerung tierischer Produkte um etwa 70 (!) Prozent auf gleich bleibender Fläche erfordern.

Doch was sagen Gesundheitsorganisationen zu „so wenig Fleisch“?
In dem „Fleischflyer“ des Landwirtschaftsministeriums beruft man sich auf die DEG – die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Das Ministerium übernimmt im Flyer den Ratschlag eines Fleischkonsums von 300 bis 600 Gramm pro Woche. Na, merken Sie was? Ja, der Durchschnitt von 450 Gramm überschneidet sich bis auf einige Gramm mit den Forderungen  des WWF und würde wiederum der Forderung des IÖW einer Reduktion von 70 Prozent tierischer Produkte gerecht werden (oder mehr wenn die Exporte mitgerechnet würden). Auch die Empfehlung für den Konsum an Milchprodukten im „Milchflyer“ ist für Flexitarier interessant, bezüglich den Zahlen der FAO.

Die Fakten um die nötige Reduzierung von Konsum und Produktion für Luxemburg sind eh längstens bekannt. Im „Plan National pour un Développement Durable“ von 2010 wurde schon erwähnt dass Luxemburg etwa das Doppelte seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche benötigt um die Bevölkerung zu ernähren – dies durch den vorwiegend hohen Konsum an tierischen Produkten.

Also - worauf wartet man mit der Sensibilisierung? Immerhin hat sich sogar schon CONVIS mit all den Themen beschäftigt und schlussfolgert in einem Artikel dass „eine Reduzierung des Viehbesatzes nur als Folge eines reduzierten Verzehrs von Produkten tierischen Ursprungs zu einer Senkung des Treibhausgasausstoßes und der Emission anderer umweltschädigender Gase führen kann“.  Bei der wachsenden Zahl an Flexitariern hat diese Ernährungsform, wenn Sie auch konkret dem Rechnung trägt was uns ökologisch zur Verfügung steht, die echte Macht den Lebensmittelmarkt und die (Gemeinschafts-) Gastronomie positiv aufzumischen. Für die Gastronomie gilt daher dass statistisch jeder fünfte Gast nicht von rein pflanzlichen oder wenigstens vegetarischen Gerichten abgeneigt ist, und stellt somit die Chance zu einer weiteren Kundschaft dar.

Und schlussendlich – auch die kleinere, aber immer noch wachsende Gemeinschaft von Veganer und Vegetarier würde es Dankbar annehmen wenn ein flexitarisches Angebote, also die Wahl zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten, Standard würde. Denn letztendlich bedeutet Flexitarisch hauptsächlich die Möglichkeit zu haben, sich jeden Tag nach Belieben pflanzlich zu ernähren.