(…)

"Wer da!" - "Ein britischer Reitersmann,

Bringe Botschaft aus Afghanistan.

"Wir waren dreizehntausend Mann,

Von Kabul unser Zug begann,

Soldaten, Führer, Weib und Kind,

Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,

Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,

(…)

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,

Vernichtet ist das ganze Heer,

Mit dreizehntausend der Zug begann,

Einer kam heim aus Afghanistan."

Aus: Das Trauerspiel von Afghanistan

Theodor Fontane (1819 -1898)

Zwischen 1839 und 1842 besetzten die Briten Kabul. Die Flucht wurde zu einem der größten militärischen Desaster des 19. Jahrhunderts. Um Karl Marx zu bemühen: Die Geschichte wiederholt sich immer zwei Mal - das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Dass alles durchaus noch getoppt werden kann, beweist die Tragödie Afghanistan. Einmal mehr verjagten heuer afghanische Volksgruppen westliche Truppen, die NATO-Streitkräfte unter US-Führung. Schon 32 Jahre vorher, im Jahre 1989, zogen sich nach zehn Kriegsjahren die sowjetischen Truppen zurück. Die USA hatten die afghanischen islamistischen Taliban damals noch logistisch und militärisch gegen die sowjetischen Besatzer unterstützt und stark gemacht. Davon will man heute tunlichst nichts mehr wissen. Nun ziehen sich die US-Amerikaner in vorhersehbarer Demütigung ebenfalls, nach 20 Jahren, aus dem Afghanistan zurück.

Im Jahre 1984 las der Verfasser dieses Beitrages das im Titel erwähnte Buch des Journalisten Wilhelm Dietl, Experte in Sachen Machtpolitik im Mittleren Osten. Schon damals besaß der Konflikt um Afghanistan eine internationale Dimension von erheblicher Tragweite für die Politik in allen Anrainer-Staaten der gesamten Region. Es ist ein historischer Fakt, dass schon immer fremde Mächte intensiv um Afghanistan rangen. Der Weg zur Macht im Mittleren Osten führt unweigerlich über den »Brückenkopf Afghanistan«, so seine damalige Schlussfolgerung.  Der Autor reihte in seinem Buch wenig bekannte Einzelheiten über den Aufmarsch der beiden Supermächte USA und der damaligen Sowjetunion aneinander. Auslöser für das Eingreifen der USA in Afghanistan waren die Terroranschläge des 11. September 2001 in New York,  für die man die Organisation Al-Qaida verantwortlich machte. Über 3000 Menschen starben bei diesen Anschlägen und diese Tat war für die US-Regierung eine Kriegserklärung.

„Die westlichen Staaten sind mit ihrer Interpretation des Landes, wie sie sich selbst sehen, wie sie Staatlichkeit sehen, an Afghanistan herangetreten. Sie hatten die falsche Vorstellung, dass es in dem Land so etwas wie einen Konsens gibt, und wollten eine demokratische Republik nach westlichem Vorbild aufbauen. Es wurde zu wenig darauf geachtet, was die Afghanen und Afghaninnen wollen, wie sie sich die Zukunft vorstellen und wie ihre Vorstellung von einem sozialen Zusammenleben aussieht. Ihnen wurde stattdessen einfach ein westliches Schema aufgezwungen. Der Westen stützte sich dabei auf eine kleine urbane Mittelschicht, die genau diese Vorstellung einer Republik geteilt hat. Aber diese Idee wurde von der afghanischen Bevölkerung auf dem Land mehrheitlich nicht mitgetragen. Sie fühlten sich verraten, um ihr Afghanentum gebracht. Der Westen ist damit zum zweiten Mal gescheitert. Dabei hätte er gewarnt sein müssen, denn bereits in den Neunzigern hat diese Strategie nicht funktioniert.“ So der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze in einem ZEIT-Interview. Weiter: „Man kann die Taliban nicht wegbomben. Auch der Vietkong konnte nicht mit Napalm weggebombt werden. Die Taliban agieren heute deutlich schlauer als in den Neunzigern. Sie knüpfen viele diplomatische Bande, beispielsweise mit China und Russland. Sie haben gelernt, dass sie sich nicht zu sehr isolieren dürfen. Sollte sich der Westen komplett abwenden, wird China die Lücke füllen, auch um den Traum von einer neuen Seidenstraße voranzutreiben.“

Und deshalb gilt im Mittleren Osten heute umso mehr ein intelligentes Handeln, besonders im weiteren Umgang mit den Taliban, die mehr sind als nur „Männer mit Bärten“.  Denn dass Kriege, besonders in Afghanistan, mit Sicherheit keine Lösung sind dürfte doch endlich klar sein. Die Urmutter westlicher Heuchelei, US-amerikanischer „Exzeptionalismus“ in arroganter US-Selbstüberschätzung, die Einzigartigkeit, von der viele US-Politiker ach so überzeugt sind, ist ihrer Süffisanz doch wohl endlich passé.

Für die USA gilt es, so etwas wie Demut und Zurückhaltung zu lernen. Denn den US-Amerikanern ging es nie um Werte, sondern immer nur um Interessen. Und das ist für die USA Programm!

Und deshalb gilt vielleicht besonders eine dementsprechende Empfehlung an unsere EU-Politik, endlich Courage und Entschlossenheit gegenüber den USA zu demonstrieren.

Denn wer kann von wem lernen?

Frank Bertemes