Durchaus! Es gibt einen heimlichen Helden in der Pandemie und kaum jemand spricht über ihn. Wissen Sie, wen ich meine? Ich rede vom Genesenen. So banal das klingt, aber inzwischen gibt es valide Daten zur natürlichen Immunität, die für sich sprechen.

Ich bin verwundert, wie wir das im Trubel der Diskussion über Geimpfte und Ungeimpfte nur vergessen konnten. Inzwischen haben 107.455 Luxemburger (Stand: 19.01.22) eine Infektion überstanden und gelten als genesen. Das sind 17% der Bevölkerung und damit ein wichtiger Faktor im Pandemiegeschehen, denn es gibt die wissenschaftliche Evidenz, dass diese Immunität nach Infektion langanhaltend, robust und breit ist. Was bedeutet das? Forscher fanden heraus, dass die natürliche Immunität langfristig im Durchschnitt der Immunität nach Impfung sogar deutlich überlegen ist.

Bei einer großangelegten israelischen Studie verglich man Genesene und Geimpfte (jeweils 16.215 Teilnehmer in einer Gruppe) miteinander, um zu untersuchen, wie viele Re-Infektionen beziehungsweise Durchbruchsinfektionen stattfinden. Man beobachtete einen 13fach besseren Schutz vor Infektion (PCR positiv) bei Genesenen gegenüber Geimpften, wenn die Impfung der einen Teilnehmergruppe zeitgleich mit der Erstinfektion der Vergleichsgruppe stattfand. Betrachtete man nur die symptomatischen Fälle, ergab sich sogar ein 27fach erhöhter Schutz
der Genesenengruppe gegenüber der Gruppe der Geimpften. Das ist überragend und beruhigend für jeden, der schon eine Corona-Infektion durchgemacht hat.

Eine weitere Studie aus Cleveland untersuchte bei über 52.000 Mitarbeitern aus dem Gesundheitswesen die Rate der Durchbruchsinfektionen versus Re-Infektionen. Bei den Teilnehmern der Studie waren 2579 Personen genesen, davon verblieben 1359 Menschen ungeimpft. Das Interessante an dieser Studie ist definitiv der Praxisbezug: Als Pflegepersonal waren die Teilnehmer dieser Studie einem höheren Risiko ausgesetzt als die durchschnittliche
Bevölkerung. Bemerkenswert ist, dass kein einziger Genesener eine Re-Infektion im Beobachtungszeitraum der Studie über fünf Monate hatte, während in der Gruppe der Geimpften durchaus Durchbruchsinfektionen stattfanden. Die Autoren schlussfolgern daraus, dass Genesene wahrscheinlich keinen Vorteil durch eine Impfung erhalten, da ihre natürliche Immunität als sehr stark und langanhaltend zu betrachten ist. Ihre Risiko-Nutzen-Abwägung
fällt dadurch anders aus als bei Nichtimmunen.

Marty Makary, Professor für Gesundheitspolitik an der John Hopkins Universität, fasst treffend zusammen: „Wir sollten die Impfung nutzen, um Leben zu retten, nicht aber um bereits Immunisierte zu impfen." Eine Impfpflicht, die Genesene miteinschließt, ist demnach medizinisch, epidemiologisch und ethisch fragwürdig. Genesene sind eben nicht als genauso
vulnerabel anzusehen wie Menschen ohne vorherige Infektion. Sie spielen im Pandemiegeschehen keine relevante Rolle mehr, weil sie eine wirkungsvolle Immunität erworben haben. Die Impfstoffe sollten deshalb dort zum Zuge kommen, wo sie wirklich gebraucht werden: bei Menschen mit einem erhöhten Risiko, nicht aber bei Genesenen.
Auch auf der Ebene der T- und B-Zellen, die neben Antikörpern ebenfalls ein wesentlicher Teil unserer Immunabwehr sind, fanden Wissenschaftler heraus, dass die nach Infektion gebildeten Zellen nicht nur effektvoll gegenüber der auslösenden Variante waren, sondern auch bei anderen Varianten, was für unsere jetzige Situation ebenfalls gut zu wissen ist. Die Studie von Katharina Riou et al. untersuchte dies spezifisch für die Omikron-Variante und fand T-Zellen
nach vorangegangener Delta-Infektion, die auch zuverlässig die neuaufgetretene Omikron-Variante erkennen, obwohl Omikron umfangreiche Mutationen aufweist. Somit ist davon auszugehen, dass die gut erhaltene T-Zell-Immunität wahrscheinlich einen hilfreichen Schutz vor einem schweren Verlauf darstellt.

Darüber hinaus bestätigt die Forschungsgruppe um Kristen W. Cohen nach ihrer labordiagnostischen Langzeitbeobachtung, dass die Menge der B-Zellen sogar noch im Zeitverlauf ansteigen und bestehen bleiben, selbst wenn der Antikörperspiegel wieder etwas absinkt. B-Zellen sind in der Lage, Antikörper bei Bedarf neu zu bilden. Die Wissenschaftler gehen deshalb von einer langanhaltenden, breiten und robusten Immunität nach Genesung aus.
Im Falle eines erneuten Kontakts ist der Körper eines Genesenen nicht mehr als immunologisch naiv anzusehen, vielmehr hat er seine Abwehrkraft bereits unter Beweis gestellt. Der Körper des Genesenen hat sich erfolgreich mit den verschiedenen Bestandteilen des Virus, seinen Spikeproteinen und dem Nukleokapsid, auseinandergesetzt. Allen Grund zur Freude und zu mehr Selbstbewusstsein.

Da ich ehrlich sein möchte, muss ich Ihnen noch von einer Studie berichten, die die natürliche Immunität gegenüber der Immunität nach Impfung gering schätzt. Ja, auch diese Arbeiten findet man bei der Recherche. Ich möchte aber anmerken, welche Namen ich bei den Sponsoren der Studie gelesen habe. Neben Pfizer, Sanofi und AstraZeneca finden sich u.a. auch Merck und Glaxo Smith Kline. Wussten Sie, dass Merck als Zulieferer von Biontech-Pfizer gerade große Gewinne verzeichnet? Ich überlasse Ihnen ein Urteil über die Interessenkonflikte dieser Studie.

Ich für meinen Teil bin überzeugt, dass die natürliche Immunität uns helfen wird, aus der Pandemie herauszukommen. Seien wir uns darüber bewusst, welch wundersame Heilkraft in unserem Körper steckt.

Die Konsequenzen aus den Erkenntnissen ziehen übrigens Länder wie die Schweiz, Russland und die Niederlanden. Dort genießen Genesene 12 Monate Genesenenstatus. In der Schweiz kann man mit einem Antikörpernachweis wiederholt 90 Tage zusätzlich beantragen. Die Gesellschaft für Virologie mit Sitz in Heidelberg ging im September 2021 von einer Dauer von mindestens einem Jahr aus und gibt diesen Ländern damit Recht.

Mit einer weiteren guten Nachricht möchte ich meinen Beitrag beenden: Die neue Variante mOmikron senkt die Sterblichkeitsrate enorm um ganze 91% und fällt damit unter die Sterblichkeitsrate einer Grippe, die man auf 0,1-0,2% schätzt. Omikron hat laut der  großangelegten Berkeley Studie der University of California mit 70.000 Teilnehmern eine Rate  von nur 0,045% (zum Vergleich Delta 0,5%). Aus den Daten des deutschen RKIs geht sogar eine noch geringere Rate (0,043%) hervor. Da die vermutete Dunkelziffer der asymptomatischen oder sehr leichten Omikronfälle hoch sein dürfte, würde das die statistische Fallsterblichkeit nochmals absenken.

Wesentlich weniger Menschen werden eine intensivmedizinische Betreuung im Vergleich mit der Delta-Variante brauchen (minus 74%). Die Verläufe sind deutlich milder. Die Behandlungsdauer im Krankenhaus reduziert sich ebenfalls deutlich um rund 70%. Die Sterblichkeit bei Kindern und Jugendlichen beträgt laut dem Robert Koch Institut bei Omikron
0%.

Mehrere Länder haben ihre Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und -verfolgung reduziert oder ganz aufgegeben, auch wenn die Inzidenzen stark ansteigen. Schottland lässt die strengeren Regeln wegen Omikron jetzt auslaufen. Lockerungen finden auch in Wales statt. England hat das Aufheben der Maskenpflicht angekündigt. Großveranstaltungen können wieder ohne Corona-Pass besucht werden, teilte der britische Premier Boris Johnson mit. Spanien und Israel ziehen in Erwägung, Corona in Zukunft wie eine Grippe zu behandeln. Tschechien
schafft die bereits für März beschlossene Impfpflicht für Ältere und Mitarbeiter im Gesundheitswesen wieder ab.
Dank Omikron werden es bald sehr viele Genesene sein, die zuvor geimpft oder ungeimpft waren. Es wird uns wieder einen. Die Frage nach dem Impfstatus wird immer weiter an Bedeutung verlieren. Wir werden als Gesellschaft eine robuste, natürliche Grundimmunität erreichen.

Ich bleibe zuversichtlich, dass auch wir in Luxemburg uns bald wieder freier – ohne Ängste und ohne schlechtes Gewissen – begegnen können.

Ich freue mich jetzt schon auf all die nachzuholenden Umarmungen, auf die wir schmerzlich verzichtet haben.

Anne Jodocy, Esch-Alzette

M.A. Germanstik, Medienwissenschaften und Psychologie