Religion und Glaube
Der Versuch einer wissenschaftlichen Betrachtung
„Ihrer dogmatischen Struktur nach bietet sich die Religion stets als ein System von Glaubenssätzen an, das die Stellung des Menschen im Universum, seine Herkunft und sein Ziel festlegt. Pragmatisch ist für das Durchschnittsindividuum die Religion notwendig, um die niederschmetternde lähmende Vorahnung von Tod, Unheil und Schicksal zu überwinden.“ Bronislaw Malinowski britischer Ethnologe.
Auslöser für religiöses Verhalten ist die Angst. Nur der Mensch hat die Fähigkeit, sich über die Gedanken zu einer gedachten oder gewünschten Welt jenseits unseres Erfahrungshorizontes auszutauschen. Nur er hat die Möglichkeit, sich die Phantasievorstellungen und Ängste anderer zu Nutze zu machen, um seine Artgenossen zu beruhigen, zu manipulieren, zu täuschen oder zu vernichten. Menschen können die Gedanken und die Phantasie eines Artgenossen manipulieren und so eine neue Argumentationsebene mit Hilfe der spirituellen Ängste aufbauen. Das Wechselspiel aus logischer nachvollziehbarer Argumentation und unredlicher nicht-nachvollziehbarer Argumentation (Causa efficiens) gipfelt im Jenseits und dem freien Willen der Götter. Diesen Totschlagargumenten soll nicht mehr widersprochen werden können. Religiöse Glaubensinhalte und Begründungen dienen der Durchsetzung und Rechtfertigung der egoistischen Vorteilsnahme einzelner (Causa finalis).
Wer früh eine Angst vor der Hölle nahe gelegt bekommt, der sucht auch später nach einer Rettung vor der „ewigen Verdammnis“. So entstehen Probleme, die es ohne Erziehungsinhalte und –methoden gar nicht gäbe. Der Begriff „Gott“ wird Kindern von anderen als Konzept nahegelegt, so dass sie lernen, dieses Wort für ihre Eindrücke und psychischen Hilfskonstruktionen zu benutzen. Glauben ist also eine Form, die frühkindlichen Denkgewohnheiten mit in das Erwachsenenalter zu übernehmen. Und Religionen tun genau dies. Sie bestärken die evolutiv angelegte kindliche Form des Denkens und des bei Kindern so beliebten Sicherheitsgefühls. Sie behindern damit die Entwicklung des konstruktiv-wissenschaftlichen Zweifelns. Kinder sollten möglichst früh über die Gefahren religiöser Vorstellungen aufgeklärt werden. Als zukünftige mündige Bürger haben auch Kinder ein Recht darauf, über ihre eigene Erziehung und Manipulation aufgeklärt zu werden. Bei der seelischen Gesundheit von Kindern hört die Religionsfreiheit auf. Bildungsverantwortliche und Schulen sollen in die Pflicht genommen werden können, bestimmte Themen für definierte Altersklassen auszuklammern, um irreparable Schäden zu vermeiden. Was für ein Vorbild ist ein Religionslehrer, der implizit behauptet, dass andere Religionen falsche Moral und Ethik unterrichten? Was muss ein Kind denken, wenn ihm beigebracht und vorgelebt wird, dass es bessere und schlechtere Menschen, Menschen erster und zweiter Wahl, richtige und falsche Religionen gibt? Das Argument des christlichen Lebens verliert seine Vorbildfunktion, wenn man die Realität betrachtet. Es wäre ehrlicher, wenn der Religionsunterricht durch konfessionsfreien Ethikunterricht ersetzt würde. Was unserer Gesellschaft heute fehlt, ist eine universelle Ethik, die die Konfessionen überschreitet. Wir müssen uns für eine gemeinsame Zukunft auch an Gemeinsamkeiten orientieren. Wir brauchen Übereinkunft durch Vernunft, wo Religionen die Argumente zur Spaltung liefern und egoistische Vorteilsnahmen demonstrieren.
In der Welt der Religionen, der Theologie und der „Religionswissenschaft“ (dieser Begriff ist schon ein Widerspruch in sich!) gibt es bis heute keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition des Begriffes Religion. Es gibt schätzungsweise dreihundertdreißig Religionen mit über einhunderttausend verschiedenen Glaubensgemeinschaften und so genannten Sekten sowie circa fünfhunderttausend Götter. Hunderttausende von Propheten, Gurus, Priestern, Imamen, Rabbinern, Schamanen, Geisterheilern, Laienpredigern, Zauberern und Hexen usw. widersprechen sich in nahezu allen Annahmen und Glaubensinhalten. Hinzu kommen Millionen von persönlichen Glaubensüberzeugungen. Weiterhin wird das Phänomen Religion mit nahezu allen Lebensbereichen in Verbindung gebracht, so dass die Übergänge von Religionen zu Ideologien, Riten und alltäglichem Handeln nahtlos erscheinen. Theologen, die sich bemühen Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und systematisch zu erfassen, stöhnen unter der Vielfalt der lokalen kulturellen Ausprägungen. Obwohl sie Gläubige, Meister, Fachleute und Gelehrte nach offiziellen Glaubensinhalten und persönlichen Glaubensvorstellungen befragen können, tun sie sich schwer, die Gemeinsamkeiten aller Religionen zu erfassen. Auch wenn ihnen die heiligen Texte und geschichtlichen Überlieferungen vorliegen, die sie und ihre Berufskollegen seit Jahrtausenden selber schreiben und interpretieren, sind sie offensichtlich nicht in der Lage, eine einheitliche Quintessenz daraus zu entnehmen. Und wenngleich Theologen studierte Fachleute für die Vermittlung von Glaubensfragen sein sollten, können sie sich nicht auf eine Definition einigen, die aussagt, womit sie sich eigentlich befassen. Selbst die „Religionswissenschaft“ arbeitet zur Zeit noch an einem Verständnis dessen, womit sie sich beschäftigt beziehungsweise beschäftigen sollte. Wenn keiner definieren kann, was Religion ist, wer ist dann ein kompetenter Ansprechpartner für dieses Thema? Bei wem will man Auskunft einholen, wenn keiner sagen kann, worüber er gerade spricht? Wem soll man glauben, wenn alle religiösen Fachleute etwas anders erzählen? Dabei handelt es sich nicht nur um wissenschaftliche Spitzfindigkeiten. Es geht ebenso um die Existenz und das Wirken der Religionen im Alltag. Von dem Verständnis und der Definition hängen Fragen nach Sinn, Zweck und Funktion der Religion ab. Wozu ist Religion überhaupt gut? Diese Fragen wirken weit in unser Leben hinein. Nennen wir ein paar Beispiele. Was ist die Berechtigung für Religionsunterricht, wenn niemand definieren kann, was Religion ist? Oder werfen wir einen Blick auf die Menschenrechte. Was ist verbürgte Religionsfreiheit, wenn die Unterschiede zwischen Religion, Aberglaube, Ideologie und Politik in der Willkür der Interpreten liegen? Dies hat auch Auswirkungen auf die nationalen Gesetzgebungen. Wer ist kompetenter Ansprechpartner, wenn es um die Anerkennung einer Glaubensgemeinschaft als religiöse Gemeinde oder staatlich anerkannte Kirche geht? Wer darf Sekten diffamieren und selber Staatsgelder und Sonderrechte bekommen? Wie wollen Religionen friedlich koexistieren, wenn ihre Mitglieder nicht die Grenzen ihres Metiers definieren können?
Das I. Vatikanische Konzil formuliert eindeutig: „Die heilige katholische und apostolische römische Kirche glaubt und bekennt, dass ein wahrer und lebendiger Gott ist, Schöpfer und Herr des Himmels und der Erde, allmächtig, ewig, unermesslich, unbegreiflich, an Vernunft und Willen sowie jeder Vollkommenheit unendlich“ (Vaticanum I., Konstitution „Die Filius“). Ob ein Mensch überhaupt in der Lage ist Gott zu beschreiben, ist die eine Frage; wenn er es aber tut, dann sollte es wenigsten in sich widerspruchsfrei geschehen. Logisch gesehen stehen hier die Aussagen zu Gottes Attributen konträr zueinander: „unermesslich“, also nicht messbar; „ewig“, also doch irgendwie gemessen und für ewig befunden; „unbegreiflich“, für einen Menschen nicht zu verstehen; „allmächtig“, also doch über die Macht zu definieren; „vollkommen“, also nicht zu verändern; „lebendig“, also anpassungsfähig und noch nicht vollkommen; „wahrer“ Gott, also die absolute Wahrheit repräsentierend, aber leider für uns unbegreiflich. Was kann man denn über etwas aussagen, was als unbegreiflich definiert wurde? Mit der Logik einer Naturwissenschaft hat dies alles nichts zu tun. Hier werden mystische Inhalte als paradoxe Gottesbeschreibungen präsentiert, die die Gläubigen bedienen sollen. Solche Aussagen sind prinzipiell nicht überprüfbar und mit der naturwissenschaftlichen Logik nicht einmal in Gedanken nachzuvollziehen.
Kann es überhaupt eine „Wahrheit“ in den Religionen geben? Laut Definition muss eine wahre Aussage in der Realität zu überprüfen bzw. nachzuvollziehen sein. Religiöse Inhalte haben durch ihre Nicht-Nachvollziehbarkeit und Nicht-Überprüfbarkeit keine „wahren“ Aussagen zum Gegenstand, sondern Glaubensinhalte.
Die religiöse „Wahrheit“ ist, dass kein Mensch sagen kann, was „Gott“, die „Macht hinter allem“ oder die „Existenz“ ist. Und trotzdem hören die Gläubigen tausende von Interpretationen und Erklärungen, wie sie die Worte „Gottes“ zu lesen haben. Wenn es ganz dreist kommt, wird ihnen auch erzählt, was Gott ist. Es ist wohl davon auszugehen, dass dies wissentlich und willentlich geschieht, um den Gläubigen zu erzählen, was nicht in Worte gefasst werden kann. Der Sinn und Zweck des Konzepts Religion besteht darin, uns durch Selbstbetrug ein subjektives Sicherheitsgefühl zu vermitteln, welches durch logisches Hinterfragen nicht mehr zu destabilisieren ist. Es wird deutlich, dass dies erstens nur eine Möglichkeit ist, mit der Lücke umzugehen, und zweitens, dass es ein aussichtsloses Unterfangen ist, solange der Mensch seine Logik zum Überleben benötigt. Religiöse Inhalte werden immer hinterfragt und angezweifelt werden. Sie können daher kein Sicherheitsgefühl vermitteln. Wir müssen zweifeln solange wir denken.
Religion ist das folgerichtige und konsequente Anwenden der Nicht-Logik, um Egoismen schein-argumentativ rechtfertigen und durchsetzen zu können.
Zu glauben heißt, eine Idee auch ohne logische Beweise und empirische Nachweise als wahr anzunehmen. Wer glaubt, dass er dies glauben kann, der kann genauso gut alles glauben. Und wer alles glauben kann, ohne Beweise und Logik einzufordern, der ist vielleicht glücklich, aber kein guter Ratgeber für wissenschaftliche Fragen und Antworten. Wer sich fachlich fundiert und logisch konsequent mit dem Phänomen Religion beschäftigen will, der sollte frei davon sein zu glauben oder glauben zu müssen.
Die Gläubigen reden eigentlich nie über Gott selbst, sondern immer nur über ihre eigenen Vorstellungen von ihm. Auch sein „Willen“ und sein „Handeln“ sind immer nur ihre persönlichen Interpretationen. Religionen streiten daher nicht für Gott oder eine „Macht hinter allem“, sondern Menschen und Meinungsmacher versuchen andere von ihren persönlichen – unzureichenden – Vorstellungen zu überzeugen. Selbst die Vorstellung von Gott, der per Definition nicht zu definieren und damit auch nicht darzustellen ist, wird versucht, den Gläubigen als Gottesbild zu vermitteln. Diesen kulturellen Versuch, eine gemeinsame Vorstellungswelt von dem zu erschaffen, was keiner definieren und vermitteln kann, nennen wir Religion. Es ist eine Beschränkung verschiedener Innenwelten auf Wörter, die zur Verfügung stehen und auf die man sich geeinigt hat, also ein Wort-Glauben (in Bezug auf die Bibel auch ein Buch-Glauben). Oder um es auf „biologisch“ auszudrücken: Religionen basieren auf artifiziellen Konzepten spiritueller Vorstellungen.
Im weitesten Sinne des Wortes „Wahn“ ist die Mehrheit der Menschen geisteskrank, weil sie nicht in der Lage ist, die Realität zu sehen wie sie ist, sondern ihr einseitig gefärbtes Weltbild für sich bevorzugt. Wir alle werden in ideologische und religiöse Anschauungen hineinkonditioniert, so dass es uns fast unmöglich ist, eine andere Perspektive zu uns und unserem Handeln einzunehmen. Es hört sich fast nach einem Witz an, wenn ausgerechnet an dieser Stelle die Forderung nach dem „Erwachet“ stehen sollte. Es wird Zeit, sich die religiösen und ideologischen Phantasien genauer anzusehen und sie als das zu beurteilen, was sie sind: Unbewusst egoistische Falschverbindungen in Denkprozessen.
Viele religiöse Institutionen reden von Toleranz und Respekt gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Sie meinen aber fast ausschließlich die Toleranz der anderen gegenüber ihren eigenen Vorstellungen. Und mit der Forderung nach Respekt wollen sie selber ernst genommen werden. Sie erwarten die Toleranz und den Respekt, den sie selbst niemandem entgegenbringen, auch von der Wissenschaft. Akzeptiert werden von den Vertretern der großen Glaubensgemeinschaften die Wissenschaftler aber sowieso nicht. „Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt?“ (1 Kor 1,20), philosophiert der katholische Priester Karol Jósef Wojtyla in der Enzyklika „Fides et Ratio“. Sein Nachfolger Josef Ratzinger erklärt seine Meinung zur Vernunft der Wissenschaft in der Rede in Regensburg: „Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.“ In der Öffentlichkeit, vor dem naturwissenschaftlich gebildeten Publikum, werden aber Wissenschaftler hofiert, die sich auf einen Kompromiss einlassen. Und dieser Kompromiss ist ganz einfach: Die Wissenschaft mischt sich nicht in die Religion ein und die Religion nicht in die Wissenschaft. Das hört sich auf den ersten Blick gerecht an, ist es aber nicht. Damit haben sich die Religionen schon in die Wissenschaft eingemischt. Wissenschaft bedeutet, alles in Frage zu stellen und kritisch zu untersuchen. Eben und gerade auch die Religionen und ihre Glaubensinhalte. Eine Religion, die der Wissenschaft vorschreiben will, welche Fragen sie zu stellen oder auch nicht zu stellen hat, ist in Wirklichkeit bereits Inquisition. Hier wird unter dem Vorwand der Toleranz Respekt vor dem Gebiet des anderen eingefordert, während die Vertreter der Glaubensgemeinschaften bereits die Grundelemente der Wissenschaft nicht tolerieren. Aber das ist auch nichts Neues. Erinnern wir uns an den Antimodernisteneid der katholischen Kirche von 1910.
Christen halten das Christentum für das, was es garantiert nicht ist: die Lehre Jesu. „Jesus“ war kein Christ und einheitliches Christentum existierte weder damals noch heute. Die Anzahl der christlichen Sekten wird für die Anfangszeit auf ca. 100 bis 200 Gemeinden im Mittelmeerraum geschätzt. Heute existieren ca. 35000 Glaubensgemeinschaften (Sekten), die die wenigen überlieferten Worte eines jüdischen Wanderpredigers unterschiedlich interpretieren und mit Mythen für ihre Zwecke vervollständigen. Eine Glaubensgemeinschaft unter vielen war und ist die römisch-katholische Kirche. In der gesamten bekannten Geschichte der Menschheit haben sich Religionen immer nur in neue „Sekten“ aufgespalten. Friedliche Zusammenschlüsse und Vereinigungen sind nicht bekannt. Die Wahrscheinlichkeit spricht daher gegen eine Zukunft mit einheitlichen religiösen Moral- und Ethikvorstellungen. Was haben uns die Religionen bisher Gutes gebracht? Haben sie die Probleme der Welt gelöst? Ist die Frage nach dem „Warum“ beantwortet? Sind wir entspannter, befreiter und erlöster geworden? Haben wir den Hunger auf der Welt besiegt, Kriege beendet (in zweitausend Jahren Christentum haben mehr als 3000 kriegerische Auseinandersetzungen stattgefunden, die meisten davon haben Katholiken gegen Katholiken geführt), die Angst vor dem Tod verloren? Nichts, absolut gar nichts von diesen Problemen ist von den Religionen gelöst worden!
Die Verbindung von ich-bezogenen Denkschemata mit den Fragen nach dem großen Kontext ist leider ein Fehlläufer der Evolution. Diese Welt wurde nicht für uns oder unser Ego erschaffen. Und unbewusst, zum großen Teil durch Indoktrination ab dem frühesten Kindesalter, generierte Wunschvorstellungen einzelner und deren pandemische Ausbreitung verhindern leider eine realistische Auseinandersetzung mit unserer Umwelt und einen kritischen Blick auf unser Verhalten.
Wer das Beste für die Menschen will, schenkt ihnen Methoden zur Selbsterkenntnis. Wer Menschen versklaven will, macht sie von seiner Gnade abhängig.
Quelle: Andreas Kilian – Die Logik der Nicht-Logik