„Journal“-Gespräch mit Thérèse Michaelis, Leiterin des „Centre de Prévention des Toxicomanies“.

Die Drogenkontrollen in der Ackerbauschule in Ettelbrück haben in den vergangenen Tagen für reichlich Diskussionsstoff gesorgt. Bekanntlich hatte das Lyzeum nach dem Grünlicht der Staatsanwaltschaft für diese Aktion mithilfe der Polizei zwei Klassen sogar einem Urintest unterzogen. Das Resultat: bei 40% der Teilnehmer waren die Tests positiv. Resultat und Vorgehensweise werfen viele Fragen auf, die momentan mitunter auch auf parlamentarischer Ebene vorgebracht werden: ganz generell über den Umgang der Schulen mit der Problematik des Konsums von abhängig machenden Substanzen. Über das Gleichgewicht zwischen repressiven Maßnahmen und Eingriff in die Privatsphäre, die Verantwortung der Schuldirektionen, aber auch über die Konsumprävention. Insbesondere über letzteren Aspekt unterhielt sich das „Journal“ mit der Direktorin des „Centre de Prévention des Toxicomanies“, Thérèse Michaelis.

Individuelle Gespräche statt Stigmatisierung ganzer Klassen

LJ: Frau Michaelis, wie bewerten Sie die Aktion des LTA?

Thérèse Michaelis: Da ich die Situation nicht genau kenne, wäre es vermessen von mir, über die Berechtigung dieser Entscheidung zu urteilen. Aber natürlich wirft die drastische Vorgehensweise sehr viele Fragen auf. Vor allem die, wie man nun mit den Resultaten der Tests umgeht und was das für den einzelnen Schüler bedeutet. Präventiv war die Aktion aber ganz sicher nicht.

LJ: Wie müsste man denn Ihrer Meinung nach vorgehen, wenn sich ähnliche Situationen in Schulen ergeben?

TM: Wenn wir wissen, wer betroffen ist, müssen wir uns in erster Linie um diese Person kümmern. Das heißt individuelle Gespräche führen. Mit dem Betroffenen, den Eltern, mit dem SPOS, vielleicht auch mit Solidarité Jeunes. Um den Jugendlichen vom heftigen und/oder unangepassten Konsum weg zu bekommen. Sonst stigmatisiert man eine ganze Klasse und erniedrigt die Schüler.

LJ: Hat die Schule denn überhaupt die Wahl diesen Weg zu gehen? Schließlich ist Cannabiskonsum illegal.

TM: In der Tat ist das eine kriminelle Handlung. Was es dem Umfeld des Betroffenen nicht leichter macht auf das Problem hinzuweisen ohne ihm große Probleme zu bereiten.

Es ist viel leichter, beispielsweise ein Alkoholproblem zu melden. Über den übermäßigen Konsum dieser Kulturdroge wird leider zu wenig gesprochen, weil sie legal ist. Auch über übermäßigen Medikamentenkonsum dem sich viele Jugendliche hingeben, wird relativ wenig gesprochen.

LJ: Müsste das Gesetz demnach gelockert werden?

TM: Ich möchte nicht falsch verstanden werden: es geht hier nicht etwa um die Frage ob Cannabis legalisiert werden soll oder nicht. Wir müssen unsere ganze Herangehensweise überdenken, was den Umgang mit psychoaktiven Substanzen anbelangt, deren Konsum leider zunimmt.

Die Repression hinkt übrigens im Kampf gegen neue Substanzen ständig hinterher. Wir müssen den Akzent stärker auf Prävention und Nachsorge setzen, auf Aufklärung über die möglichen dramatischen Auswirkungen dieser Substanzen. Und die Politik müsste mehr Mittel dafür freisetzen damit diese langwierige Arbeit getan werden kann.

„Politsch einfacher, auf Repression zu setzen“

LJ: Kann Luxemburg diesen Mentalitätswechsel denn allein herbeiführen? Schließlich muss es sich an EU-Recht halten.

TM: Auch im Rahmen des geltenden EU-Rechts kann einiges getan werden. Die Niederlande beispielsweise setzen bereits auf eine ganz offensive Prävention und Information in den Schulen. Wichtig ist auch das vernetzte Denken zwischen allen Stellen, die daran beteiligt sind. Sicher muss nicht nur auf europäischem sondern auch auf internationalem Niveau agiert werden und zwar auf allen Ebenen der Drogenproblematik. Von der Herstellung bis zum Konsum.

Natürlich ist es politisch einfacher, auf Repression zu setzen. Das tut unserem steigenden Sicherheitsbedürfnis vielleicht Genüge und unserem Wunsch dass uns irgendeine Autorität unbequeme Fragen vom Hals hält. Damit ist das Problem aber längst nicht gelöst. Es ist auch nicht gelöst, wenn die Polizei oder auch unser Präventionszentrum die eine oder andere Stunde Aufklärungsarbeit in Schulen zu leisten versucht. Die Prävention muss im Alltag geschehen.

„Überlegen, ob Präventions- arbeit nicht obligatorisch in der Lehrerausbildung sein soll“

LJ: Also vor allem auch an den Schulen. Sind die Lehrer denn eigentlich auf diese Rolle genügend vorbereitet?

TM: Seit Jahren schon gehört das Thema Suchtprävention zur obligatorischen Ausbildung der Biologielehrer. Wir arbeiten daran mit und haben auch versucht, uns in andere Ausbildungen einzuschalten. So belegen die Sozialpädagogen und die Primärschullehrer die an der Uni Luxemburg ausgebildet werden, regelmäßig unsere Kurse. Wir uns gemeinsam mit Solidarité Jeunes auch sehr bemüht, pädagogische Instrumente für Schulen zu erstellen, die auch jeder Lehrer bekommen hat. Das Echo ist allerdings minimal. Vielleicht sollte man überlegen, ob Suchtprävention nicht zum obligatorischen Teil der Lehrerausbildung gehören sollte. Wir sind uns bewusst, dass das im Alltag Schwerstarbeit ist. Aber sie ist außerordentlich wichtig. Und wir stehen zur Verfügung, um unterstützend zu wirken.

LJ: Wir haben von der Rolle der Schule gesprochen. Wie kommt das CePT an die Eltern ran, die die Hauptverantwortung für ihre Kinder tragen?

TM: Wir bieten auch den Eltern regelmäßig Kurse an. Es ist natürlich sehr schwierig, an sie ranzukommen. Wir versuchen sie über die Elternvereinigungen zu erreichen und über die zuständigen Ausschüsse in den Gemeinden.

LJ: Wie früh müsste die Erziehung der Kinder in punkto Umgang mit möglicherweise abhängig machenden Substanzen eigentlich beginnen?

TM: Ich denke nicht dass man bereits in der Grundschule groß über Drogen reden müsste. Aber die psychische Gesundheit der Kinder sollte gepflegt werden. Auch haben Studien belegt dass jemand der heftig konsumiert, meist auch keinen guten Bezug zu seinem eigenen Körper hat. Wer bin ich? Wie funktioniere ich? Wie gehe ich mit meinem Körper um? Wo liegen meine Grenzen? Das sind Fragen, die man bereits in der Grundschule mit den Kindern diskutieren sollte. › c.

› Mehr Informationen zum CePT, zu pyschoaktiven Substanzen und Präventionsprogrammen auf www.cept.lu. Oder über Telefon: 4977771. Adresse: 8-10 rue de la Fonderie, Luxembourg. Das Zentrum ist von montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr und von
14 bis 17 Uhr geöffnet