„Journal“-Gespräch mit Horesca-Generalsekretär François Koepp.

„Gastgewerbe braucht mehr politischen Realismus“

Sein Einstand als neuer Generalsekretär der Horesca, den er offiziell zum 1.
Dezember des vergangenen Jahres vorgenommen hatte, bereitete ihm keine Probleme, so François Koepp, der sich gut eingelebt hat in der Kontinuität mit seinem Vorgänger Jean Schintgen. Das Terrain sei gut vorbereitet worden für einen Führungswechsel durch ein erst vor relativ kurzer Zeit bestimmtes Mitglied der Horesca-Leitung. Er selbst, so François Koepp, gehöre dem Verwaltungsrat des Gaststättenverbandes schon sehr lange an und kenne sich auch bestens aus in sämtlichen Gremien, in denen die Horesca vertreten ist bzw. mit denen der Verband regelmäßig zusammen arbeitet, wie etwa die Handelskammer, wo er als gewähltes Mitglied den Gaststättenbereich vertritt, oder das Luxembourg City Tourist Office, wo es auf eine optimale Konzertierung zwischen Betrieben und Veranstaltungskalender ankommt.

Erblich vorbelastet

Darüber hinaus sieht sich François Koepp in gewisser Weise auch erblich vorbelastet, weil bereits sein Vater, genau wie übrigens auch der Vater des amtierenden Horesca-Präsidenten Alain Rix, Gründungsmitglieder der Horesca waren. Zuhause in der Familie sei immer auch über spezifische Berufsprobleme gesprochen worden, wie etwa die Ermittlung des Umsatzes je Fass Bier, den „flexiblen Franken“, oder andere polemische Themen, die oft über Jahre in der Diskussion standen, bevor es zu einer Einigung gekommen sei.
Weil er über die längste Zeit seines Lebens immer wieder mit berufsspezifischen Themen konfrontiert war, kenne er sich heute auch bestens mit den Anliegen der Branche aus, so François Koepp, der auch betont, die Sorgen und Denkweisen der Berufskollegen ausgiebig zu kennen, weil er aus dem Beruf komme und sich lange genug persönlich mit den Herausforderungen habe auseinandersetzen müssen.
Unsere ironische Frage, ob er in den ersten Wochen seiner Amtszeit noch keine bösen Überraschungen erlebt habe, weil ihm sein Vorgänger eventuell einige Leichen im Keller hinterlassen hätte, verneint François Koepp ganz
kategorisch: „De Jang huet keng Läichen hannerlooss, hien huet nach ganz vill Pabeieren a Saachen, souguer perséinlecher, hei gelooss, awer Läichen am Keller ware keng derbäi“.

Krise und Verbote
als Belastung

Zur Befindlichkeit im Gaststättengewerbe erinnert François Koepp daran, dass die Wirtschaftskrise im Jahre 2009 den Sektor voll erwischt habe und sich auch über das ganze Jahr 2010 ausgewirkt habe. Darüber hinaus hätten sich eine ganze Reihe von politischen Entscheidungen, wie etwa die an sich verständliche Reduzierung des Alkoholgehaltes bei Verkehrsteilnehmern oder das etappenweise eingeführte Rauchverbot in den Lokal unter dem Strich als kontraproduktiv für den ganzen Sektor heraus gestellt.
In Zahlen ausgedrückt bedeute dies, dass der Sektor im Jahre 2009 Einbußen von 4 bis 5% bei den Besuchern zu verzeichnen hatte, wobei der Ausfall bei verschiedenen Betrieben noch deutlich höher gelegen habe. Was den Umsatz angeht, so seien die Einbußen noch erheblich höher gewesen und ließen sich auf etwa 15% beziffern.

Kostendruck stößt
an Grenzen

Diesem Tatbestand stünden steigende Kostenbelastungen gegenüber, die für zusätzlichen Druck sorgten. Auch wenn vor allem die kleineren Betriebe daraus noch keine personellen Konsequenzen gezogen hätten, so sei keinesfalls sicher, dass dies auf Dauer so bleiben könne, weil die Unternehmen aufgrund immer neuer Kosten- und Steuerverordnungen irgendwann gezwungen sein könnten, derartig Schritte zu unternehmen, weil ihnen sonst kein Einsparpotenzial – um das es bei stationären oder sinkenden Umsätzen geht – mehr zur Verfügung stünde.
François Koepp gibt ferner zu bedenken, dass nicht nur die lokalen Kunden der Restaurantbetriebe rückläufige Tendenz zeige, sondern auch die grenzüberschreitende Kundschaft, die normalerweise über Mittag die Gaststätten aufsuchte, ihre Konsumgewohnheiten verändert habe. Für die Restaurantbetriebe habe dies einen Umsatzrückgang um 9% bewirkt. Einen derartigen Rückgang könne man auf Dauer nicht mehr nur durch Optimierung des Einkaufs oder der allgemeinen Betriebsführung wettmachen, so Koepp. Als letztes Mittel müsse deshalb vermieden werden, die Beschäftigung der Branche in Mitleidenschaft zu ziehen, wodurch am Ende nur noch mehr Leute ohne Arbeit bleiben würden.

Wasserpreis gefährdet Betriebe

Ganz besonders am Herzen liegt François Koepp derzeit die europäische Wasserdirektive und deren Umsetzung in Luxemburg. Was sich die Verantwortlichen in diesem Zusammenhang ausgedacht hätten, gehe zum Teil deutlich über das hinaus, was auf europäischer Ebene prinzipiell angestrebt wird. Hier sei Luxemburg dabei, über das Ziel hinaus zu schießen, weil beispielsweise nirgends in der Direktive die Rede sei von Einwohnergleichwerten, die aber in Luxemburg appliziert werden sollen. Die willkürliche Berechnung von Sitz- und Bettenkapazitäten in den Gaststättenbetrieben führe dazu, dass schon kleine Betriebe je nach Angebotspalette mit neuen jährlichen Kosten in Höhe von 1.500 bis 6.000 Euro zu rechnen hätten.
In den Camping-Betrieben komme es zu einer Explosion bis auf 20.000 Euro und mehr an jährlichen Wasserkosten, die Belastung für Betriebe mit Wellness-Bereichen, die erhebliche Investitionen dafür getätigt haben, steigen sogar auf ca. 30.000 bis eventuell 100.000 Euro pro Jahr. Schlimm daran sei, dass die entsprechenden Belastungen zu bezahlen sind ob nun alle Plätze besetzt sind oder nicht. Das werde dazu führen, das am Ende verschiedene Betriebe mehr Wasserkosten zu bezahlen haben als Steuern, oder gar als sie überhaupt verdienen, so François Koepp.

Nachbesserung erforderlich

Dieser gibt zu bedenken, dass durch die neuen Wasserpreise auch die privaten Haushalte, also die natürliche Kundschaft der Gaststätten, erheblich belastet werden, so dass ihnen unter dem Strich weniger Geld bleibt, um es im Handel aus zu geben. Bei einer geschätzten Durchschnittsbelastung pro Jahr von 30.000 Euro für die rund 2.500 Unternehmen der Gaststättenbranche komme geschätzt ein Betrag zusammen, für den sich ganz gewiss zahlreiche neue Kläranlagen einrichten ließen, so Koepp, der bemängelt, dass hier etwas übers Knie gebrochen wurde, ohne sich der daraus resultierenden Konsequenzen für die Betriebe bewusst zu sein.
Die zur Zeit noch geltenden Preise könnten stellenweise bis auf 18 Euro pro Kubikmeter Wasser steigen, was einem vernünftigen internationalen Vergleich nicht mehr entspreche.
Das von den Gemeinden vorgeschobene Argument, dass vor allem die Verlegung und der Unterhalt der Versorgungsnetze für diese Preise verantwortlich seien, müsse man dahingehend relativieren, dass in neuen Siedlungen jeweils die Promoteure selbst die Infrastrukturen bezahlen und zusätzlich auch noch eine beträchtliche Gebühr für den Anschluss an das öffentliche Netz bezahlen müssen. „Hier muss unbedingt nachgebessert werden“, so François Koepp.

Rauchverbot:
leben und leben lassen

Reizthemen der letzten Jahre für die Gaststättenbranche waren die Reduzierung der Alkoholtoleranz für Verkehrsteilnehmer und das vorerst noch auf Restaurantbetriebe begrenzte Rauchverbot. In diesem Zusammenhang unterstreicht François Koepp, das angekündigte generelle Rauchverbot in Gaststätten sei so nicht hin zu nehmen. Die Beschränkung in den Restaurants habe sich als wirksam erwiesen und sei auch akzeptiert worden, weil es dem gastronomischen Genuss entgegen komme und darüber hinaus Möglichkeiten offenlasse, nach dem Essen in separaten Räumlichkeiten eventuell auch zu rauchen und so ein Treffen gemütlich ausklingen zu lassen.
Anders sei es aber für Gaststätten, wo man jedem Inhaber selbst die Wahl überlassen sollte, ob er das Rauchen seiner Kundschaft, die ja auch sehr punktuell zusammengesetzt sein kann, das Rauchen gestattet oder nicht. Hier würde das Kundenverhalten von sich aus für klare Verhältnisse sorgen, weil niemand gezwungen wir, in ein Café zu gehen. Wenn sich heraus stellen würde, dass die Kunden generell gegen das Rauchen eingestellt sind, dann würde auch der letzte Wirt dafür sorgen, dass sein Lokal rauchfrei bleibt. Im traditionellen „Bistro“ gehört das Rauchen zur Geselligkeit ganz einfach mit dazu.

Konzessionen: Spiel mit dem Feuer ... und dem Geld

Das bringt mich übrigens auch zum Thema der Konzessionen, wo beabsichtigt wird, die Territorialität des Schenkrechtes abzuschaffen und einen einheitlichen Preis der Konzession von 15.000 Euro fest zu setzen. Wenn man weiß, dass in der Stadt Luxemburg und auch an diversen anderen Standorten deutlich mehr dafür bezahlt werden musste, dann sieht man den Schaden, der diesen Leuten entsteht, die hier einen regelrechten Substanzverlust erleiden würden. Die mittelfristige Konsequenz einer solchen Regelung wäre eine enorme Schwemme von Gaststätten in den Städten und ein massives Aussterben von Gaststätten über Land, wo sich derartige Preise nicht rentabilisieren lassen.
Dabei erfüllt gerade in den kleineren Ortschaften die traditionelle Kneipe eine wichtige Sozialfunktion um den Zusammenhalt der Bürger zu fördern und ganz einfach für ein wenig Geselligkeit zu sorgen in einer Welt, in der sich die Menschen immer mehr voneinander entfremden. Im übrigen würde das auch das Problem der Verkehrskontrollen lindern, weil man nicht unbedingt auf ein Auto angewiesen ist, wenn man an seinem Wohnort noch auf ein Glas ins Café gehen will. Wäre es da nicht sogar angebracht, das Überleben von typischen Dorfgaststätten kommunalpolitisch zu fördern, fragt François Koepp, weil dies im Endeffekt das Zusammenleben beträchtlich erleichtern und auch eine gewisse Verwahrlosung der Gesellschaft verhindern würde.

Alkoholkontrollen: Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit?

Was nun die Alkoholkontrollen selbst angeht, so zeigt das Ergebnis von oftmals massiven Aktionen, dass es sich im Endeffekt nur um eine verschwindend kleine Minderheit von Fahrern handelt, die zu tief ins Glas geschaut haben. Was man uns nicht mitteilt, ist das Ausmaß, mit dem gegen die Bestimmungen verstoßen wurde, so dass sich im Endeffekt unter allen Autofahrern eine gewisse Angst und Panik breit macht, die keinesfalls berechtigt ist, die aber dem Gaststättenbesuch einen schweren Abbruch tut.
Im Endeffekt muss man sich auch fragen, ob zwischen dem Aufwand der Kontrollen und dem tatsächlichen Ausmaß des Problems überhaupt noch eine minimale Verhältnismäßigkeit besteht. Andererseits gibt es für viele Menschen im Land keine wirkliche Alternative zum eigenen Auto, weil das Angebot und die Streckenführung im öffentlichen Transport sowohl innerhalb der Städte und besonders in den Abend- und Nachtstunden über Land keineswegs den Bedürfnissen angepasst sind. Hier besteht wirklich akuter Handlungsbedarf, den die Verantwortlichen im Staat und in den Gemeinden erfüllen müssen.

Beschäftigung: Platz
für motivierte Mitarbeiter

Ein wesentliches Anliegen der Gaststättenbranche war und ist eine fachgerechte Ausbildung der Mitarbeiter die längst keine Selbstverständlichkeit ist, wie François Koepp unterstreicht, der betont, es sei wirklich schwierig, nicht nur qualifizierte, sondern auch ausreichend motivierte Mitarbeiter zu finden, was auch durch die steigende Zahl von Grenzpendlern nicht kompensiert werden kann.
Nicht gelten lassen will François Koepp die Behauptung, das hänge vor allem mit den zu niedrigen Löhnen zusammen, weil die offiziellen Löhne in der Praxis ergänzt werden durch Trinkgelder und Beköstigung der Mitarbeiter, die oft genug überhaupt nicht, und wenn, dann zu einem äußert günstigen Preis angerechnet wird, so dass für die Beschäftigten unter dem Strich ein sehr ordentliches verfügbares Einkommen übrig bleibe, selbst wenn die Gaststättenbranche auf diesem Gebiet sicher nicht mit dem Staat oder den Finanzunternehmen mithalten könne.

› Das Interview führte Nic. Dicken