Romain WelterInstitutionelle Gewalt: Die unbequeme Frage hinter PISA und Gewalt in der Schule

Lieserbréif vum Romain Welter
© RTL Grafik

Die Ergebnisse der PISA-Studie haben in Luxemburg erneut eine intensive Diskussion über unser Bildungssystem ausgelöst. Auffällig ist dabei, wie vertraut viele der Erklärungen und Lösungsansätze klingen: Handys und digitale Medien werden problematisiert, Eltern sollen wieder mehr Verantwortung übernehmen, Kinder müssten mehr Ausdauer und Leistungsbereitschaft entwickeln, Regeln konsequenter eingehalten werden.

Ähnliche Argumente waren bereits im vergangenen Schuljahr zu hören, als Gewalt, Aggressionen und massive Unterrichtsstörungen an unseren Schulen die öffentliche Diskussion bestimmten. Auch damals standen Elternhaus, digitale Medien, fehlende Grenzen und gesellschaftliche Veränderungen im Fokus. Mit der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse ist die Gewaltdebatte weitgehend in den Hintergrund getreten. Dabei sollten wir sie nicht aus den Augen verlieren.

Denn vielleicht gehören beide Debatten enger zusammen, als es zunächst scheint. Was, wenn Schulunlust, mangelnde Leistungsbereitschaft, Unterrichtsstörungen und manche Formen von Aggression nicht ausschließlich voneinander unabhängige Probleme sind? Was, wenn sie zumindest teilweise unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Erfahrung darstellen? Nämlich auf jahrelange Fremdbestimmung in einem System, in dem Kinder nur begrenzt darüber entscheiden können, was, wann, wie und in welchem Tempo sie lernen?

Damit stellt sich eine unbequeme Frage: Suchen wir die Ursachen möglicherweise zu schnell bei den Kindern oder außerhalb der Schule? Was, wenn ein Teil der Probleme, die wir heute beobachten, nicht nur von außen in die Schule hineingetragen, sondern auch durch die Funktionsweise der Institution selbst mitverursacht wird?

Diese Frage richtet sich weder gegen Lehrerinnen und Lehrer noch gegen einzelne Schulen. Viele Lehrkräfte leisten täglich Bemerkenswertes unter schwierigen Bedingungen. Auch sie stehen unter Druck, erfüllen Vorgaben, setzen Lehrpläne um und bewegen sich innerhalb eines Systems, das sie nicht selbst geschaffen haben. Gerade deshalb lohnt es sich, die Institution Schule selbst genauer zu betrachten.

Die Schule basiert auf einer Besonderheit, die wir im Alltag kaum noch hinterfragen. Kinder sind verpflichtet, sie zu besuchen. Über viele Jahre verbringen sie einen erheblichen Teil ihres Tages in einer Institution, deren Teilnahme für sie nicht freiwillig ist und deren Regeln und Anforderungen sie sich unterordnen müssen.

Natürlich benötigt jede Gesellschaft Orte des Lernens. Doch zwischen Lernen und Schulpflicht besteht ein Unterschied. Lernen ist ein natürlicher menschlicher Prozess. Schulpflicht dagegen ist eine staatlich organisierte Verpflichtung.

Diese Form von Zwang wird selten als Gewalt wahrgenommen, weil sie gesellschaftlich akzeptiert und gesetzlich legitimiert ist. Dennoch bleibt sie eine Form institutioneller Gewalt. Nicht weil jemand geschlagen wird, sondern weil Menschen dauerhaft verpflichtet werden, sich den Regeln einer Institution unterzuordnen.

Aus kinderrechtlicher Perspektive entsteht damit ein Spannungsverhältnis. Artikel 19 der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet Staaten, Kinder vor Gewalt zu schützen, während Artikel 28 ihr Recht auf Bildung garantiert. Bildung ist jedoch nicht dasselbe wie Schulpflicht. Wenn Kinder über Jahre hinweg verpflichtet werden, eine bestimmte Institution zu besuchen, ohne selbst über Form, Ort oder Art ihres Lernens entscheiden zu dürfen, stellt sich die Frage, ob das Recht auf Bildung hier nicht teilweise auf Kosten anderer Rechte verwirklicht wird. Eine Schule, die auf Zwang basiert, muss sich daher die kritische Frage gefallen lassen, ob sie dem Geist der Kinderrechte in jeder Hinsicht gerecht wird.

Während die öffentliche Debatte meist um Gewaltvorfälle, Leistungsprobleme oder fehlende Ressourcen kreist, wird die grundlegende Organisation des Schulsystems selten hinterfragt. Dabei entsteht ein Widerspruch: Einerseits erwarten wir von jungen Menschen Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative. Andererseits bietet ihnen der schulische Alltag nur begrenzte Möglichkeiten, genau diese Fähigkeiten tatsächlich zu erproben.

Auch die zunehmende Ausrichtung auf standardisierte Bildungsziele verändert das Verhältnis zwischen Schule und Kind. Immer häufiger steht die Frage im Mittelpunkt, welche Kompetenzen messbar erworben wurden. Weit seltener wird gefragt, welche Interessen ein Kind entwickelt, welche Verantwortung es übernehmen möchte oder welche individuellen Wege des Lernens sich aus seiner Persönlichkeit ergeben. Bildung droht dadurch zu einem Prozess der Anpassung an vorgegebene Erwartungen zu werden.

Von diesen Entwicklungen sind nicht nur die Schülerinnen und Schüler betroffen. Auch viele Lehrkräfte erleben einen Verlust an pädagogischer Freiheit. Sie sollen individuelle Bedürfnisse berücksichtigen und gleichzeitig immer mehr Vorgaben erfüllen. Sie sollen Beziehungen aufbauen und zugleich dokumentieren, evaluieren und standardisierte Ziele erreichen. Wo Freiheit schwindet und Fremdbestimmung zunimmt, entstehen Frustration, Resignation und Konflikte, bei Kindern ebenso wie bei Erwachsenen.

Die meisten Kinder finden Wege, sich mit diesem System zu arrangieren. Manche tun dies problemlos, andere mit Mühe. Wieder andere reagieren mit Rückzug, Resignation oder Widerstand. Wo Menschen dauerhaft wenig Einfluss auf ihr eigenes Leben haben, entstehen Frustration und Ohnmachtsgefühle. Und Ohnmacht ist oft der Nährboden für Aggression.

Gewalt ist deshalb nicht nur eine Frage individuellen Verhaltens, sondern auch der Strukturen, in denen Menschen leben. Wer Gewalt an Schulen verstehen will, muss daher auch die Institution selbst kritisch betrachten.

Denn Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens. Sie ist auch ein Ort der Macht. Über viele Jahre erleben Kinder dort ein deutliches Gefälle zwischen denen, die Anforderungen festlegen, Leistungen beurteilen und Entscheidungen treffen, und denen, die diesen Entscheidungen unterliegen. Dass dieses Verhältnis gesellschaftlich akzeptiert ist, bedeutet nicht, dass es folgenlos bleibt.

Gerade deshalb sollten weder die Debatte über Gewalt noch die Diskussion über die PISA-Ergebnisse bei der Frage stehen bleiben, wie Kinder besser kontrolliert, sanktioniert oder betreut werden können. Sie sollte auch fragen, wie viel Selbstbestimmung, Mitverantwortung und Freiheit Kinder in ihrem Alltag tatsächlich erfahren.

Vielleicht beginnt Gewalt dort, wo Menschen dauerhaft lernen, dass andere über sie bestimmen. Und vielleicht geht dort auch die Freude am Lernen verloren. Frieden und Lernbereitschaft können hingegen dort wachsen, wo Menschen erfahren, dass ihre Stimme zählt, ihre Interessen und Bedürfnisse ernst genommen werden und sie Verantwortung für ihr eigenes Lernen und Leben übernehmen dürfen.

Der Weg zu friedlicheren Schulen und zu Kindern, die wieder mit Neugier und Motivation lernen, führt deshalb möglicherweise nicht zuerst über mehr Kontrolle und neue Vorgaben. Er beginnt mit einer viel grundsätzlicheren Frage: Wie viel Freiheit sind wir bereit, Kindern zuzugestehen?

De Romain Welter ass de President vun der l’Association Luxembourgeoise pour la Liberté d’Instruction (ALLI)

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