Die Nibelungen - Das erste gesamteuropäische Heldenepos der Gegenwart und: 3 Fragen an Felicitas Hoppe

Die Georg-Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe stellt auf Einladung des Instituts Pierre Werner am Sonntag, 28. November 2021, um 17 Uhr in der Abtei Neumünster ihren neuen Roman „Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm“ (Fischer, 2021) vor. Hell und schnell, poetisch und politisch erzählt Felicitas Hoppe die Nibelungensage, das erste gesamteuropäische Heldenepos der Gegenwart, neu. Der Roman war nominiert für den Deutschen Buchpreis 2021. Die Lesung mit anschließendem Gespräch wird moderiert von Michel Delage (100,7). Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten.
Neben der Lesung am Institut Pierre Werner finden im Rahmen der Veranstaltungsreihe
"TRANSFORMATION(EN). Modernes Mittelalter im Dialog" zwei weitere Veranstaltungen rund um das Thema statt: Zum Auftakt der Veranstaltungsserie organisiert die Universität Luxemburg am 24.11.2021 um 15 Uhr am Campus Belval die Vorführung des Stummfilms ‚Die Nibelungen‘ (1924) von Fritz Lang; am 29.11.2021 findet am selben Ort ein literarisches Gespräch mit Felicitas Hoppe zum Thema ‚Hoppes Mittelalter‘ statt.
Der Stoff ist unschlagbar: ein Bad in Blut, eine schöne Frau, Gold und ein Mord, der grausam gerächt
wird. So klingt das Lied der Nibelungen, die Sage von Siegfried, dem Strahlenden, seinem düsteren
Gegenspieler Hagen und der schönen Kriemhild. Aber ist das die wahre Geschichte dieser
europäischen Helden, die in Island oder Norwegen beginnt, am Rhein entlang spielt, die Donau runter
erzählt wird und schließlich im Schwarzen Meer mündet? Niemand weiß, wie es wirklich war, meint
Hoppe und erfindet die Wahrheit: hell und schnell, poetisch und politisch, wie nicht mal Tarantino es
kann. Felicitas Hoppes Roman „Die Nibelungen“: Das erste gesamteuropäische Heldenepos der
Gegenwart.
Felicitas Hoppe, geboren 1960 in Hameln, veröffentlicht seit 1996 Erzählungen, Romane, Kinderbücher und Feuilletons. Sie ist Trägerin des Georg-Büchner-Preises. Zuletzt erhielt sie ein Ehrendoktorat der Leuphana Universität Lüneburg. Außerdem erhielt sie 2021 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.
Den Roman "Paradiese, Übersee" von Felicitas Hoppe kann man übrigens auch auf Luxemburgisch lesen. Er wurde 2014 von Georges Hausemer übersetzt und ist unter dem Titel "Vu Wëlwerwolz op Kalkutta" bei capybarabooks erschienen.

3 Fragen an Felicitas Hoppe, gestellt von Bea Kneip

B.K: Sie «fabulieren» gerne…im besten Sinne des Wortes. Welche Möglichkeiten hat Ihnen der Stoff der Nibelungen dazu gegeben?

F.H.: Die Nibelungen laden tatsächlich zum Fabulieren ein. Und offenbar nicht nur mich - die Bearbeitungen des alten Stoffes sind ja mehr als zahlreich. Doch je länger man sich in den Stoff vertieft, umso häufiger fragt man sich: Könnte nicht alles auch ganz anders gewesen sein? Ist die Geschichte tatsächlich zwingend? Kann man die Heldinnen und Helden nicht doch noch irgendwie retten? Hätte sich das Gemetzel nicht auch vermeiden lassen? Zugleich merkt man sehr schnell, dass die Geschichte auf ihre eigene Art zwingend ist und Gesetzen folgt, die sich nicht ohne Weiteres aushebeln lassen. Das macht die Neuerzählung des Stoffes zu einer Herausforderung.

B.K.: Der Untertitel Ihres Buches ist: «Ein deutscher Stummfilm» Was hat das Nibelungenlied mit einem Stummfilm gemeinsam? (Im Buch ist das ja auch grafisch umgesetzt worden?)

F.H.: Bei den Nibelungen drängt sich der Stummfilm geradezu auf: Schwarz-Weiß, grotesk, überzogen! Ein Stoff, der durch große und grausame Gesten lebt, eine Geschichte, in der nicht gesprochen, sondern vor allem gehandelt wird. Keine Psychologie. Keine Charaktere, sondern Typen, die sich über ihre Taten und Requisiten ins Spiel bringen: Ist der erste Kopf erst einmal gerollt, muss zwangsläufig auch der nächste und schließlich der letzte rollen. Das erzeugt allerdings nicht nur Schrecken und Angst, sondern auch eine gewisse Komik, die wie ein Ventil funktioniert und bei Hoppe in eine Art historische hysterische Tortenschlacht mündet - wir lachen uns buchstäblich tot und merken plötzlich, wie wenig lustig die alten Stummfilme sind.

B.K.: «Jeder Stoff ist eine Leihgabe» haben Sie in einem Gespräch mit Tilman Spreckelsen gesagt. Nun ist dieser Stoff auf sehr verschiedenartige Weise «ausgeliehen» worden und damit auch etwas vorbelastet. Hat das Ihre Arbeit als Autorin überschattet?

 F.H.: Mit Leihgaben ist das so eine Sache: Sie sind ja immer kontaminiert - man öffnet einen alten historischen Giftschrank und kann das Rad nicht ohne Weiteres zurückdrehen. Die einzige Möglichkeit ist, diesen Tatbestand zu reflektieren und zum Teil der neuen Erzählung zu machen. Den Schatten, der sich durch den ideologischen Missbrauch des Stoffes über die Geschichte gelegt hat, kann man nicht leugnen - stattdessen habe ich versucht, ihn mitzunehmen und mich gegen ihn zu behaupten. Wo viel Schatten ist, ist auch viel Licht. Die Möglichkeiten sind trotzdem begrenzt. Wir alle stehen auf den Schultern von Riesen, von denen die einen edel und die anderen verabscheungswürdig sind. Meine Nacherzählung ist nicht mehr und nicht weniger als ein Bannungsversuch und eine Einladung, die Geschichte von vorn zu lesen.

Pressestimme:

WDR 5 Scala: „Felicitas Hoppe gelingt in ihrem neuen Buch über die Nibelungen das schier
Unmögliche: Sie führt mit leichter Hand durch die Geschichte, ohne Mord, Tod und menschliches Elend zu verschweigen. Ein irres, ein tolles Buch.“

Informationen im Überblick
Sonntag, 28. November 2021, 17 Uhr
Abtei Neumünster, 28, rue Münster, Luxemburg-Grund
In deutscher Sprache
Eintritt frei; um Anmeldung wird gebeten: billetterie@neimenster.lu / +352 26 20 52 444
Covid-Check-Veranstaltung
Weitere Informationen auf https://www.ipw.lu
Reservierung und Informationen bzgl. der Veranstaltungen an der Uni Luxemburg: amelie.bendheim@uni.lu