Der geopolitische Kontext: Der Kalte Krieg in seiner heißen Phase

„Pour bien comprendre la situation des forces de l’ordre durant les années 1980 à 1985, il faut se rappeler qu’il s’agissait d’une période très agitée“, schreibt Staatsanwalt Robert Biever in seiner Anklageschrift zur „Bommeleeër“-Affäre und verweist dabei auf die so genannte „Joërhonnert-Affäre“, in der sich Polizei und Gendarmerie gegenseitig bekriegten, sowie auf eine neue Qualität der Kriminalität mit den äußerst brutalen Taten der Waldbilliger Gangster-Bande (bei der Serie der von ihr verübten Banküberfälle war Ende Oktober 1985 ein junger Polizist ermordet worden).

Biever situiert die „Bommeleeër“-Attentate in einem nationalen Kontext, vermeidet es aber, die Anschlagsserie auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in ihren internationalen Kontext zu stellen. Genau das aber versucht das „Journal“ in einer Artikelserie zu tun. Um zu einem besseren Verständnis des Gesamtkontexts beizutragen, in dem sich die Anschläge abspielten und einige vernachlässigte Pisten zu beleuchten.

Geopolitisch erreichte der Kalte Krieg und damit die Konfrontation zwischen Ost und West, zwischen Kapitalismus und Kommunismus Anfang der 1980er Jahre einen neuen Höhepunkt. Der NATO-Doppelbeschluss und der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan markierten 1980 das Ende der Entspannungspolitik der 1970er Jahre und läuteten eine neue Phase des Rüstungswettlaufs ein. Eine neue Generation von US-amerikanischen Pershing II- und Tomahawk-Raketen mit nuklearen Sprengköpfen in Westeuropa stationiert werden. Mit der Wahl Ronald Reagans zum amerikanischen Präsidenten leitete erneut ein Hardliner die Geschicke  des Weißen Hauses, während unter der Führung Juri Andropows und Konstantin Tschernenkos eher Unsicherheit über die politische Ausrichtung der Sowjetunion herrschte.

„La Grande Peur“

Die Periode wird deshalb auch in der Forschung als „La Grande Peur“ bezeichnet, da die Angst vor einem nuklearen Zusammenstoß und einem dritten Weltkrieg einen erneuten Höhepunkt erreichte. In Luxemburger Militärkreisen stellte sich damals nicht die Frage „ob“ es zu einem Krieg zwischen NATO und Warschauer Pakt kommen würde, sondern „wann“ und „wie“.  Das „wie“ trainierte die Luxemburger Armee seit den 1970er Jahren und verstärkt in den 1980er Jahren in einer Vielzahl von NATO-Manövern. Diese folgten dem immer gleichen Szenario: Kleine subversive Gruppen sollten versuchen, die nationalen Infrastrukturen zu zerstören und Armee und Gendarmerie sollten sie daran hindern. Im Verteidigungsfall ging man davon aus, dass der Warschauer Pakt in einer ersten Phase kleine Elite-Einheiten (sogenannte „Spetsnaz“) über West-Europa mit dem Fallschirm abwerfen würde. Ihr Ziel: Strategische Infrastrukturen auszuschalten. Dadurch sollte die Verteidigung der NATO-Länder stark geschwächt und ein Vormarsch der Panzerkolonnen des Warschauer Paktes erleichtert werden.

Im Militärjargon spricht man in diesem Zusammenhang von „kritischen Infrastrukturen“. Darunter versteht man Einrichtungen und Strukturen, deren Ausfall das gesellschaftliche Leben zum Erliegen bringen und eine Verteidigung des Landes unmöglich machen würden. Als solche Infrastrukturen galten in den 1980er Jahren vor allem Infrastrukturen aus den Bereichen Energie, Transport und Verkehr, Information und Telekommunikation, Medien- und Kultur sowie staatliche Institutionen (s. Liste unten).

Militärische Logik hinter Auswahl der Ziele

Beim Auflisten dieser Kategorien fällt auf, dass die Ziele der „Bommeleeër“ allesamt in eine dieser Kategorien fallen. Die Anklageschrift liefert keine triftige Erklärung für die Auswahl der Ziele der „Bommeleeër“, unterstreicht aber mehrmals „la façon d’agir de manière militaire“ der Attentäter. Tatsächlich folgt die Auswahl der Ziele einer streng militärischen Logik.   Sie demonstrierten, dass man das Land mit gezielten Aktionen innerhalb kürzester Zeit hätte lahmlegen können. Hätten die „Bommeleeër“ „ernst gemacht“ oder hätten im Kriegsfall Vorboten des Warschauer Pakts diese Angriffe durchgeführt, dann wäre möglicherweise die Stromversorgung zusammengebrochen, die Energiereserven wären zerstört worden, das Land wäre von den internationalen Kommunikationssträngen abgeschnitten worden, die Funktionsweise der Justiz und der Ordnungskräfte wären schwer beeinträchtigt worden, öffentliche Veranstaltungen wären zum Erliegen gekommen und die Führung des Landes hätte ausgeschaltet werden können. Viele Ziele wurden bis heute nicht auf ihren militärischen Stellenwert hin betrachtet. Zum Beispiel das Attentat auf die Radaranlage des Flughafens Findel. Im Fall eines militärischen Angriffs hätte die Aufgabe der europäischen Armeen vor allem darin bestanden, die Truppen  des Warschauer Paktes solange aufzuhalten, bis der militärische Nachschub aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien eingetroffen wären. Unter diesem Gesichtspunkt spielte der „Findel“ eine entscheidende Rolle für die Verteidigung des Landes, weil er im Kriegsfall als Brückenkopf der Alliierten gedient hätte.

Zeigen, dass die Landesverteidigung im Ernstfall versagt hätte

Die „Bommeleeër“-Attentate zeigten, dass die Landesverteidigung im Ernstfall total versagt hätte. Diese Aufgabe oblag jedoch nicht nur der Gendarmerie, sondern vornehmlich der Armee. Fast zeitgleich zu den „Bommeleeër“-Attentaten fanden in den Jahren 1984 und 1985 NATO-Manöver in Luxemburg und der Grenzregion statt, die eben dieses Szenario der Landesverteidigung verfolgten.

Die bei den Manövern trainierten Aktionen und die der „Bommeleeër“ zeigen dabei eine verblüffende Ähnlichkeit. Diese Aspekte legen nahe, dass die Aktionen der „Bommeleeër“ in einem weiteren Kontext der Landesverteidigung gesehen werden müssen. In diesem Zusammenhang stellt sich jedoch die Frage, wer von der strategischen Bedeutung der Ziele der „Bommeleeër“ überhaupt wusste? Selbst den Ermittlern erschloss sich die Bedeutung verschiedener Ziele, wie etwa bei dem Attentat auf die internationalen Telefonleitungen in den Kasematten, erst im Nachhinein.

Die „Bommeleeër“ folgten demnach möglicherweise einem Plan, der weit über den Kenntnisstand eines Soldaten, Gendarmen oder Polizisten aus der unteren oder mittleren Karriere hinaus ging. Doch wer kannte die offiziellen Bedrohungsszenarien des Landes überhaupt? Und wer arbeitete sie aus? Das „Haut Commissariat à la Protection Nationale“, der Generalstab der Armee, der Geheimdienst, die NATO? Sicher ist, dass die Attentate den Rahmen der Gendarmerie sprengten. › LJ

› Morgen: Das „Skandal“-Manöver „Oesling 84“

Die letzte Phase des Kalten Kriegs (1979 - 1989)

Rüstungswettlauf und Stellvertreterkriege

• 1979 - 12. Dezember: Mit dem NATO-Doppelbeschluss wird die Stationierung von neuen atomaren Mittelstreckenraketen in Europa entschieden.

24. Dezember: Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan. Die USA beliefern fortan die afghanischen Mujaheddin mit Waffen.

• 1980 - 4. November: Ronald Reagan wird Präsident der Vereinigten Staaten.

• 1981 - 18. November: Ronald Reagan verkündet, in den kommenden Jahren 180 Milliarden $ in die Aufrüstung investieren zu wollen.

13. Dezember: Im Zuge der Proteste der Solidarnosz-Bewegung wird in Polen das Kriegsrecht verhängt.

• 1982 - 2. April: Beginn des Falkland-Krieges zwischen Großbritannien und Argentinien.

5. Mai: Israel marschiert im Libanon ein.

21. Dezember: Scheitern der Genfer Abrüstungsverhandlungen über den Abbau von atomaren Mittelstreckenraketen zwischen den USA und der UDSSR.

• 1983 - Ronald Reagan lanciert sein „Star Wars“-Programm zur militärischen Aufrüstung des Weltraums.

25. Oktober: US Truppen landen auf der Insel Grenada und stürzen die marxistische Militärregierung

23. November - Yuri Andropov kündigt an, dass die Zahl der nuklearen Langstreckenraketen, die auf Europa und die USA gerichtet sind, erhöht werden.

• 1984 - 28. Juli: Boykott der Olympischen Spiele in Los Angeles durch die Sowjetunion und
seine Allierten.

13. Februar: Konstantin Chernenko wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei

• 1985 - 11. März: Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei

• 1986 - 13. Februar: Frankreich greift in den Krieg im Tchad ein um lybische Truppen zurück zu drängen

15. April: US-Flugzeuge bombardieren Stellungen in Lybien.

3. November:„Iran-Contra Affäre“ die Reagan Regierung genehmigte illegale Waffenlieferungen an den Iran und finanzierte darüber zum Teil die nicaraguanischen Contras.

• 1987 - 10. September: Der Bürgerkrieg in Angola geht in die entscheidende Phase.

• 1988 - 15. Mai: Die Sowjetunion zieht sich aus Afghanistan zurück