"Eine Verbindung kann nicht ausgeschlossen werden": Die paramilitärische Piste in der "Bommeleeër"-Affäre

Wie aus der Anklageschrift in der „Bommeleeër“-Affäre (s. Kapitel: „Les avatars de l‘enquête“) hervorgeht, hatte eine Gruppe von jungen Luxemburger Offizieren unmittelbar nach den Attentaten sechs Pisten aufgezeichnet, in deren Richtung ermittelt werden müsste.

Weshalb wurde die „paramilitärische Piste“ fallen gelassen?

Fünf davon wurden zurück behalten und weiter verfolgt. Die einzige, die fallen gelassen wurde, war die „paramilitärische“ Piste, obwohl auch das durch den FBI im Mai 1986 erstellte Täterprofil der „Bommeleeër“ unter anderem zu folgendem Schluss kam: „Si toutefois plusieurs personnes étaient impliquées dans ces poses de bombes, le groupe le plus concevable serait une famille (étroitement liée), un club paramilitaire ou un partenariat d‘affaires aux composants étroitement liés“. Doch auch die Staatsanwaltschaft lässt offensichtlich die Möglichkeit außer Acht, dass sich außerhalb der offiziellen Strukturen der Sicherheitskräfte paramilitärische Gruppierungen gebildet haben könnten, die im Zusammenhang mit den „Bommeleeër“-Attentaten stehen könnten. Sie bevorzugt die Piste der BMG (Brigade Mobile de la Gendarmerie). Dies ist umso erstaunlicher, als die „bleiernen“ 1980er Jahre in Europa geprägt waren von militäristischen Gruppierungen, die zwar Mitglieder aus den Sicherheitskräften rekrutierten, doch außerhalb dieser Strukturen funktionierten.

Am 16. August 1983 etwa wurde die belgische Polizei zu einem gewaltsamen Zwischenfall in den Brüsseler Stadtteil Saint Gilles gerufen, weil ein Betrunkener auf seinen Bruder geschossen hatte. Eine Lappalie für die Polizisten, die sich vor Ort begaben.

Doch in der Wohnung des Beschuldigten fanden sie Waffen, Nazi-Propagandamaterial, gestohlene NATO-Dokumente, Anschlagspläne und einer Reihe von Dokumenten die mit der Abkürzung „WNP“ versehen waren. Die Funde sollten zu einer institutionellen Krise in Belgien führen.

Denn, wie sich bei den polizeilichen Ermittlungen herausstellen sollte, steckte hinter dem Namen „WNP“ die geheime rechtsradikale Miliz „Westland New Post“ mit Verbindungen zum belgischen Inlandsgeheimdienst, der „Sûreté de l’État“, und dem amerikanischen Militärgeheimdienst DIA. Ihr Ziel war der Kampf gegen die sowjetische Bedrohung auf dem belgischen Territorium. Und das in Friedenszeiten!

Von rechtsradikalen Pfadfindergruppen in Belgien

In einem Bericht aus dem Jahr 1990 beschäftigt sich G. M., der Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität der belgischen Polizei mit dem WNP und kommt zum Schluss, dass es sich um einen Sateliten des geheimen NATO-Netzwerkes „Stay Behind“ gehandelt haben muss (siehe auch Teil 3 unserer Serie). Das „Stay Behind“ war offiziell ein „schlafendes“ Netzwerk, das sich im Kriegsfall hätte überrollen lassen und erst unter einer sowjetischen Besatzung den bewaffneten Widerstand organisiert hätten. Eine ganze Reihe von Zwischenfällen aus den „bleiernen“ 1980er Jahren werden in Verbindung gebracht mit offiziösen Parallelstrukturen des „Stay Behind“. Diese Sicht wird vom belgischen Senat bestätigt, der in seinem Ermittlungsbericht zum „Stay Behind“ vom WNP als einem „Parallel-Netzwerk“ spricht.

Laut Aussagen von Paul Latinus, einem Anführer des WNP, habe er 1979 vom amerikanischen Militärgeheimdienst den Auftrag erhalten, in rechtsradikalen Kreisen Personen für das Projekt zu rekrutieren. Latinus war zu diesem Zeitpunkt selber ein Informant der belgischen „Sûreté“. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder des WNP waren aktive oder ehemalige Mitglieder der Sicherheitskräfte. Doch man rekrutierte auch unter jungen Rechtsradikalen (18-22 Jahre). Ein Auffangbecken waren dabei rechtsradikale Pfadfindergruppen, wie die „scouts marins“. Zwischen 1980 und 1983 trainierten die Mitglieder des WNP in mehreren Trainingscamps in unmittelbarer Nähe zu der Kaserne von Vielsalm, die während des NATO-Manövers „Oesling84“ angegriffen werden sollte und bei dem eine Wache niedergeschossen und Waffen gestohlen wurden (s. auch Teil 2 unserer Serie).

„Information, action, nettoyage“

Aus dieser Zeit stammt auch ein geheimer Befehl an die Mitglieder des WNP, in dem sie Anweisungen erhalten zu dem, was eine militärische Übung zu sein scheint (siehe Dokumente). Ob es sich dabei um ein offizielles Manöver handelte, ist unklar. Aus dem Dokument geht hervor, dass die Mitglieder des WNP in den Ardennen Beobachtungsmissionen durchführen sollten. Für den Fall, dass sie entdeckt würden, sollten sie ihre Präsenz erklären mit einer „balade touristique en Ardenne“. Wie sich herausstellen sollte, erhielten die Mitglieder des WNP in den Jahren 1981 bis 1983 von einem Mitarbeiter der belgischen „Sûreté“ Trainings in Beschattungstechniken und dem Bau von Bomben. Die Aufgaben des WNP wurden nach Aussagen eines ehemaligen Mitglieds in drei Bereiche zusammengefasst: „Information, Action, Nettoyage“.

Unter „Information“ verstand er  dabei allgemeine geheimdienstliche Aktivitäten, wie Erkundungs- oder Überwachungsmissionen. So legte der WNP eine systematische Kartei von linken Aktivisten an, über die man den Geheimdienst informiert hielt. Doch der WNP lieferte offenbar auch detaillierte Informationen über Politiker und andere öffentliche Personen, die für Anschläge, Entführungen oder Erpressung benutzt werden sollten. Für großes Aufsehen sorgte in Belgien die Information, dass der WNP auch Filialen der Supermarktkette „Delhaize“ überwacht hatte und detaillierte Berichte über deren Sicherheitsvorkehrungen erstellt hatte. Denn im Jahr 1985 sollten die blutigsten Anschläge der „Tueurs du Brabant“ in „Delhaize“-Filialen stattfinden.

Unter „Action“ sollten subversive Aktionen verübt werden, im Kampf gegen die sowjetische Bedrohung. Eine dieser Aktionen bestand etwa darin, geheime NATO-Dokumente zu stehlen, um dadurch auf Sicherheitsmängel aufmerksam zu machen. Eine Aktion, die der belgische Senat in seinem Bericht über „Stay Behind“ wie folgend kommentiert: „Le vol des documents OTAN par les membres du WNP démontre la manipulation des citoyens belges par des services étrangers. […] De telles opérations poursuivaient un même but: démontrer l’inefficacité des mesures de sécurité prises en Belgique.“ Laut Staatsanwalt Robert Biever war es ja auch Ziel der „Bommeleeër“, vorzuführen, dass die Sicherheitsdienste unzureichend ausgestattet waren, um eine echte Bedrohung abzuwehren. Und auch der WNP plante offenbar Bombenanschläge auf Justizeinrichtungen und das königliche Palais mit dem Ziel, das Unsicherheitsgefühl im Land zu verschärfen. Dies geht zumindest aus Plänen hervor, die bei den Ermittlungen gefunden wurden.

Unter dem dritten Kürzel „Nettoyage“ verbirgt sich eine der geheimsten Missionen der Miliz. Innerhalb des WNP gab es ein Mordkommando, das aus den radikalsten Elementen der Gruppe zusammengestellt wurde, um politische Morde zu verüben. Zwei Mitglieder des WNP wurden auch für den Mord an einem Paar im Februar 1982 verurteilt. Die Details dieser Tat verraten viel über die Gewaltbereitschaft dieser Gruppe aber auch über ihr planmäßiges und professionelles Vorgehen. Nach den Erkenntnissen der Ermittler handelte es sich bei dem besagten Doppelmord um ein „Planspiel“, bei dem das unschuldige Paar zwei KGB-Agenten darstellen sollte. Dem Mord gingen tagelange Beschattungsmissionen und detaillierte Planungen voraus, wie sie ansonsten nur von Geheimdiensten durchgeführt werden. Inwiefern der WNP in weitere Morde verstrickt ist, bleibt bis heute unklar. Anfang 2012 haben belgische Ermittler jedoch im Zusammenhang mit den „Tueries du Brabant Wallon“ 21 Hausdurchsuchungen bei Personen durchgeführt, die in Kontakt mit dem WNP standen. Darunter auch bei dem ehemaligen Chef des belgischen Inlandsgeheimdienstes und einem führenden Angestellten.

Gab es ein Luxemburger Pendant?

Der WNP ist somit zur wichtigsten Piste der Ermittler geworden in der brutalen Überfallsserie, die zwischen 1983 und 1985 das Land in Atem hielt und 28 Unschuldige das Leben kostete. Laut „Journal“-Recherchen interessierte man sich auch in Luxemburg für den WNP im Zusammenhang mit der „Bommeleeër“-Affäre. Um genauer zu sein, interessierten sich die Ermittler im Besonderen für eine Lieferung Sprengstoff und Munition, die der WNP offenbar im Jahr 1983 über einen Kurier aus Luxemburg erhalten hatte. Das erste Ermittlerteam im Fall „Bommeleeër“ rund um die beiden Kommissare H. und L. hatten damals ein internationales Rechtshilfeersuchen bei den belgischen Kollegen eingereicht und verhörte 1985 den Luxemburger Rechtsradikalen F. in einem belgischen Gefängnis. Bei ihrer Rückkehr fertigten die beiden Ermittler einen Bericht an, den sie einerseits ihren Vorgesetzten in der Gendarmerie und andererseits dem SRE (Service de Renseignement de l’Etat) zukommen ließen. Bis heute wurde diese Piste jedoch offensichtlich nicht weiter verfolgt. Die beiden Kommissare wurden vom damaligen Gendarmeriekommandanten Aloyse Harpes zu späterem Zeitpunkt von den Ermittlungen in der Akte „Bommeleeër“ abgezogen. Woher stammte das Dynamit und die Munition? Wer übergab F. das Paket? Wer bezahlte ihn für seine Dienste? Gab es weitergehende Verbindungen zwischen dem WNP und Luxemburg? Gab es vielleicht sogar ein Luxemburger Pendant?

Rechtsradikale unter Überwachung durch SREL

Die Geheimdienstkontrollkommission des Luxemburger Parlaments schreibt in ihrem Bericht über die Rolle des SREL bei den „Bommeleeër“-Ermittlungen, dass der Geheimdienst am 9. Dezember 1985 von einem befreundeten Geheimdienst auf die Aktivitäten eines Ausländers hingewiesen worden sei, der Mitglied in einer gewaltbereiten rechtsextremen Gruppierung sei. Diese Gruppierung „serait en train de recruter des jeunes du Grand-Duché“ und weiter heißt es: „le groupement serait mêlé aux activités terroristes qui se déploient les derniers temps dans votre pays.“ Aufgrund dieser Information hat der SRE eine Überwachung der Person durchgeführt und ist zum Schluss gekommen, dass man eine Beteiligung der Gruppierung an den „Bommeleeër“-Attentaten „nicht ausschließen“ könne. Handelt es sich dabei nur um eine unglückliche Formulierung? Oder ist der SREL dieser Piste in der Tat nicht bis zum Schluss nachgegangen? Aus dem Bericht der Geheimdienstkontrollkommission geht jedenfalls nicht hervor, was diese Observierung brachte.

Eine weitere Passage in dem Bericht der Kommission wirft Fragen auf. Darin beschreibt der SREL, dass die letzte Überwachung im Kontext seiner eigenen Ermittlungen in der Affäre Bommeleeër, einer Person galten, die an der Spitze einer „Wehrsportgruppe“ stand. Diese Person sei dem Geheimdienst wegen ihrer militaristischen Aktivitäten seit Januar 1983 bekannt gewesen. Am 19. September 1985 sei der SRE von den Ermittlern der Gendarmerie darüber informiert worden, dass vier Mitglieder dieser „Wehrsportgruppe“ unmittelbar vor dem Attentat auf die Kasematten in der Nähe des Tatorts gesehen worden waren.

Die Kommission hält in diesem Zusammenhang fest: „Bien que le service de renseignements note les informations reçues par le Service de la sûreté publique, il n’entamait aucune enquête indépendante à l’enquête pénale effectuée par le Service de la sûreté publique.“

Erneut eine Piste, der man beim SREL nicht nachging? Doch auch in der Anklageschrift findet man diese Episode nicht wieder. Dokumentiert ist die Aussage eines belgischen Paares, das bei dem Anschlag auf die Kasematten vier junge Männer gesehen haben will. Dass es Zeugenaussagen gibt, bei denen Personen klar identifiziert wurden und darüber hinaus noch einer unter Beobachtung stehenden „Wehrsportgruppe“ zugeordnet wurden, davon ist hingegen nichts zu finden.

Die Frage stellt sich, weshalb die Piste der paramilitärischen Gruppierungen im Zusammenhang mit der „Bommeleeër“-Affäre vernachlässigt wurde, wenn man sich doch den Gefahren, die von solchen Gruppierungen ausgingen, durchaus bewusst war? Gab es, wie in Belgien auch, in Luxemburg womöglich auch eine oder mehrere „Milizen“, die möglicherweise von Mitgliedern der Sicherheitskräfte im Kampf gegen eine sowjetische Bedrohung trainiert wurden? Gab es auch in Luxemburg solche Parallelstrukturen des „Stay Behind“?

Junge Luxemburger als Informanten bei den „Oesling“-Manövern?

„Journal“-Informationen zufolge trainierten noch bis in die Jahre 1988 und 1989 junge Erwachsene unter der Leitung von Mitgliedern der Gendarmerie und der Armee Aufklärungs- und Informationsmissionen. Wie ein Zeuge berichtet, wurden sie von Personen kontaktiert, um an einem Manöver im Norden des Landes teilzunehmen. Ihre Mission sollte darin bestehen, sich als Wanderer auszugeben, mit dem Zug nach Diekirch zu fahren, eine vorgegebene Route abzumarschieren und alle Informationen zu sammeln, die sie über die Truppenbewegungen im Rahmen des Manövers beobachten konnten. Anschließend sollten sie sich in eine konspirative Wohnung in Diekirch begeben und dort ihren Betreuern Bericht erstatten. Für den Fall, dass man sie nach dem Grund für ihre Präsenz in der Region fragen würde, sollten sie sich als Touristen ausgeben, die die Ardennen bereisen würden. Instruktionen also, wie sie auch in dem  WNP-Dokument (s. S. 4) auftauchen. Bei den Manövern, in denen die jungen Erwachsenen operieren sollten, handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um „Oesling“-Manöver, in deren Mittelpunkt das Trainieren von Sabotage-Aktionen stattfand, die denen der „Bommeleeër“ sehr ähnlich waren. Die Angreifer wurden bei dem Manöver von „Stay Behind“-Agenten unterstützt, die den Transport, die Logistik und die Erkundung des Terrains für die Angreifer übernahmen. Die jungen Erwachsenen, die nun in das Manöver infiltriert wurden, sollten ähnliche Aufgaben übernehmen. Während Fakt ist, dass der Kreis der Beteiligten an den „Oesling“-Manövern über Armee- und Gendarmerieangehörige weit hinaus ging, stellen sich in diesem Zusammenhang noch viele Fragen. Wer rekrutierte die weiteren Beteiligten? Nach welchen Kriterien? Wer trainierte sie? Für welche Aufgaben genau? Und gehörten sie einer organisierten Gruppierung an, die möglicherweise parallel zum „Stay Behind“-Netzwerk funktionierte? Fragen, die bis dato unbeantwortet bleiben.

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› Morgen Mittwoch im „Journal“:
Teil 5: Alles geheim beim Geheimdienst