Mitten im "Krieg der Ideen"

Dass die „Bommeleeër“-Attentate die öffentliche Meinung in Luxemburg beeinflussten, daran besteht kein Zweifel, trugen sie doch zu einem Klima der Unsicherheit in Luxemburg bei. Die „Bommeleeër“ stellten eine diffuse Bedrohung dar, zu einem Zeitpunkt, wo Teile der Luxemburger Bevölkerung bereits nicht mehr an die Bedrohungskulisse des Kalten Krieges und an einen bevorstehenden Krieg mit der Sowjetunion glaubten.

Aktionen gegen „verweichlichte“ Bevölkerung

In den 1980er Jahren wehrte sich die Friedensbewegung in Europa und in Luxemburg gegen eine neue Aufrüstung der nationalen Armeen und die Stationierung von neuen „Pershing II“-Raketen auf europäischem Boden. In diesem Kontext setzte sich in bestimmten politischen Kreisen die Überzeugung durch, dass man gegen eine „verweichlichte“ Bevölkerung subversive Aktionen und psychologische Kriegführung einsetzen müsse, um wieder eine unnachgiebigere Haltung gegenüber der kommunistischen Bedrohung  herzustellen. Ein Ziel, das die „Bommeleeër verfolgten“, und das aus bestimmten politischen Kreisen zumindest begrüßt wurde?

Vom 20. bis zum 22. September 1983 fand in dem Plenarsaal des Europäischen Parlamentes auf dem Kirchberg eine äußerst umstrittene internationale Konferenz statt. Organisator waren die luxemburgische und die belgische Sektion der WACL („Word Anti Communist League“). Es handelte sich dabei um die erste internationale Konferenz der WACL auf europäischem Boden. Eine zweite Konferenz sollte vom 7. bis zum 10. September 1986 erneut in Luxemburg stattfinden.

Von 1984 bis 1986 wurde die WACL vom ehemaligen US-General Singlaub präsidiert, einem der Mitbegründer der CIA. Die amerikanische Sektion der WACL, die Singlaub im Jahr 1981 gründete, schaltete sich aktiv in die Unterstützung der Contras in Nicaragua ein und unterhielt gute Kontakte zu einer ganzen Reihe von Todesschwadronen und anti-kommunistischen Rebellenbewegungen in Lateinamerika.

Die belgischen und luxemburgischen Sektionen spielten in den 1980er Jahren jedoch ebenfalls eine entscheidende Rolle in der WACL. Mit Pierre Grégoire, dem ehemaligen CSV-Minister und Ehrenpräsidenten des Parlaments, stellte Luxemburg einen Ehrenvorsitzenden und der ehemalige belgische Senator und General Robert Close war Vorsitzender der WACL im Jahr 1983.

Belgische WACL mit Kontakten zur rechtsextremen Szene

In Belgien unterhielt die WACL Kontakte zu militanten rechtsradikalen Gruppierungen wie dem VMO (Vlaamse Militante Orde),  der für eine Serie von gewalttätigen Aktionen in den Jahren 1978 bis 1985 in Belgien verantwortlich war, und zu der geheimen rechtsradikalen Miliz WNP (siehe Beitrag 4 dieser Serie). Der WNP wurde mit großer Wahrscheinlichkeit als parallele Struktur zum „Stay Behind“-Netzwerk aufgebaut und sollte auch in Friedenszeiten zum Teil gewalttätige Aktionen durchführen im Kampf gegen den Kommunismus.

In einem Diagramm zur Funktionsweise und Struktur des WNP, das ein führendes Mitglied den belgischen Ermittlern übergeben hat, fungiert die WACL an oberster Stelle. War die WACL demnach so etwas wie das Bindeglied zwischen politisch etablierten anti-kommunistischen Kreisen und militanten rechts-extremen Gruppierungen? Erhielten militante Kreise über die WACL politische und finanzielle Unterstützung? Dies geht zumindest aus Stellungnahmen hervor, die führende Mitglieder des WNP und der belgischen WACL im Rahmen von polizeilichen Ermittlungen abgaben.

Die internationalen Konferenzen waren dabei eine Art Schaufenster, über das die WACL versuchte, ihr Image aufzupolieren. Zu den Teilnehmern gehörten deshalb auch führende internationale Politiker aus dem rechten politischen Lager.

Entscheidender Propagandakrieg

Nach Aussage eines führenden belgischen WACL-Mitglieds habe man mit den Konferenzen in Luxemburg vor allem die Nähe zum Europäischen Parlament und zu transatlantischen Politikern suchen wollen, um sie für ihre Sache gewinnen zu können. Dabei sei es vor allem darum gegangen, diese Politiker davon zu überzeugen, dass man sich in einem Propagandakrieg mit der Sowjetunion befinde, der letztlich entscheidender für den Ausgang des Kalten Krieges sein würde, als der eigentliche militärische Konflikt.

Diese Idee formulierte Robert Close, der damalige Präsident der WACL, bei seiner Eröffnungsrede in drastischen Worten: „Nous vivons en ce moment même la bataille des idées que nous pourrions peut-être perdre si nous ne réagissons pas avec une totale détermination et un front monolithique. Devant nos yeux se déroule la plus extraordinaire offensive psychologique de l’histoire, orchestrée de main de maître, soufflant le chaud et le froid, usant tour à tour de la monade la plus brutale ou des offensives de paix les plus désarmantes, corrompant les esprits, séduisant les faibles, trompant les ignorants et minant sournoisement les fondements mêmes de nos sociétés démocratiques, souvent promptes au laxisme ou à l’indifférence.“

Pazifismus als „gefährliche Falle“

Der Grundtenor der Konferenz bestand darin, dass der Pazifismus dabei sei, die europäischen Staaten zu schwächen. Als „gefährliche Falle“ und „historischer Fehler“ wurde der Pazifismus bezeichnet, und man scheute sich nicht, Parallelen zur gescheiterten Appeasementpolitik gegenüber dem Hitler-Regime zu ziehen.

Laut ihrer internen Dokumentation setzte die WACL sich als eines ihrer Ziele, Methoden der politischen und psychologischen Kriegführung zu entwickeln und einzusetzen, mit der man den Kommunismus entlarven und bekämpfen wollte. Äußerst befremdlich ist dabei, dass die WACL bei ihrer Konferenz von 1986, wenige Monate nach dem Ende der Attentatsserie der „Bommeleeër“, Workshops in Luxemburg organisierte, in denen hinter verschlossenen Türen über den Einsatz von Propaganda, Desinformation und Terrorismus als Mittel der psychologischen Kriegführung diskutiert wurde. Wobei die Fragestellung nicht etwa lautete, wie man diese Phänomene bekämpft, sondern wie man diese Mittel im Kampf für eine gewisse Weltordnung einsetzen könne. Handelte es sich bei den „Bommeleeër“-Aktionen um eine dieser Formen der psychologischen Kriegsführung? Wurden die Aktionen der „Bommeleeër“ von diesen Kreisen befürwortet?

Über die Luxemburger Sektion der WACL und ihre Aktivitäten ist bis heute nur wenig bekannt. Zu den Besuchern der Kongresse gehörten jedoch namhafte Politiker, vor allem aus dem Lager der CSV. Hatte man nicht erkannt, mit wem man sich dort einließ? Zur Eröffnung der Konferenz sollte der damalige Staatsminister Pierre Werner sogar eine Rede halten. Nachdem die Medien sich dafür interessiert hatten und kritisch über die Veranstaltung berichteten, wurde Werners Auftritt jedoch abgesagt.

Die Frage stellt sich, ob auch die Luxemburger Sektion der WACL subversive Aktionen gegen die eigene Bevölkerung unterstützte und man im Grunde damit einverstanden war, dass diese manipuliert werden sollte, zur Not auch mit Mitteln der psychologischen Kriegführung? Dies alles sind Fragen, die bis heute nicht beantwortet werden konnten. Fragen, die im Kontext der „Bommeleeër“-Affäre aber gestellt werden müssen.

› LJ

› Morgen, Samstag: Teil 8: Vernachlässigte Pisten:
Die Schlussfolgerungen