Ärzte drohen mit Klage: Neue Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung stellen die Finanzen der Gesundheitssysteme auf die Probe.

Neue Medikamente zur Blutgerinnungshemmung können für viele Patienten mit Vorhofflimmern einen besseren Schutz vor Schlag- und Herzanfällen bieten. Sie haben Vorteile, weil sie wesentlich einfacher und damit sicherer in der Anwendung und Dosierung sind. Doch sie sind auch wesentlich teurer als die bisherigen Mittel und stellen damit eine Herausforderung für die Gesundheitskasse dar. Mehr Lebensqualität für den Patienten, aber auch 16-fach höhere Kosten - das ist die Herausforderung, vor der auch die CNS stand, als sie über die Kostenübernahme entscheiden musste.
Patient bekommt Kosten nur erstattet, wenn er beim Kardiologen war

In den Statuten festgelegt wurde schließlich, dass nur die Patienten die Kosten erstattet bekommen sollen, die diese neuen Medikamente von einem Facharzt für Herzerkrankungen (Kardiologe) verschrieben bekamen.

Dagegen wehren sich nun die Ärzte, die darin eine unzulässige Einschränkung ihrer verfassungsrechtlich, gesetzlich und konventionell garantierten Therapiefreiheit sehen. Die Ärztevertretung AMMD wurde zudem entgegen des Verhandlungsprinzips der Konvention in die einseitig von der CNS getroffene Entscheidung nicht einbezogen. Sie droht nun mit einer Klage, sollte diese Einschränkung nicht zurückgenommen werden. › du

Segensreich aber teuer

Neue Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung stellen die Finanzen der Gesundheitssysteme auf die Probe: Es war schon eine kleine Revolution, als die neuen so genannten Antikoagulantien auf den Markt kamen. Sie dienen zur Behandlung und Langzeitprophylaxe von venösen Thromboembolien. Vor allem Patienten mit der verbreiteten Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern könnten aber davon profitieren, dass sich keine Blutgerinnsel mehr bilden, wenn der Blutfluss im Herzen einmal stockt. Denn wenn diese Blutgerinnsel sich lösen, wandern und wichtige Gefäße verstopfen, können sie einen Herz- oder Schlaganfall auslösen.

Fast 60 Jahre lang war nun das Mittel der Wahl ein Vitamin-K-Hemmer, der in der Leber die Umwandlung von Vitamin K in Gerinnungsfaktoren behindert. Doch die Dosis ist deswegen von der Ernährung abhängig und die entsprechenden Schwankungen müssen permanent durch Blutkontrollen des Gerinnungswertes und Dosisanpassungen ausgeglichen werden.

Schnellere Wirkung und bessere Steuerbarkeit

Denn sind die Blutverdünner falsch eingestellt, drohen gefährliche Komplikationen: Sind sie zu hoch dosiert, besteht das Risiko für lebensgefährliche innere Blutungen, sind sie zu niedrig, drohen Schlaganfall und Herzinfarkt. Bisher mussten Ärzte deshalb sorgfältig abwägen, ob die Patienten von der Behandlung mit Blutverdünnern überhaupt profitieren würden. Und sie mussten verschiedene Patientengruppen von der Behandlung ausschließen. Bei den einen wirkt der Vitamin-K-Hemmer nicht, andere, vor allem ältere Patienten sind nicht mobil genug, um die regelmäßigen Laborkontrollen durchführen zu lassen.

Die drei neuen Substanzen, die bislang auf dem Markt sind, wirken dagegen gezielt auf den Gerinnungsablauf ein und führen zu einem deutlich schnelleren Wirkungseintritt und einer besseren Steuerbarkeit. Sie sind zudem einfach einzunehmen, die Blutkontrollen entfallen und sie gelten in der wissenschaftlichen Literatur grundsätzlich als sicher und segensreich.

Es gibt aber auch Problemfelder: Ein Nachteil der neuen Substanzen ist, dass es bisher kein Gegenmittel für den Fall einer Blutungskomplikation gibt. Bei Älteren und Patienten mit Niereninsuffizienz Vorsicht geboten und auch im Hinblick auf die Langzeitwirkungen (Leberschädigung, Krebskrankheiten) und die Interaktion mit anderen Wirkstoffen fehlen noch Erkenntnisse, wird in der wissenschaftlichen Diskussion in die Waagschale geworfen.

Ratlos steht man in Deutschland aber vor allem vor der Kosten-Diskussion, denn theoretisch kommen Millionen von Patienten in Frage: Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung - im Schnitt sind 1% der Gesamtbevölkerung davon betroffen.

Circa 3,40 Euro statt 20 Cent pro Tag und Patient

Das könnte die Möglichkeiten der Krankenkassen angesichts der zigfach höheren Kosten sprengen, denn die herkömmlichen Mittel schlagen mit 0,20 Euro pro Tag und Patient zu Buche, die neuen Medikamente liegen bei 3,40 Euro pro Tag. Und es könnten wesentlich mehr Patienten davon profitieren. Man plädiert deswegen derzeit noch dafür, dass Patienten, die mit herkömmlichen Medikamenten gut eingestellt sind, dabei bleiben. Wie teuer das Ganze tatsächlich kommt und wie das zu bezahlen ist, wird derzeit in Deutschland in Studien geklärt. An eine Einschränkung, dass nur Fachärzte und nicht mehr Hausärzte diese Medikamente verschreiben dürfen, denkt dort allerdings niemand. › du

Die Position der AMMD

Für die Luxemburger Ärzteschaft rührt die einseitige Entscheidung der CNS, dass nur Kardiologen diese neuen Medikamente verschreiben dürfen an den Grundsätzen des Gesundheitssystems. „Die CNS-Führung respektiert fundamental die Konvention mit der Ärzteschaft nicht mehr, seitdem Robert Kieffer abtrat“, sagte der Generalsekretär der Ärztevertretung, Dr. Claude Schummer dem „Journal“. Zum wiederholten Mal sei hier eine Statutenänderung vorgenommen worden, ohne dass das Verhandlungsprinzip mit den Sozialpartnern eingehalten wurde. Das sei aber einer der Grundsätze der Zwangskonvention.

„Wir können auch nicht akzeptieren, wenn aus Kostengründen die Verschreibungsfreiheit eingeschränkt werden soll.“ Gründe dafür aus dem Blickwinkel der „santé publique“ sind jedenfalls nicht ersichtlich und würden auch von der Gesundheitsdirektion im Ministerium nicht angeführt. „Ich möchte als Hausarzt nicht nur noch Muckefuck verschreiben dürfen. Jeder Arzt, der die Diagnose stellen kann, soll auch über die entsprechende Behandlung entscheiden können.“ Schließlich sei die Therapiefreiheit des Arztes in einem System, in dem der Patient nicht zwischen verschiedenen Krankenkassen wählen kann, die Garantie dafür, dass er die angepasste Behandlung bekommt. Sollte die CNS die Einschränkung nicht zurücknehmen, werde die AMMD Klage erheben.