"Stay Behind", Bomben und das Leugnen von Evidenzen

Am 3. August 1990 trat der italienische Premierminister Giulio Andreotti vor einen Sonderausschuss des Senats und machte Aussagen, die sich wie ein Lauffeuer durch ganz Europa verbreiteten sollten. Andreotti bestätigte öffentlich die Existenz einer NATO-Geheimarmee in Italien, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden war. Doch nicht nur das, er bestätigte zugleich, dass ähnliche Strukturen in allen anderen Ländern Westeuropas existierten. Diese Enthüllungen führten in Italien zu einer Staatskrise. Denn „Gladio“, so der italienische Name des Netzwerks, wurde die Beteiligung an einer ganzen Serie von blutigen Bombenattentaten und Verstrickungen mit rechtsextremen Gruppierungen vorgeworfen. Durch ganz Europa begann damals eine Spurensuche nach dem, was das „Stay Behind“-Netzwerk war. Eine Suche, die bis heute andauert.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und vor der aufziehenden Bedrohungskulisse einer Konfrontation mit der Sowjetunion zogen die Alliierten die Schlüsse aus den Aktivitäten des Widerstandskampfes gegen die Nazi-Okkupation. Aus militärischer Sicht war das Resultat ernüchternd.

17. Dezember 1990:
Premier Santer enthüllt Luxemburger „Stay Behind“

Zu keinem Zeitpunkt hatte die „Résistance“ es während dem Zweiten Weltkrieg geschafft, einen bewaffneten Widerstand aufzubauen, der die Besatzungsmacht ernsthaft in Bedrängnis hätte bringen können. Gut funktionierende Informationsnetzwerke konnten hingegen erst gegen Ende des Krieges aufgebaut werden.

Vor diesem Hintergrund fällte man schon Anfang der 1950er Jahre auf der Ebene der NATO die Entscheidung, geheime Netzwerke aufzubauen, die im Fall einer feindlichen Besatzung aktiviert werden könnten. Diese Netzwerke sollten nicht aktiv in das Kriegsgeschehen eingreifen, sondern sich „überrollen“ lassen und das Ende des Krieges abwarten, um im Fall eines Sieges der feindlichen Mächte aktiv zu werden. Aufgrund dieses Prinzips wurden die Netzwerke auch kollektiv als „Stay Behind“-Netzwerke bezeichnet.

Ihre Aufgaben sollten im Kriegsfall laut NATO darin bestehen, Informationen zu sammeln und an die Regierungen im Exil weiterzuleiten, Personen im Geheimen durch das Land zu schleusen und Sabotageakte gegen die Besatzungsmacht zu verüben.

In Luxemburg musste Staatsminister Jacques Santer am 17. Dezember 1990 zur Existenz eines „Stay Behind“-Netzwerkes Stellung beziehen. Im Rahmen einer parlamentarischen Kommissionssitzung bestätigte Santer, dass Luxemburg seit 1952 über ein „Stay Behind“- Netzwerk verfügte. Seit der Gründung des SRE (Service de Renseignement de l’Etat) unterstand das Netzwerk dem Geheimdienst.

Nur Funker und Helfer?

Der Kodename für die Luxemburg „Stay Behind“-Struktur lautete: „Le Plan“. Santer beschwichtigte jedoch gleichzeitig, dass im Gegensatz zu dem, was das NATO-Konzept vorgesehen hatte, das „Stay Behind“ in Luxemburg nie über einen operativen Zweig verfügt habe.  Santer versicherte damals, dass die Planung und Durchführung von Sabotage-Akten nicht zum Aufgabenbereich des „Stay Behind“ in Luxemburg gehörten. Ein einziges Waffenversteck sei eingerichtet worden, zu dem die Agenten jedoch selber keinen Zugang gehabt hätten. Die darin enthaltenen Waffen seien jedoch nie gebraucht und in der Zwischenzeit zerstört worden.

Das Netzwerk habe zu keinem Zeitpunkt über mehr als 12 Agenten verfügt, die sich untereinander nicht einmal kannten und deren Hauptwerkzeug ein „Harpoon“-Funkgerät war, mit dem die Agenten Informationen verschlüsselt übermitteln sollten. Abgesehen von regelmäßigen Tests der Geräte habe das Netzwerk demnach auch an keinen Manövern teilgenommen. Auf die Frage hin, ob der „Stay-Behind an dem Manöver „Oesling84“ teilgenommen habe, antwortete Santer im Dezember 1990: „il n’y a jamais eu d’exercices de services étrangers sur notre territoire et nos agents n’avaient jamais quitté notre territoire.“ Diese Version stützt der Bericht der Geheimdienstkontrollkommission des Parlaments vom Juli 2008, der auf der Basis der Archive des SREL zum Schluss kommt, dass weder der SREL noch das „Stay Behind“-Netwerk am Manöver „Oesling84“ teilgenommen hätten.

Der Bericht, der auf den noch vorhandenen offiziellen Dokumenten zu „Stay behind“ beruht  (die Kommission vermerkt aber auch Folgendes: „pour ce qui est de la documentation officielle de l‘époque, force est de constater que beaucoup de pièces afférentes au „Stay behind“ ont été détruites dans le cadre du démantèlement des structures proprement dites en application des dispositions contraignantes de la Directive sur la sécurité des informations de l‘OTAN“), auf Berichten wie der des belgischen Senats zum „Stay Behind“, sowie auf Gesprächen mit den Verantwortlichen des Luxemburger Netzwerks, bestätigt in allen wesentlichen Punkten die Darstellung Santers aus dem Jahr 1990.

"In Luxemburg, wie im Ausland, eine Salami-Taktik“

Obwohl die NATO-Strategie explizit die Durchführung von Sabotage-Aktionen als Aufgabenbereich des „Stay Behind“ vorsah, soll sich Luxemburg dem widersetzt haben? Ein hochrangiger belgischer Militär und ehemaliges Mitglied des militärischen Geheimdiensts SGR kommentiert diese Darstellung des Sachverhalts gegenüber dem „Journal“ wie folgt: „Was den Stay-Behind anbelangt, verfolgt man in Luxemburg, wie im Ausland, eine Salami-Taktik. Man bestätigt immer nur das, was schon bekannt ist.“

In der Tat versuchten auch der belgische militärische Geheimdienst SGR und der Inlandsgeheimdienst „Sûreté de l’Etat“ sich hinter dieser Version zu verschanzen. In den Mittelpunkt rückt dabei erneut die Beteiligung des „Stay Behind“ an den NATO-Manövern „Oesling“, bei denen unter anderem die Durchführung von Sabotage-Aktionen trainiert wurden. „Die Oesling Manöver waren „Stay Behind“-Manöver. Eine Beteiligung der belgischen oder luxemburgischen Netzwerke zu leugnen, heißt eine Evidenz zu leugnen,“ so der belgische Offizier weiter.

Das offizielle Szenario der Oesling-Manöver sah vor, dass kleine Gruppen von Angreifern (Orange Truppe) versuchen sollten, das Land anzugreifen und strategisch wichtige Infrastrukturen zu zerstören, während die Armee und die Gendarmerie (Blaue Truppe) sie davon abhalten sollten (s. Teil 2 der Serie). Im Hintergrund operierten jedoch an der Seite der Angreifer eine ganze Reihe von Zivilisten, die als Unterstützer für Logistik, Transport und die Übermittlung von geheimen Nachrichten verantwortlich waren. Der Schluss liegt nahe, dass es sich dabei um „Stay Behind“-Agenten gehandelt hat.

Nach Aussagen von Beteiligten galten die Oesling-Manöver vornehmlich dem Training dieser Zivilisten und nicht den Angreifern oder Verteidigern. Für sie wurden am Rande des offiziellen Manövers etwa Schießübungen mit den US- „Special Forces“ organisiert, bei dem sie im Umgang mit den Waffen des Warschauer Paktes geschult werden sollten.

Mit den Erkenntnissen aus den Manövern konfrontiert, versichert ein ehemaliger Verantwortlicher des belgischen „Stay Behind“, dass seine Abteilung nicht bei „Oesling“  dabeigewesen sei. Er könne aber nicht ausschließen, dass „andere Netzwerke“ an dem Manöver teilgenommen hätten. Eine ähnliche Argumentation wählt der belgische Senat in seinem Ermittlungsbericht zum „Stay Behind“. Nach Ansicht der Senatoren ist es praktisch erwiesen, dass Teile des belgischen „Stay Behind“ an den Manövern teilgenommen haben. Doch in welchem Kontext ist unklar.

Der Bericht weist auf über zwanzig Seiten auf Ungereimtheiten hin, bei der offiziellen Darstellung des „Stay Behind“ und kommt letztlich zum Schluss, dass es Parallelstrukturen zum „Stay Behind“ in Belgien aber auch in anderen Ländern gegeben haben muss: „La Belgique, comme les autres pays est le terrain d’action de réseaux parallèles, la plupart du temps étrangers, qui ne sont pas nécessairement connus par les services de renseignements officiels contrôlés par l’Etat […] La commission n’est pas parvenue à déterminer quelles étaient la nature et les activités exactes de cet autre stay behind […] il se pourrait que ce stay behind eût pu être mis en œuvre non seulement en temps de guerre, mais aussi en période de subversion interne ou de risque d’une prise de pouvoir par les communistes.“

Nach den Recherchen des belgischen Senats gab es demnach nicht den einen „Stay Behind“, sondern eine ganze Reihe von Netzwerken von mehr oder weniger offiziellem Charakter in Belgien und den anderen europäischen Staaten. Über diese „anderen Netzwerke“ ist bis heute jedoch nur wenig bekannt.

In Belgien nahm 1984 eine ganze Reihe von ehemaligen „Paracommandos“ an dem Oesling-Manöver teil, die aus den Reihen von „Amicales“ rekrutiert wurden. Vom „Journal“ kontaktiert, bestätigt ein Mitglied einer dieser Gruppen, zu einem „offiziösen Netzwerk“ gehört zu haben, das im Kriegsfall zu den Waffen hätte greifen sollen.

Auch hierzulande Parallelstrukturen zum offiziellen „Stay Behind“?

Er sei von seinen ehemaligen Vorgesetzten aus der Armee kontaktiert worden und man habe ihm versichert, dass er im Dienst des Landes stehen würde. Die Existenz des Netzwerks könne man jedoch niemals bestätigen. Im Fall, wo seine Deckung auffliegen würde, sei man gezwungen, ihn fallen zu lassen. Auf die Frage, ob es ähnliche Strukturen in Luxemburg gab, antwortet er: „Wir standen im Kontakt mit einer Gruppe von Gleichgesinnten aus der Grenzregion im Norden Luxemburgs.“

Verfügte auch Luxemburg demnach über Parallelstrukturen des „Stay Behind“? Die Identität der Zivilisten, die im Rahmen der Manöver Oesling teilnahmen bleibt bis heute unbekannt.

Die parlamentarische Kontrollkommission des Geheimdiensts spricht in ihrem Bericht über den „Stay Behind“ von mehr oder weniger 30 „subversiven Elementen“, die auf Luxemburger Seite an dem Manöver teilgenommen haben. Wer waren diese Personen, die von den amerikanischen „Special Forces“ ausgebildet wurden? Wer wählte sie aus und nach welchen Kriterien? Warum wurden sie für Sabotage-Aktionen ausgebildet? Und die entscheidende Frage: gibt es eine Verbindung zu den „Bommeleeër“? Dieser Piste wurde bis heute nicht wirklich nachgegangen. Sowohl in der Anklageschrift in der Affäre „Bommeleeër“ als auch in dem Bericht der parlamentarischen Kontrollkommission des Parlamentes werden allerdings Indizien aufgelistet, die in die Richtung von Parallelstrukturen zum „Stay Behind“ zeigen. In die Richtung von paramilitärischen Milizen, wie sie nachweislich in anderen Ländern am Höhepunkt des Kalten Krieges existierten. › LJ

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