Welche Rolle spielte der Geheimdienst wirklich? "Un rôle pour le moins surprenant"

12. Juni 1985, gegen 14 Uhr 30: Der Gendarmerie-Beamte K. fährt als Cegedel-Mitarbeiter getarnt in die Tiefgarage auf dem hauptstädtischen Theaterplatz. Alles verläuft, wie die „Bommeleeër“ es gefordert hatten. An Bord seines Autos befinden sich Taschen mit dem geforderten Lösegeld, das er auf dem fünften Untergeschoss der Tiefgarage ablegt und sich auf den Weg zurück zum Cegedel-Gelände macht, wo er den Wagen wieder abstellen soll. Unterwegs merkt K. jedoch, dass er von einem Auto verfolgt wird.

Überwachte der SREL die Geldübergabe am Theaterplatz?

Doch wer, außer den Ermittlern und den „Bommeleeër“ selbst konnten von der Geldübergabe wissen? K. merkt sich das Auto-Kennzeichen und glaubt am Steuer des Wagens einen Mitarbeiter des SREL (Service de Renseignement) erkannt zu haben. Nach mehreren Fahrmanövern gelingt es ihm, das Auto abzuhängen. Zurück auf dem Gelände der Cegedel, versucht der Ermittler sofort das Kennzeichen zu ermitteln. Gegenüber Cegedel-Mitgliedern meint K., dass es sich um einen Wagen des SREL gehandelt habe.

Unmittelbar nach diesem Vorfall, soll Gendarmerie-Kommandant Aloyse Harpes beim Chef des Geheimdiensts Charles Hoffmann nachgefragt haben, ob der SREL an Ort und Stelle präsent war. Hoffmann verneint dies jedoch. Gegenüber dem Staatsanwalt waren die Aussagen von befragten SREL-Mitarbeitern widersprüchlich. Einige sagten aus, der SREL sei präsent gewesen, andere wiederum stritten eine Präsenz des Geheimdienstes ab. Die parlamentarische Geheimdienstkontroll-Kommission kommt in ihrem Bericht zur Rolle des SREL bei den Ermittlungen im Fall „Bommeleeër“ (Juli 2008) zu folgendem Schluss: „Sur la base des informations qui lui sont accessibles, la Commission éprouve des difficultés à se prononcer définitivement sur la véracité ou non de l’hypothèse d’une filature du véhicule de remise de rançon par un membre du service de renseignements.“

Natürlich ein unbefriedigendes Resultat, das alle Fragen offen lässt. Doch das eigentlich Befremdliche an dieser Episode ist nicht die Frage, ob der SREL nun präsent war oder nicht. Sondern vielmehr die Frage warum der SREL - sollte er bei der Aktion am Theaterplatz dabei gewesen sein -  eine Überwachung organisiert haben, die nicht mit Justiz, Gendarmerie oder Polizei abgesprochen war? Staatsanwalt Robert Biever beschreibt die Rolle des SREL in den Ermittlungen in der Affäre „Bommeleeër“ spielte als „pour le moins surprenant“. Biever weiter: „... une observation s‘impose: ou bien le SREL était compétent en la matière et dans ce cas on se demande pourquoi on lui a demandé de s‘occuper de l‘affaire; ou bien il état compétent et dans ce cas il en a fait vraiment très peu (rapport FBI, participation à (une!) réunion avec certains enquêteurs, quelques observations et la collection des articles de presse)“.

Sowohl die Frage, wer die Beteiligung des SREL an Überwachungsmissionen anordnete, als auch die Frage, wer über die Ergebnisse der Missionen informiert wurde und wer dafür verantwortlich war diese Informationen an den Untersuchungsrichter zu übermitteln, bleibt bis heute ungeklärt. In einem Zeitungsinterview hatte der ehemalige Direktor des SREL, Marco Mille, versucht zu erklären, der SREL habe seine Kenntnisse über den CPS (Comité Permanent de Sécurité) an die Ermittler weitergegeben. Doch der Staatsanwalt sah sich genötigt, diese Aussage des SREL-Direktors zu korrigieren. Der CPS sei wohl für solche Aufgaben vorgesehen gewesen, habe seine Mission aber nicht ganz erfüllt. Denn man habe über die Jahre nur einmal oberflächlich über die Attentate der „Bommeleeër“ diskutiert.

Wo verschwanden die Beweisstücke?

Neben den strukturellen Problemen, klagte Biewer jedoch auch über das „lückenhafte Gedächtnis“ von Mitarbeitern des SREL. In Bezug auf den ehemaligen SREL-Direkor Hoffmann sagte Biever etwa in einem Parlamentsausschuss: „Mä säi Chef, wann dir säi Chef kennt, dee kann sech drun erënneren, datt hien Direkter vum Geheimdéngscht wor. Mä fir de Rescht ass hie geheim.“ Hoffmann reagierte am 20. Februar 2012 auf diese und ähnliche Aussagen des Generalstaatsanwalt mit einem offenen Brief. Darin behauptet der Ex-Geheimdienstchef (1985 bis 2003), er habe nie Informationen zurückgehalten und fordert Biever auf, Ross und Reiter zu nennen, ansonsten sich der Staatsanwalt für seine Aussagen entschuldigen solle.

Dabei lassen die aktuellen Entwicklungen Zweifel daran aufkommen, ob der SREL der parlamentarischen Kontrollkommission alle wesentlichen Informationen in Bezug auf seine Rolle in der Affäre „Bommeleeër“ hat zukommen lassen. Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, sind fast drei Viertel aller Beweisstücke verschwunden. Darunter wichtige Indizien, an denen DNA-Spuren der Täter hätten gefunden werden können.

Wie Robert Biever kürzlich im Parlament bestätigte, sind die Beweisstücke für weitere Untersuchungen von den Ermittlern der „Sûreté“ - ohne dass der zuständige Untersuchungsrichter von dieser Aktion Kenntnis hatte - an den SREL übergeben worden, damit dieser sie über den CIA (Central Intelligence Agency) an den FBI übermittelt worden zwecks Anfertigung eines Täterprofils, das übrigens bereits 1986 erstellt wurde, allerdings erst 2003 (!) eher zufällig an die Untersuchungsrichterin im Dossier „Bommeleeër“ ging.

Das wichtige Detail der Übermittlung der Beweisstücke an den FBI mithilfe des SREL, blieb der parlamentarischen Kontrollkommission 2008 vorenthalten! Die Beweisstücke - darunter auch Teile der Zündmechanismen der Bomben - sind jedenfalls nie wieder aufgetaucht und eine detaillierte Analyse der Beweisstücke von Seiten des FBI wurde auch nicht geliefert. Über Jahrzehnte fragte aber auch niemand von den Ermittlern oder dem SREL bei den Amerikanern nach, um die Beweisstücke zurück zu erhalten. Die Frage steht im Raum wo die Beweisstücke - brauchte man sie übrigens für die Erstellung eines Täterprofils? - abhanden gekommen sind: in den USA? Oder bereits in Luxemburg?

Überstunden für den Geheimdienst?

Es gibt allerdings eine weitere Piste, die den SREL indirekt mit der „Bommeleeër“-Affäre in Verbindung bringt und neue Fragen aufwirft. Um die geringe Anzahl an Agenten zu kompensieren, hat der SREL nämlich unseren Informationen zufolge in den 1980er Jahren massiv auf Polizisten und Gendarmen zurückgegriffen für eigene Missionen. Dazu habe es eigens dafür vorgesehene „schwarze Kassen“ gegeben, um die Beamten zu bezahlen. Nach Aussage eines hochrangigen Ex-Polizisten habe es damals zur Tagesordnung gehört, dass Beamte nach Vollenden ihres Dienstes, die Dienstkleidung gegen zivile Kleidung eintauschten und den Streifenwagen gegen einen banalisierten Wagen, und dann „Überstunden für den Service de Renseignement“ machten. Diese Tätigkeit sei sehr gut bezahlt gewesen, habe aber in der Realität auf dem Terrain zu Komplikationen geführt. „Es war nicht selten, dass man einen Kollegen bei einer Überwachungsmission ertappte und ihn fragen musste, für wen er gerade unterwegs ist“, sagt der Mann.

Dies zeigt, dass es ein Denkfehler wäre, von der Gendarmerie, der Armee und dem Geheimdienst als drei klar voneinander getrennten Institutionen auszugehen. War die Angelegenheit also exklusiv eine „Affäre der Gendarmerie“, wie Staatsanwalt Biever es in seiner Anklageschrift darlegt. Selbst wenn Mitglieder aus den Reihen von Gendarmerie oder BMG ein verdächtiges Verhalten an den Tag legten, stellt sich noch immer die Frage in welchen Diensten sie gerade zu dem Moment standen. Diese Frage muss man sich beispielsweise im Bezug auf Jos Steil stellen, dem verstorbenen Sprengmeister der BMG und Verdächtiger in der Bommeleeër-Affäre. Steil war bekanntlich einer der Protagonisten bei der Observierung des Ex-BMG-Chefs Ben Geiben Ende Oktober 1985 - der Bericht zu dieser zusammen mit SREL-Agenten durchgeführten Aktion, blieb der Justiz fast 19 Jahre lang unbekannt und war auch bei einer Hausdurchsuchung beim SREL im Dezember 2003 nicht aufgetaucht. Wie Biever schreibt, wurde der Bericht der Untersuchungsrichterin erst im April 2004 übermittelt, „certainement par pur hasard“ - so Biever - nachdem die Verhöre der ehemaligen Mitglieder des Geheimdiensts im Rahmen der „Bommeleeër“-Ermittlungen begannen.

Für wen war Jos Steil unterwegs?

Für wen war Steil damals unterwegs? Jedenfalls scheint er gute Kontakte zum SREL unterhalten zu haben. Wie ein ehemaliger Arbeitskollege berichtet, habe er Steil in seiner Zeit bei der Brigade in Bereldingen einmal auf seinen überschwänglichen Lebensstil angesprochen. Steil war als Lebemann bekannt, der gute Kontakte zum Rotlichtmilieu hatte und dort auch ausgiebig zu feiern pflegte. Auf die Frage hin, wie er dies alles bezahlen könne, habe Steil geantwortet: „De Service de Renseignement bezillt gudd“. Er habe dies dahingehend interpretiert, dass Steil außerhalb seiner Arbeitszeit, wie andere Kollegen auch, für den SREL gearbeitet habe, so der ehemalige Beamte. Denn Steil habe sich in seiner Arbeit als einfacher „Streifenpolizist“ in Bereldingen äußerst unterfordert gefühlt. Hat der Mitbegründer der BMG demnach während den „Bommeleeër“-Jahren für den Geheimdienst gearbeit? Welche Missionen hat er wohl dabei erfüllt? › LJ

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Die Strategie der Spannung