Unmittelbar vor Beginn der Anschläge: Das „Skandal-Manöver“ Oesling 84

Unmittelbar vor Beginn der „Bommeleeër“-Attentate fand ein Manöver statt, bei dem fiktive Sabotageaktionen trainiert wurden, die den Attentaten der „Bommeleeër“ sehr ähnlich sahen. Eine Piste, die jedoch nie weiterverfolgt worden zu sein scheint.

Anfang Mai 1984, eine Gruppe Männer steigt aus einem Kleintransporter, in dem sie sich versteckt hatten und nähert sich im Schutz der Dunkelheit einem Funkmast. Die Männer müssen vorsichtig sein, denn die Gendarmerie und die Armee sind ihnen seit Tagen auf den Fersen. Und die Bevölkerung wurde aufgerufen, nützliche Hinweise zu ihrer Ergreifung zu liefern. In den vergangenen Tagen haben sie bereits „Angriffe“ auf ein Gendarmeriebüro und ein Energiereservoir verübt. Über Funk kommt der Befehl: Sprengen!

Ein Mitglied der Gruppe zückt eine Farbbombe und kennzeichnet das Zielobjekt. Mission erfolgreich abgeschlossen. Die Gruppe verschwindet in der Nacht und taucht unter bis zum nächsten „Bombenattentat“. Die Gendarmerie und die Armee haben einmal mehr das Nachsehen.

Diese Aktionen sehen denen der „Bommeleeër“ zum Verwechseln ähnlich.. Diese und ähnliche Aktionen fanden im Rahmen einer Serie von als geheim eingestuften NATO-Manövern mit dem Codenamen „Oesling“ statt, die zwischen 1984 und 1990 in Luxemburg stattfanden.

Das Manöver „Oesling84“ (offizielle Dauer: vom 24. April bis zum 15. Mai) endete keine zwei Wochen vor dem ersten Attentat der „Bommeleeër“ in Beidweiler (Anschlag auf die Stromleitung zur Versorgung des RTL-Senders am 30. Mai 1984).

Bei den Oesling-Manövern handelte es sich um grenzüberschreitende Manöver, die zeitgleich in der belgischen Grenzregion und im Norden Luxemburgs durchgeführt wurden. Das Szenario des Manövers sah vor, dass kleine Gruppen von Angreifern (Orange Truppe) versuchen würden das Land anzugreifen und strategisch wichtige Infrastrukturen zu zerstören. Die Rolle der Verteidiger (Blaue Truppe) sollte darin bestehen, die strategisch wichtigen Infrastrukturen des Landes zu schützen und die Angreifer festzunehmen. Die Rolle der Verteidiger übernahmen die Armee und die Gendarmerie.

Katz- und Maus-Spiele inmitten der Gesellschaft

Besonders ausgeprägt war bei den „Oesling“-Manövern jedoch die Beteiligung der Bevölkerung. So erhielten die Angreifer etwa die Unterstützung eines Netzwerks von „Patrioten“ die sie versteckten, sie logistisch unterstützten und eine aktive Rolle im Manöver einnahmen. Auf der Seite der Verteidiger wurde die Bevölkerung aufgerufen, Hinweise zu liefern, die zur Ergreifung der Täter beitragen könnten. Dies führte zu einem wahren Katz- und Mausspiel inmitten der Gesellschaft. Diese aktive Einbindung der Zivilbevölkerung in ein Manöver folgte auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges einer umstrittenen NATO-Strategie, die im Kriegsfall vorsah, dass neben einer generellen Mobilmachung der Streitkräfte auch die Bevölkerung in die Verteidigung des Landes mit eingebunden werden sollte.  Diese Verwischung zwischen „Kombattanten“ und „Non-Kombattanten“ war ein wahrer Tabubruch und führte in Belgien zu heftigen Diskussionen im Parlament.

Die Rolle der Angreifer übernahmen schätzungsweise 30 junge Soldaten der Luxemburger Armee unter der Leitung von rund 20 amerikanischen Soldaten. Dabei ist vor allem die Herkunft der US-Soldaten von Interesse. Denn es handelte sich um das erste Bataillon der „10th Special Forces Group“ (SFG), die zum damaligen Zeitpunkt im bayrischen Bad Tölz stationiert waren. Die SFG waren ausgebildete Experten in der psychologischen Kriegführung und spezialisiert auf Sabotageakte. Ihr Operationsgebiet sollte vor allem Ost-Europa sein, wo sie weit hinter den feindlichen Linien operieren sollten. Doch nach dem Vietnam-Krieg und verstärkt in den 80er Jahren widmeten die SFG sich, auf Anordnung der Reagan-Regierung, der Ausbildung von befreundeten Armeen, Untergrundorganisationen und Milizen in der ganzen Welt

Das offizielle Ziel der Oesling-Manöver wurde in Luxemburg wie folgt beschrieben: „collecte de renseignements et participation des Commando luxembourgeois à des cours d’initiation aux méthodes de combat et techniques de sabotage des Forces Spéciales U.S.“. Als sogenanntes „Flintlock“-Manöver musste mindestens 55% des Manövers in die Ausbildung einheimischer Gruppen gesteckt werden. Dies sah das Szenario explizit vor.

US-Special Forces im Einsatz

Ein ehemaliges Mitglied der Leitung des Manövers gibt an, bereits damals diese Zielsetzung in Frage gestellt zu haben: „Man brachte mit viel Aufwand regulären Soldaten Kampftechniken bei, die sie im Kriegsfall nie benutzt hätten.“

Wem diente demnach der ganze Aufwand? Wer sollte eigentlich trainiert werden? Die „Flintlock“-Manöver dienten eigentlich dem „Capacity Building“ einheimischer Spezialeinheiten. Doch die Luxemburger Armee verfügt über keine Spezialeinheiten im Sinne der amerikanischen SFG, oder der englischen SAS. Die einzige reguläre Einheit, die von ihren Fähigkeiten und ihrem Einsatzgebiet diesen Einheiten am nächsten kommt, ist die BMG (Brigade Mobile). Oder gab es in der Luxemburger Armee etwa eine spezifische Einheit, die über solche Fähigkeiten verfügte? Bis heute bleibt unklar, mit wem die SFG während ihres Aufenthalts in Luxemburg wirklich trainierten.

Dies war jedoch nicht die einzige Ungereimtheit in dem Manöver. Nach „Journal“-Informationen gab es schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten zwischen den Luxemburger und US-Vertretern innerhalb der Leitung des Manövers. Man konnte sich nicht auf ein Szenario einigen, dem das Manöver folgen sollte. Die Amerikaner drängten auf ein realistischeres und intensiveres Vorgehen, dem die Luxemburger Armee allerdings nicht folgen wollte. Mit diesen unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten startete man demnach in das Manöver. Nach Aussage eines belgischen Militärs, der am Manöver beteiligt war, handelt es sich dabei um einen „einmaligen Vorgang“ der bei solchen Manövern eigentlich „undenkbar“ sei.

Der weitere Verlauf des Manövers bestätigte die unterschiedliche Mentalität und die Entschlossenheit mit der man an die Sache heranging. Das Vorgehen der US-Special Forces wird von Teilnehmern an dem Manöver als „übertrieben hart“ bezeichnet. Von amerikanischer Seite wird berichtet, dass die Special Forces das Manöver auf „eine andere Realitätsebene“ hätten heben wollen. Wegen den Zwischenfällen, die es bei den sukzessiven Oesling-Manövern gegeben habe, sei intern noch Jahre danach, von den „Skandal-Manövern“ gesprochen worden.

In der Tat geriet das Manöver unter verschiedenen Gesichtspunkten aus dem Ruder. So waren von der Leitung Ziele festgehalten worden, die im Rahmen des Manövers angegriffen werden konnten. Dabei handelte es sich um fiktive Sabotage-Missionen die zum Beispiel Hochspannungsmasten, Benzinreservoirs und andere strategisch wichtige Objekte zum Ziel hatten. Allesamt Ziele, wie sie nachher auch von den „Bommeleeër“ ausgewählt werden sollten. Doch die in großer Autonomie operierenden Angreifertruppen hielten sich offensichtlich nicht an die vorgegebenen Ziele. Von belgischer Seite sind Angriffe auf das Gendarmeriebüro in Neufchâteau, auf ein Benzinreservoir in Arlon und auf eine Funkanlage in Langlier überliefert, die allesamt nicht mit der Direktion des Manövers abgesprochen waren. Dadurch setzten die Teilnehmer an dem Manöver sich selber, aber auch Unbeteiligte einer großen Gefahr aus. Wie einem roter Faden ziehen sich die Gewaltexzesse durch das Manöver. Nach einer Festnahme im Rahmen des Manövers wurden die amerikanischen SFG etwa einem Verhör unterzogen, bei dem Folterpraktiken zur Anwendung kamen. Aus einem Bericht der belgischen Armee gehen Zwischenfälle hervor, bei denen es zu Tätlichkeiten zwischen belgischen und amerikanischen Soldaten kam.

Blutiger Angriff auf die Kaserne in Vielsalm

Höhepunkt dieser Zwischenfälle war womöglich ein Angriff auf die Kaserne der „Chasseurs Ardennais“ in Vielsalm in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1984. Unbekannte Täter waren in die Kaserne eingedrungen, in der sich zu dem Zeitpunkt der belgische Kommandoposten des Manövers befand. Der wachhabende Soldat wurde niedergeschossen und Waffen aus einem Depot gestohlen (s. auch unser Interview).

Nach dem Zwischenfall in Vielsalm verließen die Special Forces das Manöver und kehrten in ihre Kaserne in Bad Tölz zurück. Ermittlungen in diese Richtung wurden keine angestellt. Bis heute wird der Angriff offiziell der linksterroristischen Gruppierung CCC (Cellules Communistes Combattantes) zugeschrieben: eine Waffe, die in Vielsalm gestohlen wurde, tauchte später in einem Versteck der CCC auf.

Der belgische Senat kommt jedoch im Rahmen seines Berichts von 1991 über das belgische „Stay-Behind“-Netzwerk (eine paramilitärische Geheimorganisation der NATO, der CIA und des britischen MI6 während des Kalten Krieges, d. R.) auf den Vorfall in der Kaserne von Vielsalm zurück und spricht in diesem Zusammenhang von: „protestations contre le laxisme de la Belgique en matière de sécurité.“ Ähnlich beschreibt Staatsanwalt Robert Biever, das Tatmotiv der „Bommeleeër“.

In Vielsalm ging es nach Aussage eines Ermittlers der belgischen Armee gegenüber dem „Journal“ darum zu zeigen, wie leicht man in eine Kaserne eindringen konnte, zu einer Zeit, in der sich die Truppen  mitten in einem NATO-Manöver zudem in höherer Alarmbereitschaft befanden. Es ging demnach darum, auf eklatante Sicherheitsmängel hinzuweisen und die „Chasseurs Ardennais“ vorzuführen. So war es damals etwa üblich, dass die Patrouillen zwar eine Waffe, aber keine Munition bei sich führten. Diese mussten sie im Notfall erst bei der wachehaltenden Dienststelle abholen, um sich verteidigen zu können. Nach dem Vorfall in Vielsalm wurden diese Direktiven überarbeitet und verschärft. Trotz der raum-zeitlichen Nähe zwischen den „Bommeleeër“-Attentaten und den Oesling-Manövern, trotz ihrer Ähnlichkeit was die Ziele der Attentate anbelangt und trotz der Tatsache, dass Luxemburger Soldaten und amerikanische Special Forces zum gleichen Zeitpunkt Sabotageakte und psychologische Kriegführung trainierten, und trotz der Tatsache dass sich verschiedene Aktionen aufgrund ihrer Motive sehr ähnelten, scheint diese Piste im Zusammenhang mit den „Bommeleeër“-Attentaten nie verfolgt worden zu sein.

Dabei sind die Ähnlichkeiten und Parallelen sind nicht erst seit heute bekannt. Ein damals führender Luxemburger Militär gibt gegenüber dem „Journal“ an, bereits damals darauf hingewiesen zu haben, dass: „die Aktionen der ‚Bommeleeër’ und das Szenario des Manövers sich ähneln wie ein Ei dem anderen.“ Die Armee sah sich deshalb sogar dazu gezwungen, eine Mitteilung zu versenden, dass es sich bei den Aktionen der „Bommeleeër“ um „Real Life“-Aktivitäten handeln würde, die nicht mehr Teil des Manövers seien. Trotz ihres offiziellen Teils, bleiben auch der tiefere Sinn und Zweck der Oesling-Manöver bis heute ein Rätsel. Ein führender Luxemburger Militär sagt dazu gegenüber dem Journal: „Während wir in den Jahren zuvor den Beginn des Krieges trainierten, bei dem russische Spetznas als Vorhut für die Truppen des Warschauer Paktes unser Land angreifen, sollte nun das Ende des Krieges trainiert werden. Und die NATO hatte den Krieg verloren. Das Szenario in dem sich die Amerikaner befanden, war ein Szenario in dem Resistenzgruppen aufgebaut werden sollten und wir sollten die russische Besatzungsmacht spielen. Es war ein Szenario: Stay-Behind!“ ‹

› Fortsetzung folgt (Teil 3: „Stay Behind“)