Letzter Teil der Journal-Serie: Weit über die Gendarmerie hinaus...

Die „Bommeleeër“ waren Gendarmen, die aus einer Form von „Idealismus“ heraus die Attentate verübt hätten, um eine bessere Ausstattung ihrer Einheiten zu bewirken. Das ganze in einem rein nationalen Kontext, ohne Verbindungen zu anderen Ereignissen der „bleiernen“ 1980er Jahre und den geopolitischen Verstrickungen auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Wer profitiertevon den Attentaten?

Dies ist die Version der Staatsanwaltschaft, die sie auf über 120 Seiten in der Anklageschrift zur Affäre „Bommeleeër“ beschreibt. Eine Version, die auf einer Reihe von Indizien basiert, aber sich vor allem aus zwei zentralen Fragen ableitet. Die erste lautet: „Wer profitierte von den Anschlägen?“, und die zweite: „Wer verfügte über die Fähigkeiten und Informationen, um die Attentate zu ver- üben?“

Der Anklageschrift nach sind die Antworten eindeutig in Kreisen der BMG (Brigade Mobile de la Gendarmerie) zu suchen.

Aus den Recherchen des „Journal“ in den vergangenen Monaten, Recherchen, die dieser Artikelserie zugrunde liegen, ergibt sich, dass diese Schlussfolgerung jedoch stark relativiert werden muss. Denn es gab Personen, die wesentlich besser geeignet waren, um die Bombenanschläge durchzuführen. Die in den „Bommeleeër“-Jahren solche Aktionen trainierten. Die den Willen hatten, über das Training hinaus zu gehen und reelle Aktionen durchzuführen. Doch diese Personen sind nicht in Kreisen der Gendarmerie zu finden. Ihr Kontext sind die „Stay Behind“-Netzwerke der NATO und ihre Parallelstrukturen, die daneben entstanden.

Das „Journal“ hat mit aktiven und ehemaligen belgischen und luxemburgischen Militärs gesprochen, die alle mehr oder weniger deutlich sagen, dass die NATO-Manöver „Oesling“ den „Bommeleeër“-Aktionen wie ein Ei dem anderen ähnelten (Zitat 1).

Im Kern des Manövers sollten Angreifer die kritischen Infrastrukturen des Landes zerstören und die Luxemburger Armee sollte sie davon abhalten. (Zitat 2)

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Aussagen von Teilnehmern an dem Manöver, die von Zwischenfällen berichten, die von einer „Übermotivation“ der amerikanischen Special Forces herrührten, die an den Manövern teilnahmen. Innerhalb der Special Forces sprach man offensichtlich noch Jahre danach von den Skandalmanövern „Oesling“ (Zitat 3).

Was war der „Stay Behind“ wirklich?

Die Frage stellt sich, warum, von einzelnen Vernehmungen abgesehen, nie systematisch in diese Richtung ermittelt wurde?
Klar ist, dass es sich um eine Piste handelt, von der selbst die Regierung versucht abzulenken. Denn wider jede Vernunft versuchen die sukzessiven Staats-, Justiz- und Verteidigungsminister so zu tun, als ob es sich bei den „Oesling“-Manövern um reguläre Manöver gehandelt habe, an denen „Stay Behind“-Mitglieder nicht teilgenommen hätten.
Diese Version kann jedoch nicht länger aufrecht erhalten werden. Denn von belgischer Seite wird die Teilnahme des belgischen und des luxemburgischen „Stay Behind“ längst bestätigt (Zitat 4).

Auf Luxemburger Seite kann man sich einzig und alleine noch dahinter verstecken, dass es sich nicht um das „offizielle“ „Stay Behind“-Netzwerk gehandelt habe, sondern um offiziöse Parallelstrukturen (Zitat 5).

Die Existenz solcher Strukturen in Luxemburg wurde dem „Journal“ ebenso bestätigt, wie die Beteiligung von jungen Erwachsenen, die in paramilitärischen Strukturen trainiert werden sollten. Die Frage dies sich daraus ergibt ist: Was war der „Stay Behind“ in Luxemburg wirklich? Denn das, was der damalige Premier Jacques Santer 1990 der Öffentlichkeit präsentierte, war bestenfalls ein Bruchstück der Wahrheit (Zitat 6).

Man ist weit entfernt von der offiziellen Version des „Stay Behind“ als Funker- und Schleusernetzwerk. Vielmehr trainierte der „Stay Behind“ in den „Bommeleeër“-Jahren aktiv Sabotageaktionen und psychologische Kriegführung mit der Hilfe der amerikanischen „Special Forces“. Sowohl die „Special Forces“ selbst, als auch die rund 30 Luxemburger, die in den „Bommeleeër“-Jahren von ihnen trainiert wurden, erfüllen besser als jedes Mitglied der BMG die Kriterien der „Bommeleeër“. Bis heute hat man jedoch nicht versucht, herauszufinden, wer diese Personen waren und ob es eine Verbindung zu den „Bommeleeër“ gibt.

Sind dies alles entlastende Elemente für die beiden Angeklagten? Bedeutet dies, dass die Staatsanwaltschaft mit den Mitgliedern der BMG die falsche Piste verfolgte? Nicht unbedingt! Die Frage ist jedoch vielmehr, in welchen Kontext eine eventuelle Implikation von Mitgliedern der BMG in die Attentate gestellt werden muss. In welcher Funktion hätten sie gegebenenfalls agiert? In ihrer Funktion als Gendarmen? Als inoffizielle Mitarbeiter des SREL? Als Mitglieder, respektive Betreuer eines Teils des „Stay Behind“? Nach Recherchen des „Journal“ arbeitete zumindest Jos Steil - eine zentrale Figur in dem Dossier - für den SREL. In welchem Kontext und mit welcher Mission, ist jedoch unklar.

Militärisches Muster

Die „Bommeleeër“-Affäre ist also bei weitem nicht nur eine Affäre der Gendarmerie. Sowohl der Geheimdienst SREL als auch die Armee müssten nun Position beziehen zu den Informationen, die das „Journal“ zu Tage gefördert hat. Wir werden weiter nachhaken. Ohne den internationalen Kontext zu berücksichtigen, kann man die „Bommeleeër“-Affäre nicht verstehen. Die Ziele, welche die „Bommeleeër“ angriffen, folgten einem militärischen Muster. Die Aktionen entsprachen dem Kriegsszenario des Kalten Krieges und zeigten, dass die Landesverteidigung im Ernstfall versagt hätte. Die Definition des Kriegs ist eine Frage der Ideologie (Zitat 7).

Offensichtlich gab es auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges einflussreiche Personen, die sich im Krieg sahen. Einem Krieg der Ideen (Zitat 8), der sowohl gegen den inneren als auch den äußeren Feind geführt werden musste. Und der innere Feind bestand aus einer verweichlichten Gesellschaft, die sich nicht mehr entschieden genug gegen eine kommunistische Bedrohung zur Wehr setzen wollte. Waren die „Bommeleeër“-Attentate demnach Teil einer Manipulation? Wurde die Luxemburger Bevölkerung demnach zur Zielscheibe wegen ihrer Passivität und Unentschlossenheit gegenüber einer kommunistischen Bedrohung (Zitat 9).

In Bezug auf den Angriff auf die Kaserne von Vielsalm meinte ein ehemaliger belgischer Kommandant, er sei mehr und mehr besorgt, eines Tages erfahren zu müssen, dass der Anschlag auf seine Kaserne von amerikanischen „Special Forces“ und Mitgliedern des „Stay Behind“ durchgeführt worden sei. Muss man Ähnliches im Bezug auf die „Bommeleeër“ befürchten? Werden die Bürger eines Tages erfahren müssen, dass die Attentate in Luxemburg auch von solchen Elementen verübt wurden?

› LJ