Manuel BissenDer Stoßdämpfer-Staat

Lieserbréif vum Manuel Bissen
Über die Tripartite und Luxemburgs Umgang mit der Wirklichkeit
© RTL Grafik

Luxemburg besitzt eine seltene Begabung: Es kann Konflikte so lange institutionalisieren, bis sie wie Lösungen aussehen. Die Tripartite ist dafür das geeignete Verfahren.

Sobald die Wirklichkeit die Rechnung stellt, sobald Energiepreise steigen, Betriebe nervös werden oder Gewerkschaften Kaufkraftverlust wittern, versammelt sich das Land um den runden Tisch. Regierung, Patronat und Arbeitnehmervertreter nehmen Platz, als ginge es darum, die Schwerkraft sozialpartnerschaftlich neu zu verhandeln. Dann wird sondiert, gewichtet, abgefedert. Man spricht von Verantwortung. Häufig meint man aber nur Schmerzvermeidung mit Gesprächsprotokoll.
Natürlich ist Sozialdialog besser als Klassenkampf. Ein kleines Land braucht kurze Wege, belastbare Beziehungen und die Kunst des Kompromisses. Die Tripartite war einmal Ausdruck politischer Reife. Man sprach miteinander, bevor man sich gegenseitig blockierte. Das war klug.

Nur hat jedes erfolgreiche Instrument seine Verfallsform. Aus Sozialdialog wird Sozialsedierung. Aus Kompromiss wird Komforttechnik. Aus politischer Vernunft wird ein Verfahren, das vor allem eines leistet: Es beruhigt ein Land, das sich an die Vorstellung gewöhnt hat, jede Zumutung müsse kompensiert werden.

Energie zu teuer? Staat. Mindestlohn unter Druck? Staat. Betriebe zu stark belastet? Staat. Der Staat soll schützen, dämpfen, deckeln, zahlen, ausgleichen, retten. Er soll die Wirklichkeit also nicht ordnen, sondern außer Kraft setzen.

So entsteht keine Freiheit. So entsteht Abhängigkeit, die sich selbst für Solidarität hält.

Mein Einwand ist schlicht: Ein Staat, der jede Härte abfedert, schwächt jene Tugenden, auf denen eine freie Gesellschaft beruht: Eigenverantwortung, Maß, Leistungsbereitschaft, Risikobewusstsein, Zumutungsfähigkeit. Er verwandelt Bürger in Anspruchsteller und Politik in eine Servicehotline für Komfortverluste.
Das hier ist dennoch kein Plädoyer für soziale Kälte. Wer wirklich in Not ist, braucht Hilfe. Wer unverschuldet unter Druck gerät, darf nicht allein gelassen werden. Aber ein Gemeinwesen, das jede Unannehmlichkeit zur Staatsaufgabe erklärt, verliert die Unterscheidung zwischen Schutz und Verwöhnung.

Schutz befähigt. Verwöhnung entmündigt.

Die Tripartite wird dort gefährlich, wo sie diese Unterscheidung einebnet. Sie verwandelt politische Zielkonflikte in konsensfähige Formeln: „Kaufkraftverlust ausgleichen“, „Wettbewerbsfähigkeit stärken“, „soziale Härten abfedern“. Dagegen lässt sich kaum etwas sagen. Genau darin liegt aber die Schwäche. Wer mit solchen Formeln operiert, hat noch nichts entschieden. Er hat nur vermieden, offen zu sagen, wer genau entlastet wird, wer dafür zahlt und welche Zumutung am Ende doch jemand tragen muss.

Denn jede Entlastung hat einen Preis. Irgendjemand zahlt. Der Steuerzahler, der Betrieb, die nächste Generation, die Wettbewerbsfähigkeit oder die politische Ehrlichkeit. Nur wird diese Rechnung selten offen auf den Tisch gelegt. Auf dem Tisch liegt stattdessen irgendwann ein „Maßnahmenpaket“. Die politisch bevorzugte Form, Konflikte durch Verwaltungssprache zu beruhigen. Der Begriff verspricht Entlastung, vermeidet Zumutung und verlegt die eigentliche Rechnung dorthin, wo sie weniger stört: in die Zukunft.

Alle sind liberal, bis die Rechnung kommt. Dann werden sie luxemburgisch.

Und genau darin liegt die eigentliche Krise. Nicht in der Tripartite selbst, sondern in der Erwartungskultur, die sie bedient. Luxemburg hat sich an einen Vollkasko-Staat gewöhnt. Marktwirtschaft, ja, aber ohne zu viel Risiko; Wohlstand, ja, aber ohne zu viel Anstrengung; Sozialstaat, ja, aber ohne schmerzhafte Prioritäten; Reformen, ja, aber bitte ohne Zumutungen.

Das ist keine Stabilität. Das ist politischer Infantilismus in staatstragendem Tonfall.

Eine erwachsene Gesellschaft müsste anders sprechen. Sie müsste fragen, was der Staat realistischerweise leisten kann bzw. sollte und was nicht. Wer Hilfe braucht und wer lediglich Besitzstände moralisch auflädt. Welche Subvention notwendig ist und welche lediglich falsche Gewohnheiten konserviert. Wo Solidarität endet und wo die organisierte Verteidigung der eigenen Bequemlichkeit beginnt.

Die Tripartite könnte ein Ort solcher Klarheit sein. Meist ist sie aber das Gegenteil. Ein nationales Ruhekissen, auf dem Interessengruppen ihre Zumutungsallergien ablegen.

Man kann das Sozialfrieden nennen. Man kann es auch Angst vor der Wahrheit bzw. der Wirklichkeit nennen.

Luxemburg braucht dennoch keinen kalten Staat. Aber es braucht einen erwachsenen Staat. Einen Staat, der schützt, wo Schutz nötig ist und Zumutungen nicht reflexhaft wegsediert. Einen Staat, der Bürger ernst nimmt, statt sie wie Patienten zu behandeln. Einen Staat, der nicht jede Delle im Wohlstandslack mit Steuergeld ausbeult.

Die Tripartite darf bleiben. Aber sie muss aufhören, eine Maschine zur organisierten Schmerzvermeidung zu sein. Sozialdialog ist kein Ersatz für Reform. Kompromiss ist kein Ersatz für Wahrheit. Abfederung ist kein Ersatz für Verantwortung.

Eine freie Gesellschaft braucht keinen Staat, der jede Härte betäubt. Sie braucht Bürger, die wieder aushalten, dass Wirklichkeit nicht immer kompensierbar ist.

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