Manuel BissenDie Sommerferien dauerten nur einen Tag

Lieserbréif vum Manuel Bissen
© RTL Grafik

Am 15. Juli war der letzte Schultag.

Am 16. Juli erschien in einer großen Luxemburger Tageszeitung die Anzeige einer Supermarktkette. Groß und fröhlich stand dort:
„Yuppi, d’Rentrée kënnt!“

Das muss man erst einmal schaffen. Keine vierundzwanzig Stunden nach dem offiziellen Schlussgong werden Collegeblöcke, Hefte und Schnellhefter bereits wieder in Stellung gebracht. Der Schulranzen hatte nicht einmal Zeit, in seiner Ecke artgerecht zu verwildern.

Natürlich ist daran nichts Verwerfliches. Ein Supermarkt verkauft, was irgendwann gekauft werden muss. Eine Zeitung verkauft Anzeigen. Und zweifellos gibt es Menschen, die bereits Mitte Juli nervös werden, wenn der karierte Block für September noch nicht beschafft ist.

In der Psychologie bezeichnet „Antizipation“ die gedankliche Vorwegnahme eines zukünftigen Ereignisses. Eine nützliche Fähigkeit. Ohne sie gäbe es keine Planung, keine Vorsorge, keine Vorfreude - und vermutlich sehr viele vergessene Jubiläen.

Doch Antizipation hat eine unangenehme Nebenwirkung: Die Zukunft kann so mächtig werden, dass sie die Gegenwart besetzt. Was noch gar nicht begonnen hat, entfaltet bereits seine Wirkung. Der Montag sitzt am Sonntagabend mit auf dem Sofa. Die Heimreise liegt schon am ersten Urlaubstag neben dem Handtuch. Und die „Rentrée“ beginnt nicht im September, sondern in dem Moment, in dem uns ein lächelnder Collegeblock im Juli daran erinnert, dass die grenzenlose Freiheit irgendwann wieder vorbei ist.
Wir geben den Dingen kaum noch Zeit, überhaupt stattzufinden.

Der Kalender hat seinen Charakter verändert.
Früher bestand er aus Jahreszeiten.
Heute besteht er aus Countdowns

Man kann gespannt auf den Tag warten, an dem es die ersten Schokohasen bereits vor Weihnachten gibt. Nicht, weil sie jemand vermissen würde, sondern weil wir offenbar verlernt haben, dass nicht alles jederzeit verfügbar sein muss.

Für Kinder sind sechs Wochen Ferien keine Lücke zwischen zwei Schuljahren. Sie sind ein eigener Kontinent: Freibad, Fahrrad, Eis, Großeltern, Langeweile und Abende, an denen niemand genau weiß, wie spät es ist. Erwachsene betrachten diesen Kontinent oft argwöhnisch und zeichnen vorsorglich schon einmal die Rückreiseroute ein. Ferien werden so zur Übergangsphase - eine Art pädagogischer Boxenstopp. Aussteigen, durchatmen, aber bitte den Motor laufen lassen.

Auch Lehrer haben gerade ein Schuljahr hinter sich: Unterricht, Korrekturen, Konferenzen, Elterngespräche, Zeugnisse. Sie hätten ein paar Wochen verdient, in denen ein Heft einfach nur ein Heft ist. Doch ausgerechnet ihre Ferien gelten vielen als verdächtig. Fast acht Wochen frei? Das kann doch nicht einfach frei sein. Da muss doch etwas passieren.

Es ist derselbe Reflex, der im Supermarkt die nächste Saison ausruft, bevor die aktuelle überhaupt beendet ist. Wir haben verlernt, dass Dinge auch einfach noch nicht dran sein können. Die Ferien sollten deshalb am besten schon wieder dem nächsten Schuljahr dienen. Offenbar macht uns eine Zeit ohne echten Zweck nervös.

Wir sind generell immer seltener dort, wo wir gerade sind. Im Restaurant fotografieren wir das Essen, bevor wir es schmecken. Im Konzert filmen wir die Höhepunkte, statt sie zu erleben. Im Gespräch warten wir nicht auf den Gedanken des anderen, sondern auf unsere Gelegenheit zu sprechen. Und am ersten Ferientag denken wir eben bereits wieder an den Schulanfang.
Gleichzeitig wundern wir uns, dass die Zeit rast.

Dabei rast sie gar nicht.
Wir überholen sie nur ständig.

Gewiss: Planung ist vernünftig. Aber Planung sollte der Gegenwart dienen - sie nicht verdrängen. Die Zukunft ist ein notwendiger Gast. Sie muss aber nicht Wochen zu früh einziehen, die Möbel umstellen und fragen, wann wir endlich ausziehen.

Das Erstaunliche an der erwähnten Supermarktwerbung ist, wie selbstverständlich wir das hinnehmen. Der September winkt uns schon im Juli aus der Zeitung zu - und kaum jemand findet das noch merkwürdig. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, ständig beim Nächsten zu sein, dass die Gegenwart fast wie ein lästiger Zwischenstopp wirkt.

„Yuppi, d’Rentrée kënnt!“

Ja. Natürlich kommt sie.

Aber vielleicht könnte man ihr erlauben, bis September zu warten.

Schöne Ferien!

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