
Unsere Gesellschaft folgt zunehmend einem Prinzip: Vermeidung. Konflikte werden entschärft, Unterschiede eingeebnet, Entscheidungen vertagt. Nicht aus Erkenntnismangel, sondern aus Abwehr. Nicht, weil die Lage unklar wäre, sondern weil ihre Konsequenzen nicht mehr getragen werden wollen. Anforderungen gelten als Übergriff, Wahrheit als Kränkung. Was bleibt, ist eine Kultur der Schonung – mit absehbaren Folgen. Sichtbar werden sie dort, wo sie nicht sofort schmerzen, aber langfristig wirken: in der Schule, in der Sozialpolitik, in der politischen Führung.
Beginnen wir mit der Bildung. Dort wurde in den vergangenen Jahren systematisch alles entschärft, was Widerstand erzeugen könnte. Aufnahmeprüfungen gelten als ungerecht, Leistungsunterschiede als diskriminierend, klare Bewertungen als demotivierend. Stattdessen entstehen Modelle, die vor allem eines versprechen: Schonung. Lernen ohne Frust. Erfolg ohne Risiko. Bildung ohne Rangordnung. Doch wo nichts mehr unterscheidet, kann auch nichts mehr orientieren. Wo niemand mehr Unterschiede benennen darf, kann auch niemand mehr Verantwortung zuweisen.
Aus solchen Schulen gehen keine belastbaren Persönlichkeiten hervor, sondern Menschen, die ein problematisches Deutungsmuster erlernen: Widerstand erscheint ihnen nicht als Teil eines Lernprozesses, sondern als Fehler des Systems; Zumutung nicht als notwendige Anforderung, sondern als Grenzüberschreitung. Wer in seiner Bildungsbiografie kaum je erlebt hat, dass Anforderungen verbindlich sind, dass Scheitern Konsequenzen hat und dass Anstrengung erwartet wird, lernt eine folgenreiche Lektion. Nicht das eigene Verhalten steht zur Disposition, sondern die Erwartung selbst. Schwierigkeiten gelten dann nicht als Teil eines Lernprozesses, sondern als Beweis institutionellen Versagens. Widerstand wird nicht als Anlass zur Selbstkorrektur verstanden, sondern als Störung, die beseitigt werden muss. Verantwortung verschiebt sich vom Individuum zum System. Aus Selbstüberwindung wird Anspruch.
Das ist kein pädagogisches Detail, sondern ein gesellschaftlicher Mechanismus. Ein Bildungssystem, das Ansprüche vermeidet, bildet keine belastbaren Bürger aus. Wer nie gelernt hat, Lasten zu tragen, wird sie später auch nicht akzeptieren – weder für sich noch für andere.
Der nächste Schritt ist zwangsläufig. Eine Gesellschaft, die keine Hierarchien mehr akzeptiert, macht sich reformunfähig. Nicht aus Trägheit, sondern aus innerer Logik. Dabei geht es nicht um die Überordnung einer Kaste, nicht um soziale Privilegien aufgrund von Herkunft, Reichtum oder Intelligenz und erst recht nicht um willkürliche Dominanz. Gemeint sind funktionale, politisch legitimierte Hierarchien – also klar zugewiesene Entscheidungsbefugnisse innerhalb demokratisch kontrollierter Ordnung.
Reformen greifen zwangsläufig in bestehende Verhältnisse ein. Sie verteilen Lasten neu, sie priorisieren, sie unterscheiden zwischen dem, was getragen werden kann und dem, was entlastet werden muss. Genau dafür braucht es Hierarchien im funktionalen Sinn. Instanzen, die entscheiden dürfen, ohne jede Entscheidung permanent neu rechtfertigen zu müssen; Verantwortungsträger, deren Legitimation nicht bei jeder Zumutung infrage gestellt wird.
Wo diese Form funktionaler, politisch legitimierter Hierarchie nicht mehr akzeptiert wird, verliert Politik ihre Handlungsfähigkeit. Jede Entscheidung wird zur Verhandlung, jede Reform zum Moralstreit. Unterschiede zwischen Leistungsfähigen und weniger Leistungsfähigen, zwischen Beitragszahlern und Empfängern, zwischen Entscheidungsträgern und Adressaten lassen sich dann nicht mehr sachlich begründen, sondern nur noch defensiv rechtfertigen. Politik scheitert in diesem Moment nicht an Autoritarismus, sondern an einem Mangel an gesellschaftlich akzeptierter Entscheidungsmacht.
Die Ursache dafür liegt tiefer: in der systematischen Verwechslung von Gleichheit und Gleichwertigkeit. Gleichheit bezeichnet die Gleichbehandlung von Personen vor Regeln, Rechten und Verfahren – gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Ausgangsbedingungen. Gleichwertigkeit hingegen ist ein moralischer Begriff. Er besagt, dass jeder Mensch denselben inneren Wert besitzt, unabhängig von Leistung, Fähigkeit oder Beitrag.
Der Unterschied lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen. In einer Schule sind alle Schüler gleichwertig: Ihr Wert als Personen steht außer Frage. Gleich sind sie deshalb noch lange nicht. Sie unterscheiden sich in Fähigkeiten, Leistungsbereitschaft und Entwicklungstempo. Eine Schule, die diese Unterschiede ignoriert, behandelt nicht gerecht, sondern blind. Sie verwechselt Respekt vor der Person mit Verzicht auf Bewertung.
Überträgt man diese Verwechslung auf Politik und Sozialstaat, wird sie folgenreich. Aus der richtigen Annahme gleicher Würde wird die falsche Forderung gleicher Behandlung unabhängig von Beitrag, Verantwortung oder Leistungsfähigkeit. Unterschiede dürfen dann nicht mehr benannt werden, ohne als Ungerechtigkeit zu gelten. Jede Differenz erscheint als moralischer Makel, jede Zumutung als persönlicher Angriff.
Wo Gleichheit und Gleichwertigkeit ineinander gezogen werden, zerbricht die Begründungslogik politischer Entscheidungen. Reformen werden nicht mehr als notwendige Eingriffe in reale Verhältnisse diskutiert, sondern als Verletzungen moralischer Gleichwertigkeit zurückgewiesen. Politik kann dann nicht mehr entscheiden – sie kann nur noch rechtfertigen.
Man sieht das exemplarisch an der Rentenfrage. Die Demografie ist eindeutig, der Reformbedarf unbestritten, die Rechnung bekannt. Und doch wird jede ernsthafte Anpassung vermieden, verdünnt oder vertagt. Längere Lebensarbeitszeiten gelten als unzumutbar, differenzierte Beiträge als ungerecht, Leistungskorrekturen als sozial kalt. Die Realität wird nicht widerlegt – sie wird moralisch zerlegt.
Auf all dies reagiert die Politik mit Rückzug. Eine Politik ohne Zumutungsfähigkeit verwaltet den Stillstand. Sie weiß, was nötig wäre, kann es aber nicht mehr aussprechen, geschweige denn durchsetzen. Sie führt nicht, sie moderiert. Sie entscheidet nicht, sie vertagt. Sie ersetzt Reformen durch Prozesse, Führung durch Kommunikation, Verantwortung durch Beruhigung. Nicht aus Inkompetenz, sondern aus Angst vor einer Öffentlichkeit, die Führung nicht mehr belohnt, sondern sanktioniert.
So schließt sich der Kreis: Ein anspruchsvermeidendes Bildungssystem erzieht nicht zur Verantwortungsbereitschaft. Eine Gesellschaft ohne akzeptierte Hierarchien blockiert notwendige Reformen. Und eine Politik, die Zumutungen scheut, bleibt im Stillstand gefangen. Alles bleibt freundlich. Alles bleibt empathisch. Alles bleibt wirkungslos.
Vermeidung ist bequem. Sie ist moralisch anschlussfähig. Sie erspart Konflikte. Aber sie ist kein Ordnungsprinzip. Gesellschaften, die alles vermeiden, vermeiden am Ende nur eines nicht: die Kollision mit der Realität. Und die fällt härter aus als jede Zumutung, die man vorher hätte aussprechen können.