
„Alle Menschen sind gleich.“ Dieser Satz gilt als moralische Errungenschaft. Und doch entfaltet er in der Praxis eine paradoxe Wirkung. Denn Menschen sind zwar gleich an Würde und Rechten, aber sie sind nicht gleich gebaut, nicht gleich begabt, nicht gleich belastbar und nicht gleich lernfähig. Unsere gesellschaftlichen Systeme tun jedoch so, als wären sie es – und genau darin liegt ein stilles, aber tiefgreifendes Problem.
Bereits in der Schule beginnt die Normierung. Kinder werden früh gemessen, verglichen und sortiert, nicht nach dem, was sie können oder wofür sie brennen, sondern nach einem festgelegten Fächerkanon, der für alle gleichermaßen gelten soll. Ein Jugendlicher kann komplexe mathematische Zusammenhänge verstehen, logisch denken und Probleme kreativ lösen – und scheitert dennoch an unregelmäßigen französischen Verben, mit weitreichenden Konsequenzen. Das Ergebnis ist nicht etwa eine gezielte Förderung seiner Stärke, sondern ein Stempel: nicht geeignet.
Die Schule fragt nicht, wo individuelles Potenzial liegt, sondern wo jemand von der Norm abweicht. So wird sie zur Siebmaschine. Talente verschwinden im Schatten von Nebenfächern, die zur Hauptsache erklärt wurden. Begeisterung zählt weniger als Fehlerfreiheit, Denken weniger als formale Korrektheit. Wer nicht ins Raster passt, bleibt sitzen – nicht selten im übertragenen Sinn ein Leben lang. Anstatt innezuhalten und die Passung zwischen Mensch und System zu hinterfragen, wird häufig lediglich der Zeitraum verlängert, in dem man im selben Schema verharren muss. Die Form bleibt, nur die Dauer wächst.
Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern eine gesellschaftsformende Instanz. Sie wirkt in einer Lebensphase, in der Kinder sich selbst noch nicht einordnen können und Anerkennung maßgeblich zur Identitätsbildung beiträgt. Das vorherrschende Punkte- und Bewertungssystem misst vor allem normgerechte Ergebnisse, nicht Denkwege, Kreativität oder Tiefe des Verstehens. Gerade kognitiv oder kreativ anders begabte Kinder, die unkonventionell denken, komplexe Zusammenhänge sehen oder andere Fragen stellen, haben oft kaum Möglichkeiten, diese Fähigkeiten sichtbar zu machen und dafür Anerkennung zu erhalten. So lernt das Kind nicht, was es kann, sondern was als „richtig“ gilt – und passt sich an, oft auf Kosten der eigenen Entfaltung.
Was in der Schule beginnt, setzt sich im Berufsleben fort, nur mit größerem Druck. Die Norm lautet vierzig Stunden, hohe Belastbarkeit und ständige Verfügbarkeit. Wer diesem Ideal nicht entspricht, gilt schnell als schwierig, schwach oder unzuverlässig. Dabei liegt das Problem häufig nicht im Menschen, sondern in einem System, das Leistungsfähigkeit mit permanenter Überforderung verwechselt. Stress, Karrieredruck, Konkurrenz und Mobbing werden individualisiert. Man spricht von mangelnder Resilienz, nicht von unmenschlichen Rahmenbedingungen. Der Mensch soll sich anpassen, nicht das System.
Wenn Menschen unter dieser Dauerbelastung zusammenbrechen, tritt ein weiteres System auf den Plan: das Gesundheitssystem, genauer gesagt die Psychiatrie. In einem auf Effizienz getrimmten Umfeld bleibt oft wenig Zeit für Ursachenforschung. Gespräche werden kurz, Diagnosen funktional, Therapien standardisiert. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, was jemanden krank gemacht hat, sondern wie man ihn wieder arbeitsfähig macht. Medikamente können Leid lindern, stabilisieren und Leben retten.
Doch allzu oft dienen sie dazu, Menschen wieder in genau jene Strukturen zurückzuführen, die sie krank gemacht haben. Gesundheit wird mit Funktionsfähigkeit verwechselt.
Viele psychische Erkrankungen lassen sich auch anders lesen. Erschöpfung kann eine Reaktion auf Dauerstress sein, Depression eine Antwort auf Sinnverlust, Angst die Folge permanenter Unsicherheit. Das sind nicht zwingend individuelle Defekte, sondern oft gesunde Reaktionen auf ungesunde Verhältnisse. Doch statt die Verhältnisse zu ändern, reparieren wir die Menschen. Wer dauerhaft nicht mehr mithalten kann, wird schließlich aus dem System entfernt – durch Frühverrentung, Erwerbsunfähigkeit oder stillen Rückzug. Nicht, weil er kaputt ist, sondern weil Warnsignale ignoriert wurden, bis nichts mehr ging.
Die entscheidenden Fragen werden selten gestellt:
Was bräuchte ein Mensch, um sich entfalten zu können?
Welche Bedingungen sind nötig für ein zufriedenes, tragfähiges Leben?
Welche Stärken bleiben in diesem System ungenutzt?
Mögliche Antworten wären weniger Arbeitsstunden, mehr Mitbestimmung, flexiblere Bildungswege und ein Umfeld, das Unterschiede nicht bestraft, sondern nutzt.
Ein anderer Weg ist denkbar. Eine menschlichere Gesellschaft wäre keine perfekte Welt, aber sie wäre eine, die anerkennt, dass Gleichbehandlung nicht automatisch gerecht ist. Eine Schule, die Grundwissen vermittelt, aber individuelle Schwerpunkte zulässt. Eine Schule, die Entwicklung begleitet, statt früh zu sortieren. Eine Arbeitswelt, die Menschen nach ihren Stärken einsetzt und nicht nach starren Normen. Eine Gesellschaft, die psychische Gesundheit nicht als Reparaturbetrieb versteht, sondern als Ergebnis vernünftiger Lebensbedingungen.
„Alle Menschen sind gleich“ darf nicht länger bedeuten, dass alle gleich funktionieren müssen.
Vielleicht sollte dieser Satz endlich heißen:
Alle Menschen haben das gleiche Recht – nämlich darauf, verschieden zu sein.