Carole Lexis-WeisZurück ins Mittelalter

Lieserbréif vum Carole Lexis-Weis
© RTL Grafik

Auf dem Marktplatz haben sich zahlreiche neugierige Menschen versammelt. Die Stimmung ist aufgeheizt. Auf einer primitiven, hastig zusammengezimmerten Holzbühne steht ein Galgen. Vereinzelt hört man Rufe wie: „Hängt ihn endlich!“ oder „Gerechter Tod für den Sünder!“

Es ist heiß, und der allgegenwärtige Gestank aus Abfällen, menschlichen Exkrementen und Schweiß ist heute besonders penetrant. Dann ist es endlich so weit: Der Henker führt den zum Tode verurteilten Fremden zum Galgen. Er hatte es gewagt, eine Frau aus dem Dorf unsittlich zu begrapschen. Die bereits vom Bier geschwängerte Menge beginnt zu grölen und zu jubeln.

Diese oder ähnliche Szenen spielten sich im Mittelalter immer wieder ab – in einer düsteren, von Gewalt und öffentlicher Demütigung geprägten Vergangenheit.

Mit der Neuzeit begann sich das gesellschaftliche Zusammenleben allmählich zu verändern. Konflikte sollten zunehmend durch Gerichte statt durch Selbstjustiz gelöst werden. Der Buchdruck machte Wissen einer immer größeren Zahl von Menschen zugänglich, und Renaissance sowie Aufklärung prägten ein neues Verständnis von Mensch, Kultur und Vernunft. Die Vorstellung setzte sich durch, dass Recht über Rache stehen sollte.

Heute ist Wissen so leicht verfügbar wie nie zuvor – rund um die Uhr und nur wenige Klicks entfernt. Für nahezu jede Lebenslage existieren Gesetze, und unsere Gerichte sind bis an die Belastungsgrenze ausgelastet. Bücher gibt es zu jedem erdenklichen Thema zu erschwinglichen Preisen. Und dennoch beschleicht mich immer häufiger das Gefühl, dass unsere Gesellschaft verroht.

Ich nutze soziale Medien, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die ich im Alltag kaum noch sehe, und um mich über Nützliches wie Unnützes zu informieren. Dabei stolpere ich fast täglich über Szenen, die der eingangs geschilderten erstaunlich ähnlich sind. Nur der Schauplatz hat sich verändert: Nicht mehr der Dorfplatz dient als Bühne, sondern die Kommentarspalte eines Postings.

Wo sich im Mittelalter die Dorfbewohner – wenn auch oft nur flüchtig – persönlich kannten, begegnen sich heute Menschen hinter Klarnamen oder Pseudonymen. Sie machen ihrem Ärger Luft, beleidigen, verhöhnen oder fordern unverhohlen drastische Konsequenzen für Andersdenkende. Werden sie auf ihren Ton hingewiesen, folgt nicht selten der Vorwurf, ihre Meinungsfreiheit werde eingeschränkt. Besonders unter Beiträgen politischer Akteure finden sich immer häufiger Kommentare voller Wut, Hass und Gewaltfantasien.

Dabei frage ich mich: Waren diese Menschen schon immer so und trauen sich im Schutz der digitalen Distanz lediglich, ihr wahres Gesicht zu zeigen? Oder haben sich viele von ihnen tatsächlich verändert? Und wenn ja – wodurch?

Über die Ursachen der Gewalt im Mittelalter wird bis heute diskutiert. Historiker und andere Wissenschaftler vermuten unter anderem, dass wiederkehrende Kriege, Hungersnöte, Seuchen und existenzielle Unsicherheit das Zusammenleben nachhaltig prägten und Gewalt begünstigten.

Zumindest in unserem Teil der Welt leben die meisten Menschen heute jedoch weder in existenzieller Hungersnot noch unter einer Diktatur oder in ständiger Angst vor einer Pest, die innerhalb kurzer Zeit Familien auslöscht. Natürlich erleben auch wir Krisen – wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Spannungen oder globale Konflikte. Dennoch verfügen wir über einen Wohlstand, eine medizinische Versorgung und einen Rechtsstaat, von denen frühere Generationen nur träumen konnten.
Was also treibt Menschen dazu, öffentlich Hass zu verbreiten oder Gewaltfantasien zu äußern? Ich stelle mir vor, dass dahinter häufig tiefe Unzufriedenheit, Frustration oder Missgunst stehen. Vielleicht spielt auch das Gefühl eine Rolle, in der Anonymität des Internets kaum Konsequenzen fürchten zu müssen.

Ironischerweise bleiben Konsequenzen dennoch oft nicht aus. Personaler recherchieren heute Bewerber im Internet, und öffentlich geäußerte Hetze kann den beruflichen Werdegang nachhaltig beeinträchtigen. Ebenso trennt sich so mancher von digitalen Bekanntschaften, wenn aus Meinungsverschiedenheiten blanker Hass wird.

Vielleicht stehen auf unseren Marktplätzen längst keine Galgen mehr. Doch die Lust an öffentlicher Empörung, Demütigung und moralischer Hinrichtung scheint keineswegs verschwunden zu sein. Sie hat lediglich ihren Schauplatz gewechselt – vom Dorfplatz in die Kommentarspalte.

Manchmal frage ich mich deshalb, ob wir tatsächlich so weit von unserer Vergangenheit entfernt sind, wie wir glauben. Vielleicht sind wir technisch in der Gegenwart angekommen – im Umgang miteinander machen wir jedoch gelegentlich einen Schritt zurück. Und genau dieser Gedanke lässt mich besorgt den Kopf schütteln.

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