Zehntausende Userinnen und User haben seit Anfang Juli ein Video auf Facebook und Telegramm gesehen, in dem ein Arzt aus Wien von zahlreichen vermeintlichen Entzündungen an Implantaten nach Corona-Impfungen warnt. Grund dafür seien demzufolge entstehende Thrombosen im Darm nach Impfungen, die zu einer Schädigung der Darmwand führten. Anschließend austretende Kolibakterien gelangten dann über die Blutbahn an die Implantate und sorgten für Entzündungen. Thrombosen treten allerdings höchst selten auf, Kolibakterien im Blutkreislauf kommen nicht unbedingt von einer Darmschädigung. Experten halten die Arztaussagen für unhaltbare Spekulation.

Hunderte User haben die Implantat-Behauptung seit Anfang Juli auf Facebook geteilt (hier, hier). Zehntausende sahen sie auf Telegram (hier, hier). Neben dem Video teilen User dabei auch einen inhaltsgleichen Blog-Artikel mit einem Video und der Behauptung. Im kurzen Clip spricht der Wiener Arzt Jaroslav Belsky mit Bezug auf einen anonymen Arztkollegen.

Dieser sei chirurgischer Orthopäde und habe "in letzter Zeit wahnsinnig viele Fälle mit Implantatentzündungen" beobachtet, behauptet Belsky. Bei Abstrichen seien dabei am häufigsten Kolibakterien gefunden worden. Dabei handelt es sich um Bakterien, die in der menschlichen Darmflora vorkommen. Auf eine Nachfrage Belskys, ob die Patientinnen und Patienten zuvor geimpft worden seien, habe der Kollege zugestimmt: "Die Leute reden immer nur über die Thrombosen, die Hirnvenenthrombosen, aber was sie den Leuten verschweigen: Es gibt genauso sehr viele Mesenterialvenenthrombosen."  (Anm. d. Red.: Dabei handelt es sich um Blutgerinnsel, also verschlossene Venen im Darm.)

Laut Belsky könne diese "Thromboisierung" nach einer Impfung die Darmwand schädigen und zuvor eingeschlossene Kolibakterien gelangten in den Körper. An Implantaten und Schrittmachern führe das dann zu Entzündungen. Solche Fälle seien gemeldet worden, würden aber nicht ernst genommen, behauptet er in Bezug auf seinen Arztkollegen. Zudem hätten alle betroffenen Patienten ein oder zwei Wochen zuvor eine Corona-Impfung erhalten.

RTL

Facebook-Screenshot: 09.07.2021

Impfgegnerinnen und Impfgegner ziehen immer wieder angeblich wissenschaftliche Beweise heran, um eine Gefährlichkeit von Corona-Impfungen zu belegen. Mal zeige eine Studie, wie gefährlich die nach Impfung entstehenden Spike-Proteine seien. Mal beweise eine andere Studie, dass sich diese gefährlichen Spike-Proteine nach Impfungen im Körper ausbreiteten. Mal hätten Forscher herausgestellt, dass die Impfstoffe unkontrolliertes Zellsterben verursachen. All diese angeblichen Forschungsergebnisse hat AFP widerlegt.

Auch die Behauptung von Belsky gehört in diese Reihe irreführender Informationen. Der "Standard" hatte den Wiener Arzt bereits in der Vergangenheit mit Verschwörungserzählungen in Verbindung gebracht (mehr dazu hier). Auf eine Anfrage von AFP zu seiner aktuellen Implantat-Behauptung hat Belsky bis zur Verröffentlichung dieses Faktenchecks  nicht reagiert.

Führen Corona-Impfungen zu Thrombosen im Darm? 

Belsky bringt Corona-Impfungen mit Thrombosen im Darm in Verbindung. Bereits im April 2021 hatte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) tatsächlich bekannt gegeben, dass Blutgerinnsel als "sehr seltene" Nebenwirkungen der Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson gelistet werden sollten (mehr dazu hier, hier). Diese können laut EMA im Gehirn, aber auch im Bauchraum und an Arterien auftreten.

Auch für die mRNA-Impfstoffe meldet das bei Impfungen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in seinem aktuellen Sicherheitsbericht vom 10. Juni, dass in wenigen Fällen Hirnvenen-, bzw. Sinusvenenthrombosen aufgetreten seien. Im selben Bericht gibt das PEI an, elf Fälle von sogenannten "venösen Thrombosen im Mesenterialgebiet" nach Impfungen registriert zu haben. Das Mesenterialgebiet bezeichnet den Abschnitt des Bauchfells, der den Dünndarm an der Bauchwand aufhängt und ihm Nerven, Blut- und Lymphgefäße zuführt.

AFP hat beim PEI um eine Einschätzung der Aussage von Belsky gebeten. Eine Sprecherin schrieb am 6. Juli in einer E-Mail: Erstens seien solche Thrombosen nur nach einer Impfung mit Astrazeneca gemeldet worden und würden nicht wie behauptet "alle Impfstoffe" betreffen. Zweitens lägen dem PEI keine Meldungen zu den behaupteten "Darmperforationen", also Beschädigungen der Darmwand und dadurch austretenden Kolibakterien, vor.

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Prof. Dr. Bernd Salzberger, erklärte zum Auftreten der Blutgerinnsel im Darm am 8. Juli gegenüber AFP: "Mesenterialvenenthrombosen sind nach den mir bekannten Daten nicht häufiger nach COVID-Impfungen als in der ‚Normalbevölkerung‘, sie sind auf jeden Fall seltene Ereignisse."

Auch Prof. Dr. Daniel Steven, Leiter der Abteilung für Elektrophysiologie an der Uniklinik Köln und Experte für Herzrhythmusimplantate, erläuterte AFP am 6. Juli, dass ihm keine "speziell mit der Impfung assoziierte Häufung von mesenterialen Thrombosen" bekannt sei.

Falsch: Es gibt „wahnsinnig viele Fälle“ von Entzündungen 

Im Video behauptet Belsky dennoch, sein Kollege habe "wahnsinnig viele Fälle" von Entzündungen mit Kolibakterien an Implantaten beobachtet. In diesem Zusammenhang spricht Belsky von entstehender Osteomyelitis, also einer Infektion des Knochenmarks oder Knochens, und Periimplantitis, der Entzündung von Zahnimplantaten. Auch spricht der Wiener Arzt eine sogenannte Bakteriämie bei den Patienten seines Kollegen an, die entstehen kann, wenn Bakterien in die Blutbahn gelangen.

Infektiologe Salzberger erklärte dazu gegenüber AFP, es sei "vollkommen unglaubwürdig", dass die Häufigkeit für solche Thrombosen hoch genug sei, um von einem einzelnen Orthopäden beobachtet werden zu können. Auch offizielle Zahlen stützen Belskys Bericht nicht.

Die EMA führt in ihrer Datenbank zwar Fälle von Mesenterialvenenthrombosen als mögliche Nebenwirkung für die Impfstoffe auf  – "wahnsinnig viele" Fälle sind es aber nicht. Die Daten werden aus dem gesamten europäischen Wirtschaftsraum zusammengetragen. Am 9. Juli 2021 listete die EMA 137 Fälle von gemeldeten Mesenterialvenenthrombosen. Im Gegensatz dazu stehen über 230 Millionen Erstimpfungen unter Erwachsenen, die das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten beobachtet. Wichtig dabei ist: Selbst diese gemeldeten Thrombosen stehen nicht zwingenderweise in einem Zusammenhang mit vorausgegangenen Impfungen. Die EMA listet ausdrücklich lediglich Verdachtsfälle von Nebenwirkungen, die nach Anwendung von Arzneimitteln beobachtet werden.

Das gilt auch für die 20 von der EMA aufgelisteten Osteomyelitis-Fälle. Periimplantitis hat AFP in der Datenbank als Nebenwirkung der Corona-Impfstoffe überhaupt nicht gefunden. Auch die von Belsky angesprochene Bakteriämie listet die EMA insgesamt nur 21 Mal auf.

Eine Entzündung ist theoretisch möglich, wurde aber nie für Impfungen nachgewiesen 

Auch wenn es überhaupt kaum Fälle für Thrombosen und Entzündungen gibt, behauptet Belsky zu den Folgen angeblicher Kolibakterien: "Dort, wo dann zum Beispiel Implantate sind, Schrittmacher, und, und, und. Dort, an dieser Oberfläche setzen sie sich dann nieder und machen eine Periimplantitis."

Dass diese Bakterien infolge einer Mesenterialvenenthrombose überhaupt in die Blutbahn gelangen, hält Infektiologe Salzberger für sehr unwahrscheinlich: "Solche Thrombosen führen extrem selten zur akuten und schweren Schädigung der Darmschleimhaut, noch seltener zum Übergang der Bakterien ins Blut." Auch Daniel Steven vom Herzzentrum der Universität Köln schätzt einen solchen Zusammenhang als "extrem unwahrscheinlich" ein und erklärt weiter:  "Wie das zu einer Implantatinfektion führen sollte, geht aus dem Video nicht hervor." Zudem stellt er fest:

"Normalerweise handelt es sich bei einer solchen Device-Infektion (Anm. d. Red.: Infektion etwa  im Umfeld von Herzschrittmachern) um eine Keimansammlung, die primär im Bereich des Devices startet und von dort aus Ihren Weg in den Blutstrom nimmt, und nicht umgekehrt."

Auch über das Blut übertragene Infektionen an Zahnimplantaten sind bei Erwachsenen praktisch nicht bekannt, wie Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas von der Universität Mainz der AFP darlegte. Ebenso wenig wisse er von Häufungen festgestellter Kolibakterien.

AFP hat weiterhin nach Studien zu solchen Infektionen in wissenschaftlichen Datenbanken gesucht. Dass Kolibakterien grundsätzlich Auslöser für Implantat-Infektionen sein können, ist dabei durchaus bekannt (etwa hier untersucht). Studien, die eine Verbindung zwischen solchen Infektionen und Thrombosen im Darm untersuchen, konnte AFP allerdings nicht finden.

Wie würde eine solche Entzündung tatsächlich verlaufen?

Grundsätzlich kann es an Implantaten zu Entzündungen kommen. "Wenn Bakterien in die Blutbahn gelangen, sprechen wir vereinfacht von einer Sepsis. Leider ist dieser Zustand für Patienten mit implantierten Geräten oder Prothesen sehr gefährlich: so Knie- oder Hüftprothesen, Schrittmacher oder ICD. Und die ist dann eben häufig nur sehr schwierig zu behandeln - meist nur durch eine Explantation des betreffenden Geräts!" Solche Infektionen verlaufen laut Prof. Dr. med. Philipp Sommer, Direktor der Klinik für Elektrophysiologie und Rhythmologie in Nordrhein-Westfalen, im Bereich kardialer Implantate immer noch häufig tödlich.

Um solche Infektionen nachzuweisen, werden Abstriche vorgenommen. Sommer erklärte, dass in der Regel auch eine Blutkultur entnommen werde, da "die lokale Besiedlung eines Geräts oder einer Prothese durchaus von den Keimen in der Blutbahn abweichen kann." Dabei seien Kolibakterien neben Hautkeimen ohnehin häufige Erreger, die man in Abstrichen finden kann. Einen solchen Abstrich mit Corona-Impfungen und einer darauf aufbauenden Thrombose in Verbindung zu bringen sei Spekulation.

Sommer schilderte gegenüber AFP, wie eine solche Sepsis ablaufen müsste:

"Die Vorstellung wäre daher, dass die Thrombose den venösen Abstrom eines kleinen Darmareals verhindert, dadurch die arterielle Versorgung nicht mehr funktioniert." Damit würde eine mangelnde Sauerstoffversorgung in dem Bereich entstehen, die zu einer Darmnekrose führe, dem Absterben von Gewebe. Dies ermögliche dann den Übertritt der Bakterien in die Blutbahn.

Fazit: Corona-Impfungen mit möglichen Entzündungen an Implantaten in Verbindung zu bringen ist irreführend. In seltenen Fällen besteht zwar tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Thrombosen und Impfstoffen. Dass durch die Blutgerinnsel Schäden im Darm aufgetreten seien, wurde dem PEI aber nicht gemeldet. Auch den angefragten Experten war keine Häufung von Mesenterialvenenthrombosen bekannt. Der Nachweis von Kolibakterien allein lässt außerdem keinen eindeutigen Schluss auf eine Verbindung zu Corona-Impfungen zu. Obwohl Belskys Schilderungen zwar medizinisch möglich sind, bleiben sie extrem unwahrscheinlich, das zeigen auch die Daten der EMA. Der Zusammenhang sei konstruiert und ohne jeglichen objektivierbaren Beleg, erklärten Experten gegenüber AFP.

Mitarbeiter: Saladin Salem/mbi