Hunderttausende User auf Facebook und Telegram haben seit Ende Juli eine Behauptung verbreitet, wonach bei den Hochwassern in Deutschland 600 tote Kinder gefunden worden seien. Die Leichen seien in Bad Neuenahr/Ahrweiler angeschwemmt worden, was vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden solle, heißt es in den Postings. Der zuständige Krisenstab des Landes Rheinland Pfalz, die Feuerwehr sowie unabhängige Reporter vor Ort und Bestattervereine widersprechen der Behauptung. 

Hunderte Facebook-User haben die Behauptung zu den toten Kindern seit dem 27. Juli geteilt (hier, hier, hier). Auf Telegram sahen sie über 170.000 User (hier, hier). Auf dem Screenshot eines vermeintlichen Nachrichtenartikels heißt es: "Überschwemmungen in Deutschland: 600 Leichen von Kindern bei der Flut gefunden?" In einem Beschreibungstext selbst steht:

"Hochwasser in Deutschland: 600 Kinderleichen in der Flut gefunden? In Bad Neuenahr / Ahrweiler wurden Babyleichen angeschwemmt. Augenzeugen berichten auch von einer Turnhalle, in der rund 600 Kinder- und Babyleichen aufgebahrt sein sollen. Dies soll vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Auch n-tv berichtet: In Häusern wurden Kinderleichen gefunden, die von irgendwoher angeschwemmt wurden. "...haben Kinderleichen in ihren Häusern gefunden, angeschwemmt von irgendwo weiter weg..."

Mehrere Postings erwähnen auch den Telegram-Kanal von "Q-Faktor Germany", der Verschwörungsmythen der US-amerikanischen QAnon-Bewegung verbreitet. Im Zentrum der Verschwörungsideologie stehen auch entführte, gefolterte und ermordete Kinder, die Eliten angeblich in geheimen Tunneln festhalten. Auch ein anderes hundertfach geteiltes Posting zu den Fluten in Deutschland stellte einen Zusammenhang zwischen dem Hochwasser und geheimen Untergrundanlagen her.

RTL

Facebook-Screenshot: 28.07.2021

Etwa zwei Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe in Westdeutschland hat sich die Zahl der Toten Stand 28. Juli auf 181 erhöht. Die Zahl der Toten in Rheinland-Pfalz stieg auf 134. Weiterhin galten dort noch 73 Menschen als vermisst. In Nordrhein-Westfalen gibt es nach Angaben von Innenminister Herbert Reul (CDU) inzwischen keine Vermissten mehr. Dort starben bei dem Hochwasser 47 Menschen. In den teils völlig verwüsteten Flutgebieten waren nach Angaben der Landesregierungen Tausende Einsatzkräfte mit der Versorgung der Bevölkerung, Räumarbeiten und Notreparaturen an der Infrastruktur beschäftigt. Eine dermaßen hohe Zahl an Opfern unter Kindern gab es allerdings nicht.

Der NTV-Bericht

AFP hat zunächst nach dem in den Postings gezeigten Artikel und der Überschrift darunter gesucht, wurde aber nicht fündig. Eine Suche nach weiteren Medienberichten über eine solche Anzahl an verstorbenen Kindern während des Hochwassers blieb ebenfalls ergebnislos. Auch die Hochwasserinformationen der Stadt Neuenahr-Ahrweiler erwähnen keinen solchen Zwischenfall.

In einem nächsten Schritt suchte AFP dann nach dem in manchen Postings angegebenen NTV-Bericht über angespülte Kinder. Es handelt sich dabei um einen Aufsager des Reporters Andreas Schopf, der für den Sender vor Ort über die Unwetterkatastrophe berichtete. In diesem Aufsager erwähnt Schopf tatsächlich den Bericht einer Zeugin über eine angeschwemmtes totes Kind. AFP hat bei NTV am 29. Juli zu den Hintergründen dieses Vorfalls befragt. Eine Sprecherin antwortete nach Rücksprache mit dem genannten Journalisten vor Ort: “Unsere Reporter vor Ort haben niemals von einer solchen Zahl an toten Kindern gehört und nie berichtet. Vereinzelt haben uns Menschen über verstorbene Kinder berichtet.”

Der Videoreporter Christian Schreder war für AFP ebenfalls in den betroffenen Gebieten. Von 600 Kinderleichen hat auch er noch nichts gehört. "Die Zahl ist völlig an den Haaren herbeigezogen", sagte er am 29. Juli in einem Telefonat.

Das sagen Behörden und Einsatzkräfte

Der Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes Rheinland-Pfalz, Benedikt Wolter, sagte am 28. Juli gegenüber AFP: "Ich höre von dieser Zahl gerade das erste Mal." Er verwies weiterhin an die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion des Landes, die als Teil des Krisenstabs die Kommunikation zur Hochwasserkatastrophe im Bereich der Ahr übernimmt. Das von AFP angefragte Technische Hilfswerk, das Deutsche Rote Kreuz sowie das Innenministerium Rheinland-Pfalz verwiesen ebenfalls auf die Informationen dieses Krisenstabs.

AFP hat diesen am 28. Juli kontaktiert. Im Auftrag des Krisenstabs antwortete ein Sprecher der Polizei Koblenz, Uwe Konz: "Ich kann Ihnen sagen, dass es keinen Fund mehrerer Kinderleichen im Katastrophengebiet gab." Mit Stand 14 Uhr am 28. Juli hätten die Einsatzkräfte in Rheinland-Pfalz 134 Tote und 73 Vermisste gezählt. "Leider kann ich Ihnen aufgrund der o. g. Feststellungen keine Informationen über die Altersstruktur der Verstorbenen mitteilen", erklärte Konz.

Leoni Möllmann vom  Innenministerium Nordrhein-Westfalen schrieb am 28. Juli zudem an AFP: "Die aktuelle Zahl zu den Toten im Zusammenhang mit der Unwetterkatastrophe beträgt für NRW 47. Uns ist zum jetzigen Stand nicht bekannt, dass sich darunter Kinder befinden."

Auch den lokalen Bestattern müsste so eine große Anzahl an toten Kindern aufgefallen sein. Christian Jäger vom Bestatterverband Rheinland-Pfalz schrieb am 28. Juli allerdings: "Wir können diese Zahlen nicht bestätigen." Für den Bundesverband Deutscher Bestatter schrieb Elke Herrnberger am 28. Juli dazu: "Das können wir aus unserer Kenntnis heraus nicht bestätigen."

Fazit: In den von starken Überschwemmungen betroffenen Gebieten wurden keine 600 Kinderleichen gefunden. Der Krisenstab des Landes Rheinland-Pfalz, die Feuerwehr, unabhängige Reporter sowie Bestatter widersprechen der Behauptung.