Tausende Facebook-User haben seit Anfang August ein Gerücht über zwei ertrunkene Kinder im Ahrtal geteilt. Darin heißt es: Ein ziviler Baggerfahrer habe in einem aus der Ahr geborgenen Autowrack zwei Kinderleichen gefunden. Die Postings kritisieren in diesem Zusammenhang auch die Arbeit der Behörden im Flutgebiet. Die Polizei und Bestatterverbände dementieren jedoch solch einen Fund im Flutgebiet. AFP fand auch keine anderen Belege dafür.

Fast 5000 Facebook-User haben das Gerücht über die Kinderleichen seit dem 6. August geteilt (hier, hier, hier). Auf Twitter kursiert der angebliche Fund ebenfalls (hier).

Alle geteilten Postings zeigen das Bild eines Autowracks. Darunter heißt es: "Das war mal ein 500er Mercedes… hat ein Baggerfahrer heute früh aus der Ahr gezogen. Auf der Rückbank waren zwei Kindersitze… mit zwei kleinen Kindern. Der Baggerfahrer ist kollabiert."

In der von den Facebook-Usern formulierten Beschreibung zum Bildpost erzählt eine unbekannte Person, sie sei nach dem Baggerfahrer als Erste vor Ort gewesen. Sie kritisiert im Posting außerdem: "Ich war nie und werde nie ein polemischer Politik-Basher sein, aber dieses Chaos im Ahrtal und das Versagen des Krisenstabes auf Kosten unzähliger Menschen und Tiere werde ich nicht unkommentiert stehen lassen, diesmal nicht!" und schreibt: In Sankt Augustin am Stützpunkt der Bundespolizei in Hangelar stehe "alles an schwerem Gerät, Boote, Helikopter und sonstigem Material" still, während Zivilisten und "Spezialeinheiten der Bundespolizei" "undercover" und "auf eigene Faust" in das Ahrtal fahren würden.

RTL

Facebook-Screenshot: 12.08.2021

Flutkatastrophe im Ahrtal

Etwa vier Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe in Westdeutschland liegt die Zahl der Toten in Rheinland-Pfalz bei 141 (Stand 11. August). Sieben Menschen werden noch vermisst. In Nordrhein-Westfalen starben 48 Menschen. Dort werden laut den Behörden keine Menschen mehr vermisst, wie eine telefonische AFP-Anfrage am 13. August ergab. Die überfluteten Wohngebiete sind weiterhin stark zerstört. Um das zu beheben, helfen rund 4000 Kräfte der Feuerwehr, Hilfsorganisationen, THW, Polizei und Bundeswehr (mehr dazu hier).

Auch Tausende freiwillige Zivilisten sind mit zum Teil schwerem Gerät wie Baggern angereist, um die Flutopfern zu unterstützen. Allerdings wird die Arbeit dieser Helferinnen und Helfer zum Teil nicht von den Behörden koordiniert, wie Thomas Liennertz, Präsident der zuständigen Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), bei einer  Pressekonferenz sagte. So kam es etwa vor, dass ein freiwilliger Helfer eine Leiche aus dem Schutt geborgen hat. Auch kam Kritik an Behörden auf, dass sich Helferinnen und Helfer im Katastrophengebiet allein gelassen fühlten (hier, hier). Diese Gefühle greifen die auf Facebook verbreiteten Postings auf, sie liefern allerdings keine Beweise für die aufgestellten Behauptungen.

Was ist dran an den zwei Kinderleichen im Mercedes?

AFP konnte nicht herausfinden, ob es sich auf dem Bild wirklich um einen zerstörten Mercedes 500 handelt. Ein Vergleich mit anderen Fahrzeugen dieser Baureihe zeigte keine eindeutige Übereinstimmung. AFP hat deshalb auch beim Hersteller selbst angefragt. Mercedes-Sprecher Markus Nast antwortete in einer E-Mail am 10. August: "Leider können wir Ihnen nicht weiterhelfen, da wir das Wrack nicht genau bestimmen können." Auch eine Online-Recherche lieferte keine weiteren Hinweise auf den angeblichen Fund.

AFP hat deshalb am 9. August den beim Krisenstab in Rheinland-Pfalz kontaktiert. Dort sind alle Hilfsorganisationen wie etwa Feuerwehr, Polizei und Bundeswehr gebündelt. Leichenfunde im Speziellen werden bei der Polizei aufgenommen, wie Polizeisprecher Ulrich Sopart in einem Telefonat mitteilte.

Weiterhin habe er weder Informationen zum Autowrack noch zum genannten Baggerfahrer.

Der Polizeisprecher bezweifelte die Echtheit des Facebook-Postings: "Es handelt sich vermutlich erneut um eine Falschmeldung, wie sie in den letzten Tagen aus unerfindlichen Gründen immer wieder aus dem Internet und aus den sozialen Netzwerken aufkommt."

AFP hat auch den Geschäftsführer des Bestatterverbandes Rheinland-Pfalz, Christina Jäger, der auch als Sprecher für den benachbarten Bestatterverband Nordrhein-Westfalen fungiert, zu den angeblichen Kinderleichen befragt. Am 12. August schrieb er in einer E-Mail an AFP: "Wir haben keine Kenntnis von einem solchen Vorfall und würden Facebook-Posts ohne weitere Quellenangaben auch grundsätzlich jedwede Glaubwürdigkeit absprechen."

AFP hat am 9. August auch das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen kontaktiert. Sprecherin Katja Heins antwortete in einer E-Mail: Dort habe es überhaupt keine Kinder unter den Toten gegeben.

Das sagt die Bundespolizei

Standen aber schweres Gerät der Bundespolizei in Sankt Augustin still und handelten Bundespolizisten "auf eigene Faust", wie in dem Posting weiter behauptet wurde?

AFP stieß bei der Recherche lediglich auf einen Bundespolizisten, der privat als Helfer in Altenahr in Rheinland-Pfalz unterwegs war. In einem Interview mit NTV erzählte er, er habe einem Nachbarn helfen wollen. Auch erwähnt der Polizist, dass ein totes Mädchen von einem Baggerfahrer gefunden worden sei, und berichtete von vermeintlichem Chaos bei den Behörden und frustriertem Warten der Einsatzkräfte auf Befehle. Diese Äußerungen ähneln im Entfernten zwar der aktuell verbreiteten Behauptung, fallen im Inhalt und Ton aber deutlich gemäßigter aus. Es ist auch nicht von "Spezialeinheiten in Zivil" oder stillstehendem Gerät die Rede.

AFP hat bei der Bundespolizei nachgefragt, ob am oder vor dem 7. August (Datum der Facebook-Postings) die Geräte in Sankt Augustin stillstanden. Am 12. August antwortete Bundespolizei-Sprecherin Anja Knebel in einer E-Mail:

"Die Bundespolizei hat entsprechend der Unterstützungsersuche der Länder Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen seit dem 15. Juli 2021 alle verfügbaren und angeforderten Einsatzmittel und -kräfte im Rahmen der Hochwasserlage zu Verfügung gestellt und leistet auch aktuell noch Einsatzunterstützung für das Land Rheinland-Pfalz mit Einsatzmitteln- und kräften sowie technischen Einsatzeinheiten." Über eine "Spezialeinheit" in zivil habe die Bundespolizei keine Kenntnis.

Fazit

Es gibt keine Belege für das Gerücht über einen aus den Fluten geborgenen Mercedes 500, auf dessen Rücksitz zwei Kinderleichen gefunden worden sein sollen. Auch der Baggerfahrer, der die Kinderleichen gefunden haben und kollabiert sein soll, ist den Einsatzkräften vor Ort nicht bekannt. Es gab lediglich einen ähnlichen Fall, über den in Medien berichtet wurde.