Hunderte User haben seit Ende August einen Artikel auf Facebook geteilt, wonach vollständig geimpfte Mitarbeiter im Gesundheitswesen eine 251-fache Viruslast mit sich tragen würden. Grundlage der Behauptung ist eine Veröffentlichung der Universität Oxford. Diese wurde aber noch nicht wissenschaftlich unabhängig begutachtet. Gegenüber AFP erklärten Expertinnen und Experten außerdem, der in der Studie verwendete Vergleich sei nicht passend.

In einem von dutzenden Usern auf Facebook (hier, hier, hier) geteilten Artikel heißt es: "Vollständig geimpfte Mitarbeiter des Gesundheitswesens tragen 251-fache Virenlast und stellen eine Bedrohung für ungeimpfte Patienten und Mitarbeiter dar." Auch auf Telegram sahen hunderttausende Nutzerinnen und Nutzer die Meldung (hier, hier, hier).

Die Falschbehauptung im Detail: Eine Veröffentlichung der Universität Oxford habe ergeben, "dass geimpfte Personen eine 251-mal höhere Belastung mit COVID-19-Viren in ihren Nasenlöchern haben als ungeimpfte Personen." Diese Ergebnisse seien "verheerend" für die Einführung des Covid-Impfstoffs. Die Autorinnen und Autoren der Studie sollen unter streng kontrollierten Bedingungen in einem Krankenhaus das Versagen des Impfstoffs nachgewiesen haben. Geimpftes Personal soll in der Lage gewesen sein, das Virus zu verbreiten und auch auf Patienten zu übertragen. Zudem wird im Artikel die Forderung nach einer Aufhebung der Impfpflicht laut.

RTL

Screenshot der Falschbehauptung: 01.09.2021

Was hat es mit der Oxford-Studie auf sich?

Die Zahlen zur angeblich erhöhten Viruslast stammen aus einer Untersuchung der Oxford University Clinical Research Unit, welche diese in einem Krankenhaus für Tropenkrankheiten in Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam durchführte. Bei dem Papier handelt es sich um eine Vorveröffentlichung, welche am 10. August erschien. Ein Peer-Review-Verfahren, also eine Prüfung durch unabhängige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, steht allerdings noch aus.

Für die Studie wurden Infektionen mit der Deltavariante des Coronavirus bei medizinischem Personal im vietnamesischen Krankenhaus untersucht. Alle Probandinnen und Probanden waren mit dem Vakzin von Astrazeneca geimpft. 69 der 900 Pflegekräfte im Krankenhaus wurden zwischen dem 11. und 25. Juni 2021 positiv auf die Deltavariante des Virus getestet. Eine von Ihnen benötigte Sauerstoffversorgung. Um die gewonnenen Daten zu vergleichen, zogen die Forschenden die Viruslast von Infektionen mit dem ursprünglichen Virusstamm des Coronavirus aus dem Frühjahr 2020 heran.

Obwohl es im verbreiteten Artikel heißt, die Studie sei in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht worden, wurde diese Arbeit tatsächlich nicht von der Zeitschrift publiziert. Sie findet sich lediglich auf einer Plattform wieder, die zu "The Lancet" gehört und speziell für diese Arten von vorveröffentlichten Artikeln gedacht ist.

Auf dieser Seite heißt es: "Die hier verfügbaren Vorveröffentlichungen sind keine Publikationen des Lancet und werden nicht notwendigerweise vom Lancet geprüft." Des Weiteren heißt es: "Diese Ergebnisse sollten nicht für medizinische oder gesundheitliche Entscheidungen verwendet werden und sollten einem Laienpublikum nicht präsentiert werden, ohne darauf hinzuweisen, dass sie vorläufig sind und nicht von Fachleuten überprüft wurden."

Eine "Fehlinterpretation der wissenschaftlichen Daten"

Die Zahl 251 findet sich dabei tatsächlich schon im Abstrakt der Veröffentlichung wieder: "Die Viruslast der Fälle mit Impfdurchbrüchen der Delta-Variante war 251 Mal höher als die der Fälle, die mit den alten Stämmen infiziert waren und zwischen März und April 2020 nachgewiesen wurden."

Demnach sei bei dem infizierten Personal eine wesentlich höhere Viruslast nachgewiesen worden als bei Fällen, die sich in den ersten Monaten der Pandemie mit dem ursprünglichen Stamm des Virus angesteckt hatten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Corona-Impfstoffe auch noch gar nicht verfügbar.

Jean-Daniel Lelièvre, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am Krankenhaus Henri-Mondor im französischen Créteil, erklärte allerdings gegenüber AFP am 25. August: "Die Viruslast von Geimpften und Ungeimpften zu vergleichen, ohne sich auf die gleichen Stämme zu beziehen, ist wie ein Vergleich von Kartoffeln und Birnen." Daraus schlusszufolgern, dass Geimpfte eine 251-fach höhere Viruslast hätten, sei eine "Fehlinterpretation der wissenschaftlichen Daten".

Auch Frédéric Altare, Immunologe und Forschungsdirektor am Institut national de la santé et de la recherche médicale (INSERM) in Frankreich, erklärte auf AFP-Anfrage am 25. August, die nachgewiesene Viruslast habe das Krankenhauspersonal in Vietnam jedenfalls nicht aufgrund der Impfung.

Warum ist der Vergleich schief? Die Deltavariante gilt als deutlich übertragbarer

Die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention geben an, dass die Deltavariante ungefähr doppelt so ansteckend sei wie vorherige Virusvarianten. Die ursprünglichen Virusstämme, die in den ersten Monaten der Pandemie entdeckt wurden, sind inzwischen auch in Deutschland durch Delta ersetzt worden.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) spricht im Lagebericht vom 19. August von einem 99-prozentigen Anteil der Deltavariante bei den Infektionen in Deutschland. Diese Aussage basiere auf einer zufällig ausgewählten Stichprobe. Zudem gilt die ursprünglich in Indien entdeckte Delta-Variante auch laut RKI als deutlich übertragbarer als ihr Vorgänger Alpha.

Auf AFP-Anfrage betonte Yves Buisson, Epidemiologe und Mitglied der französischen Académie de médecine am 25. August, es handele sich bei der für den Vergleich herangezogenen Deltavariante um eine andere Virusvariante, die "viel infektiöser ist und sich schneller verbreitet."

Um die Viruslast von Geimpften und Ungeimpften zu vergleichen, wäre es notwendig gewesen, eine Stichprobe von geimpften und ungeimpften Patienten zu verwenden, die mit demselben Virusstamm und innerhalb eines ähnlichen Zeitraums infiziert wurden.

Die Viruslast von Ungeimpften, die sich mit der Deltavariante angesteckt hatten, wurde in der Studie allerdings nicht untersucht. Ein Vergleich der Viruslast der Deltavariante mit und ohne Impfung fehlt daher.

Wie wirkt sich die Deltavariante auf die Impfung aus?

Bevor sich die Deltavariante ausbreiten konnte, waren zahlreiche Studien (hier, hier, hier) zu dem Schluss gekommen, dass die Impfung die Viruslast reduzieren könne. Seit dem Aufkommen der Variante werden allerdings immer wieder Diskussionen über die Effizienz der Impfstoffe laut (hier, hier).

Expertinnen und Experten wiesen gegenüber AFP dabei außerdem darauf hin, dass es sich bei dem Impfstoff, mit dem das vietnamesische Krankenhauspersonal geimpft wurde, um ein Produkt von AstraZeneca handelt. Dieses sei gegen die symptomatischen Formen, die durch die Delta-Variante verursacht werden, weniger wirksam: 60 Prozent im Vergleich zu 88 Prozent bei Pfizer/BioNTech, wie eine im Mai veröffentlichte Studie aus Großbritannien untersuchte.

Geimpfte sind keine "Gefahr für Ungeimpfte"

Nach Daten der amerikanischen Behörden vom 24. August war die Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna von 91 Prozent auf 66 Prozent gesunken seit die Deltavariante in den USA vorherrschend ist.

Eine am 25. August veröffentlichte Studie aus Großbritannien legt nahe, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe einige Monate nach der vollständigen Impfung nachlässt. Sie falle beispielsweise bei Biontech innerhalb von sechs Monaten von 88 Prozent auf 74 Prozent. Bei Astrazeneca innerhalb von vier bis fünf Monaten von 77 Prozent auf 67 Prozent. In Deutschland sind nun auch Auffrischimpfungen im Gespräch.

Die von AFP kontaktierten Expertinnen und Experten sind dennoch der Meinung, die Impfstoffe seien im Kampf gegen die Deltavariante unverzichtbar. "Die Wissenschaftler plädieren für eine maximale Anzahl von geschützten Personen," erklärte der Epidemiologe Antoine Flahault, ehemaliger Direktor am Ecole des hautes études en santé publique am 27. August gegenüber AFP. Auch wenn die Impfstoffe keine Übertragung verhindern, würden diese doch schwere Verläufe von Infektionen vermeiden.

Laut einer am 21. Juli im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie würden zwei Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer eine Wirksamkeit von 88 Prozent gegen schweren Verläufe aufweisen, die durch die Deltavariante ausgelöst werden. Bei einer Dosis liege diese Wirksamkeit bei 35 Prozent.

Epidemiologe Yves Buisson weist zudem darauf hin, dass nur ein Infizierter des vietnamesischen Krankenhauspersonals auf eine Sauerstoffversorgung angewiesen war. Dies deute auf die Wirksamkeit der Impfung in Bezug auf die Krankheitsverläufe hin.

"Schlussendlich, muss aus diesen Arbeiten hervorgehen, dass eine Impfung nicht davon abhalten sollte, Abstandsregeln einzuhalten und weiterhin eine Maske zu tragen. Man kann nach wie vor Träger und Überträger des Virus sein, besonders angesichts der Deltavariante," erklärte Buisson.

Fazit: Die Viruslast bei Impfdurchbrüchen mit der Deltavariante bei Geimpften ist nicht vergleichbar zur Viruslast, die am Anfang der Pandemie beim ursprünglichen Stamm des Coronavirus festgestellt wurde. Die Wirksamkeit der Impfstoffe nimmt zwar im Fall der Deltavariante ab. Expertinnen und Experten erklärten aber, dass die Impfung zur Bekämpfung der Variante unverzichtbar ist.