Tausende User auf Facebook und Telegram haben Teile eines Interviews mit dem Onlineportal der Tageszeitung "Welt" fehlinterpretiert, wonach bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten das Virus "wohl nicht die Todesursache" gewesen sei. Unter den Verbreitern befinden sich bekannte Politiker der AfD genauso wie etwa Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP). Eine Sprecherin des von "Welt" zitierten Forschers erklärte dazu, durch Weglassung in der Überschrift des Nachrichtenportals zu dem Interview sei eine "falsche Aussage" entstanden. Im Interview selbst steht außerdem wichtiger zeitlicher Kontext zur Aussage, der in den Postings dazu fehlt.

Die AfD spricht von einem zusammenbrechenden "Propaganda-Gebäude der Corona-Hysterie", Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) von einem "weiteren Schlag für die Glaubwürdigkeit der derzeit wichtigsten Behörde in Deutschland" und Ex-FPÖ-Politiker Johann Gudenus schreibt von Lüge und Nötigung zu vernichtenden Lockdowns und Impfzwang. Tausende teilten mit solchen Argumenten seit Ende August die "Welt"-Überschrift auf Facebook (hier, hier, hier). Hunderttausende sahen sie auf Telegram (hier, hier, hier).

Die Behauptung: Sie alle beziehen sich auf ein am 30. August auf dem Nachrichtenportal "Welt" erschienenes Interview mit dem Leiter des Gesundheitsforschungsinstituts IGES, Bertram Häussler. Es trägt dem Titel: „Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten wohl nicht Todesursache". Das ganze Interview ist nur gegen eine Gebühr lesbar.

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Screenshot der Behauptung: 01.09.2021

Behauptungen über angeblich falsch gezählte Corona-Tote beschäftigten AFP bereits mehrfach. Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer hatten in der Vergangenheit etwa fälschlicherweise behauptet, dass ein Altenheim Corona-positive Heimbewohnende mehrfach zähle, oder dass auch Opfer von Autounfällen in der Corona-Statistik auftauchten. In Bezug auf Impfzahlen berichteten Medien tatsächlich über Probleme beim RKI bei der Berechnung von Zahlen.

Was sagt Häussler im Interview?

Im Interview mit der "Welt" sagt Bertram Häussler, Leiter des Gesundheitsforschungsinstituts IGES, zu den Zahlen der Corona-Toten: "Wir haben ermittelt, dass bei gut 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten, die seit Anfang Juli gemeldet wurden, die zugrunde liegende Infektion schon länger als fünf Wochen zurückliegt und man daher eher davon ausgehen muss, dass Corona nicht die wirkliche Todesursache war." Die "Welt" spitzt das in ihrer Überschrift dann zu: "Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten wohl nicht Todesursache". Diesen Teil der Aussage fehlinterpretieren User in sozialen Medien.

Häussler gab einen einen klaren zeitlichen Rahmen für seine Aussagen, indem er von den Covid-Toten ab Anfang Juli sprach. Er sagte nicht grundsätzlich, dass 80 Prozent der offiziellen Corona-Toten wohl nicht an Covid gestorben seien, sondern bezog sich auf den Sommer 2021 und statistische Daten, die IGES ausgewertet hat.

Häussler und IGES selbst widersprechen

Durch Weglassung sei eine "falsche Aussage" entstanden, schrieb IGES-Sprecherin Sandra Jessel am 1. September auf AFP-Anfrage im Namen Häusslers. Ziel der Untersuchung sei zwar gewesen, darauf hinzuweisen, dass "die Sterbestatistik durch Todesfälle, die nicht in einem direkten Zusammenhang mit einer Corona-Infektion stehen könnten, erhöht wird", aber: "Die Aussage 'Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten wohl nicht Todesursache' ist nicht von uns getroffen worden."

Die "Welt" passte Teile der Überschrift auch dahingehend an und ersetzte in der Zeile über der eigentlichen Überschrift die Worte "Verzerrte Zahlen" mit den Worten "Seit Juli". In einem Facebook-Posting dazu verweist das Nachrichtenportal mittlerweile ebenfalls darauf, dass es um Zahlen ab Juli gehe. Diese zeitliche Einschränkung hielt das IGES auch auf seiner Website noch einmal fest (siehe folgender Screenshot).

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Screenshot der IGES-Website: 02.09.2021

Ein Sprecher des Springer-Verlags, zu dem die "Welt" gehört, schrieb AFP am 7. September auf die Frage nach Häusslers Kritik: "Das Interview sowie der Artikel geben die Fakten korrekt wieder."

Erfassung der RKI-Zahlen

Seine Zahlen erhält das RKI von den Gesundheitsämtern. Diese geben die Daten ein und sichern deren Qualität. Das RKI bereinigt diese Daten nicht. Die Entscheidung, ob jemand "an" oder "mit" Corona verstarb, trifft also nicht das RKI, sondern die lokalen Gesundheitsämter.

Beide Zahlen erfasst das RKI anschließend. "Daher ist es in der Praxis häufig schwierig zu entscheiden, inwieweit die SARS-CoV-2-Infektion direkt zum Tode beigetragen hat", schreibt das RKI online. In die Statistik gingen nur Todesfälle mit laborbestätigtem Nachweis des Virus ein, die an als auch mit Corona verstorben seien.

"Die Daten werden gemäß Infektionsschutzgesetz spätestens am nächsten Arbeitstag vom Gesundheitsamt elektronisch an die zuständige Landesbehörde und von dort an das RKI übermittelt", schreibt das RKI auf seiner Website. Diese Daten veröffentlicht das RKI auch täglich in seinen Situationsberichten und seinem Dashboard. Auf diese Zahlen bezog sich auch das IGES in seiner Analyse.

Zur Auswertung des IGES selbst könne man keine Stellung nehmen, schrieb eine RKI-Sprecherin am 1. September auf AFP-Anfrage. Sie verwies auf verschiedene Referenzdaten, die zu unterscheiden seien: Bericht durch RKI, Meldedatum und Sterbedatum. Auf seiner Website schreibt das RKI, dass Corona-Tote erst nach einer Sicherheitsfrist von knapp drei Wochen veröffentlicht würden, um die Vollständigkeit der Daten zu gewährleisten. Die RKI-Sprecherin erklärte außerdem, dass bei der Auswertung der verstorbenen Personen mit Nachmeldungen zu rechnen sei.

Das ist relevant, da Häussler seine Annahme darauf stützt, dass für Menschen, die mehr als fünf Wochen nach ihrer Infektion starben, Corona womöglich nicht todesursächlich gewesen sei. Tatsächlich nennt das RKI eine mittlere Zeit zwischen elf Tagen in Deutschland und 18 Tagen international zwischen den ersten Symptomen und dem Versterben. Von diesen elf Tagen ging auch das IGES in seiner Analyse aus. Menschen können aber durchaus auch nach längerer Erkrankung an Covid-19 sterben. Das IGES nennt in einer Analyse allerdings auch statistische Auffälligkeiten zehn Wochen nach Krankheitsbeginn.

Obduktionen nötig

Komplette Klarheit könnten nur Obduktionen schaffen, meinte Karl-Friedrich Bürrig, Präsident des Bundesverbands deutscher Pathologen (BDP), auf AFP-Anfrage. Der BDP untersuchte im August 2020 die Todesursachen von Corona-Toten. Das Ergebnis damals: "Bei Covid-19-Erkrankung war diese in der Mehrzahl der Fälle die Todesursache."

Für die aktuelle Situation, also die Daten ab Juli, ist das laut Bürrig schwer zu sagen, da die Obduktionsquote zu gering sei. Die Äußerungen Häusslers nennt er deshalb "spekulativ". Er schließe sich zwar dem grundsätzlichen Zweifel an der Zuverlässigkeit der Daten an, aber definitiv zu beweisen oder zu widerlegen seien die angeblich falsch gezählten Corona-Toten nur schwer.

Tote weltweit

Laut offiziellen Zahlen sind seit Start der Pandemie weltweit rund 4,5 Millionen Menschen an Corona verstorben. Deutschland zählt in diesem Zeitraum rund 92.000 Corona-Tote. In zahlreichen Ländern fiel die Sterblichkeit weit höher aus als in Deutschland.

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Weltweite Todes- und Fallzahlen von Covid-19, Stand: 02.09.2021

Fazit: Den Postings entgeht ein wichtiger Teil des von der "Welt" veröffentlichten Interviews,. In dem Interview geht es lediglich um die registrierten Corona-Toten seit Juli, nicht um alle seit Pandemiebeginn Verstorbenen. Der interviewte Bertram Häussler distanzierte sich von der Verkürzung der Überschrift.

Andere Artikel beschäftigten sich ebenfalls mit der These Häusslers, etwa Volksverpetzer, Tagesschau, Merkur und ZDF.