Tausende User haben seit Mai einen Text auf Facebook geteilt, wonach Menschen allein aufgrund von Angst an Krankheiten sterben könnten. Als Beweis dient ein angebliches  Experiment, bei dem ein Forscher einem zu Tode verurteilten Mann glaubhaft gemacht habe, dieser würde verbluten. Daraufhin sei der Mann tatsächlich verstorben, heißt es in den Postings. AFP fand aber keine Hinweise auf die Echtheit dieses Experiments. Expertinnen und Experten sehen in Angst mehr einen Schutz als eine Gefahr.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben die Behauptung zum Angst-Experiment auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auf Telegram sahen sie Tausende (hier, hier).

Die Behauptung: Das Experiment eines Wissenschaftlers soll zeigen, dass die menschliche Wahrnehmung sich auch auf den Körper auswirken kann. Für den Versuch habe der Forscher einem zum Tode verurteilten leicht in den Arm geschnitten. Er habe ihm dann weißgemacht, seine Venen seien durchtrennt worden und er würde langsam ausbluten. Am Ende des Versuchs sei der Mann durch einen Herzstillstand gestorben, im falschen Glauben, er habe viel Blut verloren. Dies zeige, dass Angst ein wesentlicher Faktor für den Tod gewesen sein muss. Die Schlussfolgerung: Menschen die glauben, sie seien erkrankt, würden schon allein aufgrund dieser Angst sterben. Die Todesgefahr durch Krankheiten sei in Wirklichkeit sehr gering. Unter dem Beitrag ist ein Bild angefügt, das offenbar den Mann aus dem Experiment zeigen soll.

RTL

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 30.09.2021

Woher stammt das Bild?

Auf Facebook heißt es, ein Mann sei zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt worden. Stattdessen habe ein Wissenschaftler ihm angeboten, an einem Experiment teilzunehmen, bei dem sein Tod ohne Leid oder Schmerzen verlaufen würde.

Das zur Illustration verwendete Foto findet sich auf der Webseite des Eastman Museums in New York wieder. Dort heißt es, das Bild zeige einen elektrischen Stuhl und sei um 1900 aufgenommen worden. Urheber soll ein gewisser William M. Van der Weyde sein. Wer auf dem Bild zu sehen ist, wird nicht weiter beschrieben. Ein Hinweis auf ein Experiment findet sich dort ebenfalls nicht. Das Foto sei allerdings in der Haftanstalt Sing Sing in den USA aufgenommen worden, schreibt das Museum.

Ein ähnliches Bild findet sich auf der Webseite der Fotoagentur GettyImages wieder. Die Kleidung der darauf zu sehenden Menschen stimmt mit dem auf Facebook geteilten Foto überein. Das Bild wird ebenfalls dem Fotografen William Van der Weyde zugeordnet und soll aus dem Jahr 1900 stammen. Der Verurteilte wird dort laut Beschreibung zum elektrischen Stuhl geführt.

Ein weiteres Foto, das auch die Räumlichkeiten zeigt ist ebenfalls auf GettyImages verfügbar und stammt von Van der Weyde aus dem Jahr 1900.

Das Foto findet sich zudem in einer Dokumentation des lokalen New Yorker Nachrichtenmediums Syracuse wieder (Im Bild bei 3:22). Darin wird über den Vollzug der Todesstrafe in Sing Sing berichtet. Im Film wird ebenfalls ein weiteres Foto der Hinrichtungskammer gezeigt (2:21), welches den auf Facebook verbreiteten Bildern ähnelt. Hinweise auf die Durchführung eines Experiments, wie es in der aktuellen Behauptung geschildert wird, finden sich dort ebenfalls nicht.

Gab es das Experiment wirklich?

Eine Recherche nach dem beschriebenen Versuch führte AFP auf einen Artikel der mormonischen Tageszeitung "Deseret News", der ein nahezu identisches Experiment im Jahr 1936 in Indien beschreibt. Der Nobelpreisträger Bernard Lown habe in seinem Buch "The Lost Art of Healing" von dem Experiment berichtet. Mehrere Webseiten berichten über die Passage aus dem Buch (hier, hier).

Einen Beleg für die Echtheit des angeblichen Experiments konnte AFP nicht finden. Eine Recherche des indischen AFP-Faktencheck-Teams zum Thema lieferte ebenfalls keine Belege. Das angefügte Bild passt jedenfalls nicht zu den Beschreibungen des Versuchs. Das Foto wurde im Jahr 1900 in den USA aufgenommen. Der Versuch soll angeblich im Jahr 1936 in Indien durchgeführt worden sein.

Sterben ängstliche Menschen eher an Krankheiten?

Das beschriebene Experiment soll angeblich zeigen, dass erkrankte Menschen allein aus Angst und Autosuggestion sterben können. Die Todesgefahr durch die eigentlichen Krankheiten sei in Wirklichkeit sehr gering.

Prof. Dr. Angelika Erhardt, Projektgruppenleiterin im Bereich Angstforschung am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, erklärte auf AFP-Anfrage am 21. September:

"Angst-Emotionen sind so angelegt, dass diese zur Bewältigung einer Situation befähigen und das Überleben sichern. Sterben ist wohl das Gegenteil davon."

Zwar sei es richtig, dass es bei Angsterkrankungen zur Schwächung des Immunsystems durch anhaltenden Stress kommen kann. Diese Veränderungen seien jedoch "gering und können nicht per se zum Tod führen." Angsterkrankungen müssten jedoch behandelt werden, da diese die Bewältigung von Erkrankungen erschweren.

Auch Prof. Dr. Paul Enck der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie bestätigte dies am 25. September gegenüber AFP: Jede Emotion beeinflusse die Bewältigung von Krankheiten. Dies sei aber bei jedem Menschen anders aufgrund der individuellen Lebenserfahrung.

"Dass ängstliche Menschen eine schlechtere Bewältigung einiger Krankheiten haben, ist vermutlich richtig, dass ihr Sterberisiko erhöht ist, ist mir nicht bekannt. Es ist insofern denkbar, wenn z.B. ängstliche Menschen sich nicht an Therapie-Vorschriften halten."

Die Todesgefahr einer Krankheit ist laut Enck so groß, wie die Krankheit sie vorgibt. "Eine tödliche Krebserkrankung ist auch ohne Angst tödlich."

Prof. Dr. Andreas Ströhle, Leiter der Spezialambulanz für Angsterkrankungen der Berliner Charité, erklärte AFP in einem Telefonat am 1. Oktober, Angst könne auch als Schutz vor den möglichen negativen Konsequenzen einer Krankheit betrachtet werden. Zwar habe die psychische Befindlichkeit einen Einfluss auf körperliche Erkrankungen, aber: "Die Dosis macht das Gift."

Tatsächlich könne Angst sogar schützen. Menschen, die keine Angst empfinden, würden unter Umständen auch weniger Präventionsmaßnahmen treffen. So bestehe z.B. ein höheres Risiko für Infektionskrankheiten oder einen problematischen Krankheitsverlauf, falls ärztliche Empfehlungen ignoriert werden. Auch ein gesunder Lebensstil trage dazu bei, ob Krankheiten überhaupt erst entstehen.

Dass durch Angst aber ein Herzstillstand wie in dem auf Facebook beschriebenen Versuch entstehen soll, kann Ströhle nicht nachvollziehen.

"Bei gesunden Menschen beschleunigt Angst den Puls, genauso wie bei körperlicher Aktivität. Ein Herzstillstand würde wohl nur bei einer schweren körperlichen Erkrankung auftreten."

Ströhle erläutert weiter: "Angst ist sinnvoll aber bei übersteigendem Ausmaß können auch negative Konsequenzen auftreten. Schone ich mich zum Beispiel zu sehr, ziehe ich mich zu sehr zurück, so kann mein Immunsystem verminderter aktiviert sein. Dann kann mich schon ein leichter grippaler Infekt lahmlegen." In der Angstambulanz der Charité würden zahlreiche Menschen mit Angstanfällen behandelt, die glauben, sie schwebten in Lebensgefahr. Dort lernten sie, mit ihren Angststörungen umzugehen.

Fazit: Angst dient den Menschen als Schutz. Todesfälle, welche durch Angst in Folge von Krankheit ausgelöst werden, sind laut Expertinnen und Experten nicht plausibel. Dennoch spielt auch Angst eine Rolle bei der Bewältigung von Krankheiten eine Rolle. AFP konnte keine Belege für das angebliche Experiment oder dessen Verbindung zum beigefügten Foto finden.