Tausende Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook und Telegram haben im Oktober die Behauptungen eines US-Chiropraktikers gesehen, der vor einer Schwächung des Immunsystems durch Corona-Impfungen warnt. Geimpfte würden dadurch leichter an Krankheiten erkranken, heißt es weiter. Expertinnen für Immunologie und Infektionskrankheiten dementieren allerdings. Die Impfung ist auch für Menschen mit Immunschwäche sicher.

Blogs wie die Schweizer Verschwörungsseite "Uncut News" haben die Falschinformationen über das vermeintlich geschwächte Immunsystem im Oktober verbreitet. Dem vorausgegangen war ein Video des US-Chiropraktikers Nathan Thompson, das Plattformen wie YouTube bereits wegen Verstößen gegen Benutzerrichtlinien entfernt haben. IM Video macht Thompson basierend auf einer Blutuntersuchung Behauptungen über die angebliche Gefährlichkeit der Impfung, die User auf Facebook (hier, hier) und Telegram (hier, hier, hier) verbreiteten.

Die Falschbehauptung: "Eine Studie eines Arztes aus dem US-Bundesstaat Illinois scheint zu zeigen, dass der Corona-Impfstoff das adaptive Immunsystem des Körpers unterdrückt, sodass geimpfte Personen leichter an bestimmten Krankheiten erkranken können", fasst "Uncut News" die Behauptung von Thompson zusammen. "Uncut News" verbreitete in der Vergangenheit bereits mehrfach Falschinformationen, die AFP überprüft hat (hier, hier, hier, hier).

RTL

Screenshot der Falschbehauptung auf "Uncut News": 20.10.2021

Der Mann im Video stellt sich selbst als Dr. Thompson vom "Exemplify Health Center" in Yorkville, Illinois vor. Deutschsprachige Blogs bezeichnen ihn ebenfalls als Arzt. Auf der Website des Centers gibt es ein übereinstimmendes Profil, das ihn als Chiropraktiker beschreibt. Auf eine Anfrage von AFP hat Thompson bis zur Veröffentlichung nicht reagiert.

Im Video behauptet er, dass er die Bluttestergebnisse einer seiner Patienten vor und nach der Impfung untersucht habe. Diese Blutuntersuchungen zeigten, dass das Immunsystem des Patienten nach der ersten und auch nach der zweiten Impfung "absolut abstürzte". Schuld sei die Impfung: "Ich würde mir dieses Laborergebnis ansehen und in zwei Sekunden sagen: 'Diese Person hat Autoimmunität'". Dabei bezieht sich Thompson auf eine Erkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe oder Organe angreift.

Kein Beweis

Medizinische Expertinnen und Experten sehen in Thompsons hervorgehobenen Ergebnissen allerdings keinen Beweis für die Gefährlichkeit der Corona-Impfstoffe . "Wenn man jemandem zu drei verschiedenen Zeitpunkten Blut abnimmt, erhält man drei verschiedene Ergebnisse in Bezug auf die Anzahl der Blutzellen, die innerhalb der hier festgestellten Schwankungen liegen", sagte etwa Leonardo Ferreira, Molekularimmunologe und Assistenzprofessor an der Medizinischen Universität von South Carolina, am 6. Oktober gegenüber AFP. Die von Thompson hervorgehobenen Veränderungen seien "irrelevant", sagte Ferreira, und die Zahlen, die der Chiropraktiker als abnormal darstelle, "sind wirklich überhaupt nicht besonders".

Ferreira fügte hinzu, dass Thompson nicht Daten desselben Zelltyps hervorhebe, sondern stattdessen scheinbar wahllos auswähle. Er springe von der Darstellung mehrerer Zelltypen zur Darstellung von bestimmten Lymphozyten, zur Darstellung von nur Granulozyten und speziellen NK-Zellen sagte Ferreira und bezeichnete dies als "absurd".

Diagnose von Autoimmunerkrankungen

Maile Young Karris, Ärztin für Infektionskrankheiten und Associate-Professorin für Medizin an der Universität von Kalifornien in San Diego, erklärte am 12. Oktober gegenüber AFP ebenfalls, dass Thompson keine ausreichenden Daten vorgelegt habe, um seine Diagnose einer Autoimmunität zu stützen. Sie erklärte:

,Karris fügte hinzu, dass zusätzliche Daten benötigt würden, "um überhaupt eine Interpretation versuchen zu können, was passiert".Stattdessen erklärte Karris, dass die Diagnose oft durch das Auftreten von Symptomen gestellt werde. Zu Symptomen, die auf eine Autoimmunerkrankung hindeuten zählen etwa ungewöhnliche Hautausschläge, Durchfall, Fieber oder Gewichtsverlust. Zudem würden für die Diagnose andere mögliche Ursachen mit Labortests oder Biopsien ausgeschlossen.

Sichere Impfung

Auf die Frage, ob Covid-19-Impfstoffe Autoimmunität verursachen könnten, wies Karris darauf hin, dass der Impfstoff von Johnson & Johnson tatsächlich mit dem Guillain-Barré-Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung, in Verbindung gebracht wurde. Bei anderen Impfstoffen wie etwa von Moderna oder Biontech/Pfizer war das nicht der Fall. Nach Angaben der US-amerikanischen Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention (CDC) gibt es 228 vorläufige Berichte über das Guillain-Barré-Syndrom bei Johnson & Johnson bei 15 Millionen verabreichten Dosen.

Meena Bewtra, Epidemiologin bei Penn Medicine, sagte am 14. Oktober gegenüber AFP, dass die Impfungen sicher seien und auch dann empfohlen würden, wenn eine Person bereits eine Autoimmunerkrankung hat. Der Impfstoff "kann Immunsupprimierten, Chemotherapie- und Transplantations-Patientinnen und Patienten sicher verabreicht werden – er kann in diesen stark immunsupprimierten Gruppen weniger wirksam sein, aber er ist absolut sicher", sagte Bewtra und weiter: "Wir empfehlen diesen Bevölkerungsgruppen unbedingt, sich impfen zu lassen – wir würden diese Empfehlung nicht aussprechen, wenn der Impfstoff das Risiko von Infektionsschäden erhöhen würde."

Die CDC erklären außerdem auf ihrer Website, dass "Menschen mit Autoimmunerkrankungen in klinische Covid-19-Impfstoffstudien aufgenommen wurden. Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs waren in dieser Bevölkerungsgruppe ähnlich wie in der Allgemeinbevölkerung". Jeder von der US-Food and Drug Administration (FDA) zugelassene oder genehmigte Corona-Impfstoff könne Menschen mit Autoimmunerkrankungen verabreicht werden.

Das österreichische Gesundheitsministerium hält auf seiner Website ebenfalls fest: "Autoimmunerkrankungen oder chronisch-entzündliche Erkrankungen stellen grundsätzlich keine Kontraindikation für Schutzimpfungen dar. Studien konnten bisher keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer Impfung und einer neu aufgetretenen Autoimmunkrankheit bzw. einer chronisch-entzündlichen Erkrankung oder einem Schub einer bereits bestehenden Erkrankung belegen." Für Personen mit Autoimmunkrankheiten könnte eine Erkrankung mit etwa Corona außerdem ein höheres Risiko darstellen. Das RKI in Deutschland empfiehlt Menschen mit Autoimmunkrankheiten die Corona-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff.

Fazit: Es gibt keine Belege dafür, dass Corona-Impfstoffe das Immunsystem zerstören würden. Die Daten aus Blutuntersuchungen, die Nathan Thompson für seine Behauptung vorlegt, stützen diese laut von AFP befragten Expertinnen und Experten nicht. Impfungen sind sicher, sowohl für Gesunde als auch für Menschen, die bereits an Autoimmunerkrankungen leiden. In einem ähnlichen Faktencheck widerlegte AFP bereits, dass häufiges Impfen das Immunsystem schwächen würde.