Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben Mitte Oktober ein Video mit dem US-Immunologen Anthony Fauci geteilt, das angeblich einen Beweis für die seit 2019 geplante Corona-Pandemie liefere. Das Video reißt allerdings Aussagen aus einer Podiumsdiskussion aus dem Kontext. Für eine lange geplante Pandemie gibt sie keine Beweise.

Als "Hammer-Video" kündigt der Autor eines im Oktober hundertfach auf Facebook geteilten Postings die vermeintliche Enthüllung an. Dann zeigt er eine Podiumsdiskussion aus dem Jahr 2019, auf dem Panel vertreten ist unter anderem der bekannte US-Immunologe Anthony Fauci. Dessen nun folgenden vermeintlich entlarvende Aussagen sahen Tausende auch auf Telegram (hier, hier).

Die Falschbehauptung: Die Podiumsdiskussion enthülle angeblich, "wie alles bereits seit 2019 geplant wurde". Dem vorausgegangen war Anfang Oktober ein Beitrag der US-Desinformationsseite "Info Wars" zum selben Videobeitrag, dem angeblichen Beweis für einen "Plan zur Inszenierung einer massiven Gesundheitsgefährdung".

Auch im aktuell in Deutschland verbreiteten Video heißt es: "Das ist eigentlich der Beweis dafür, dass dieser ganze Corona-Mist von langer Hand geplant ist". Als Beweis für die geplante Pandemie dient ein Wortwechsel, in dem Fauci und Kollegen "darüber reden, dass man ein Großereignis bräuchte, um halt so eine neue Impftechnologie zu starten."

RTL

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 21.10.2021

Behauptungen, dass die Corona-Pandemie von langer Hand geplant sei, hat AFP bereits mehrfach überprüft. Ein Papier des Deutschen Bundestags bewies nachweislich nicht, dass die Pandemie bereits seit 2012 geplant wurde. Ein altes Dokument der Rockefeller-Stiftung oder ein vermeintlich altes Rothschild-Patent ebenso wenig. Auch das aktuell geteilte Posting bedient diese falsche Erzählung eines langfristig beabsichtigten Virusausbruchs. Die gezeigte Diskussion belegt ein solches allerdings nicht.

Die Podiumsdiskussion im Oktober 2019

Kurz vor Ausbruch des Corona-Virus, am 29. Oktober 2019, sprach US-Immunologe Anthony Fauci tatsächlich bei einer vom US-Think Tank "Milken Institute" organisierten Diskussion mit Impfstoffforscher Rick Bright, dem Journalisten Michael Specter vom Magazin "New Yorker" sowie drei weiteren Personen, die im aktuell geteilten Video nicht vorkommen. Auf der Website des US-Nachrichtensenders "C-SPAN" ist die Diskussion nach wie vor abrufbar, gemeinsam mit einem Transkript des Gesagten.

AFP hat sich die Diskussion angesehen. Im Gespräch ging es unter anderem um die Entwicklung einer universellen Grippeimpfung. Universell bedeutet, dass eine solche Impfung langfristig schützen und die jährliche Grippeimpfung überflüssig machen solle. Weltweit beschäftigen sich Expertinnen und Experten mit der Entwicklung eines solchen Impfstoffs gegen die Grippe, darunter auch des US-Instituts NIAID, dem Fauci vorsteht, oder das deutsche RKI. Außerdem sprachen sie die Finanzierung von Forschung, Möglichkeiten von Zusammenarbeit sowie über Technologiefortschritte. Die Planung einer Corona-Pandemie besprachen die Panelisten allerdings nicht.

Der Virus-Ausbruch

Wie kommen die Postings dann auf die Behauptung? In der Diskussion sagt Rick Bright an einer Stelle: "Aber es ist gar nicht so abwegig zu denken, dass irgendwo in China ein neuartiges Vogelvirus ausbrechen könnte. Wir könnten uns die RNA-Sequenz davon besorgen, sie in eine Reihe regionaler Zentren senden, wenn nicht lokal, so doch irgendwann zu Hause, und diese Impfstoffe auf ein Pflaster drucken und selbst verabreichen."

Dass solche Virenausbrüche passieren könnten, ist ein unter Expertinnen und Experten immer wieder diskutiertes Thema. Auch der Deutsche Bundestag plante mit solchen Krankheitsausbrüchen. Eine Risikoanalyse warnte etwa 2013: "Die Vergangenheit hat bereits gezeigt, dass Erreger mit neuartigen Eigenschaften, die ein schwerwiegendes Seuchenereignis auslösen, plötzlich auftreten können (z. B. SARS-Coronavirus (CoV), H5N1-Influenzavirus, Chikungunya-Virus, HIV)."

In einem Fachkommentar schrieb Fauci ebenfalls bereits 2007: "Obwohl die meisten Experten davon ausgehen, dass es zu einer weiteren Grippepandemie kommen wird, lässt sich nur schwer vorhersagen, wann und wo sie auftritt und wie schwer sie sein wird." Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschäftigte sich 2005 in einem Papier namens "Vogelgrippe:

Bewertung der Pandemiegefahr" auch mit diesem Risiko und schrieb: "Obwohl der Zeitpunkt der nächsten Pandemie nicht vorhergesagt werden kann, wurden mehrere Versuche unternommen, deren Folgen abzuschätzen." Die US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC) schufen sogar eine eigene Initiative zur Vorhersage von Epidemien.

Die Fachzeitschrift "Nature" schrieb in einem Beitrag im Jahr 2005: "Die Vogelgrippe hat in den vergangenen Jahren in weiten Teilen Asiens Verwüstung angerichtet." Und weiter: "Angesichts der Befürchtung, dass das Virus zu einer ansteckenden Form mutiert, warnen Experten weiterhin vor der Gefahr einer ausgewachsenen Pandemie, ähnlich wie bei der Grippeepidemie von 1918."

Dass ein größerer Virus-Ausbruch möglich sei, war also ein unter Forschenden immer wieder diskutiertes Szenario. Auch Medien wie 2017 die US-Magazine "Time" und "The Atlantic", thematisierten mögliche Pandemien und deren Vorhersagen. Dass Immunologe Bright den Ausbruch eines Vogelvirus als "nicht so abwegig" bezeichnet, ist also nicht ungewöhnlich. Dass er ihn in Asien verortet, ist ebenfalls nicht erstaunlich. Drei der fünf Grippe-Pandemien seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatten dabei ihren Ursprung in China.

Angekündigtes Großereignis?

Das aktuell geteilte Video kündigt die Podiumsdiskussion außerdem so an: "Ihr seht da den Fauci, das ist sozusagen der Lothar Wieler von Amerika und noch ein paar andere Leute 2019, vor der Corona-Krise, wie sie darüber reden, dass man ein Großereignis bräuchte, um halt so eine neue Impftechnologie zu starten."

Rick Bright spricht in der Diskussion bei Minute 32:10 über Anstöße, die es seiner Meinung nach bräuchte, um die Grippeimpfstoffforschung attraktiver zu machen: "Um es sexy zu machen, denke ich, dass wir – ich mag das Konzept – dieses Feld aufwühlen müssen (disrupting the field). Wenn wir einfach weitermachen (…) weiß ich nicht, ob das ausreicht, um die wirklich kreativen Denker zu begeistern." Zusätzlich zu dem, was bereits gut gemacht werde, bräuchte es deshalb ein attraktiveres Forschungsumfeld. "Es könnte ein Bedarf oder sogar eindringender Ruf nach einer Begeisterung (entity of excitement) da draußen bestehen, die komplett disruptiv ist, die nicht an bürokratische Vorgaben und Prozesse gebunden ist."

Die Postings deuten dies als Ankündigung eines Großereignisses: "Sie sagten, dass es aufgrund des öffentlichen Widerstands gegen gentechnische Therapien (mRNA) ein "krisenhaftes" Ereignis (disruptive Event) geben müsse, welches ein Szenario herbeiführe, bei dem sie "nicht an bürokratische Fesseln und Verfahren gebunden" seien." Die Formulierung "disruptive event" kommt in der Diskussion gar nicht vor. Das englische Wort "disruptive" kann mit "störend" übersetzt werden, bedeutet allerdings im Zusammenhang mit neuen Technologien normalerweise als feststehender Begriff "originell" oder "innovativ" und nicht "krisenhaft". Bright spricht darüber, wie man Menschen für die Forschung begeistern könnte, nicht über die Planung eines Großereignisses.

Fazit: Das geteilte Video beweist nicht, dass die Pandemie schon seit 2019 geplant wurde. Es reißt Aussagen von Fauci und Co. aus dem Zusammenhang. Die Forscher diskutierten unter anderem über die Entwicklung einer besser wirksameren Grippeimpfung. Für eine lange geplante Pandemie gibt es hier keine Belege. Andere Faktencheckseiten kamen unabhängig von AFP ebenfalls zur selben Einschätzung (hier, hier, hier).