Hunderte Instagram-User haben seit Mitte September das Video einer Ärztin gesehen, die behauptet, dass Frauen durch die Covid-Impfung unfruchtbarer und öfter Fehlgeburten erleiden würden. Die Ärztin stützt sich dabei auf eigene Beobachtungen ihrer Kinderwunschs-Patientinnen. Experten und Expertinnen sagten allerdings gegenüber AFP, dass derartige Beobachtung nicht ausreichen, um solche Schlussfolgerungen treffen zu können. Die Schwangerschaftsraten haben seit Beginn der Impfkampagne nicht nachgelassen.

900 Nutzerinnen und Nutzer haben die Behauptung auf Instagram abgespielt. Dasselbe Video erreichte auf Youtube mehr als 25.000 und auf Telegram mehr als 112.000 Views. Ein Blog hat das Video außerdem geteilt und mit einem Spendenaufruf verbunden.

Die unbelegte Behauptungen: Auf Instagram heißt es im Beitragstext, dass "Frauen nach Impfungen 80 Prozent weniger schwanger werden". Gynäkologin Dr. Rebekka Leist behauptet im Video außerdem: "Ich habe eine schreckliche Befürchtung. Meine Kinderwunschpatientinnen, wenn sie denn schwanger werden, bleiben nicht schwanger, wenn sie gegen Covid geimpft wurden. Ich sage es noch mal andersherum: Nach der Covid-Impfung werden meine Kinderwunschpatientinnen zwar schwanger, aber sie erleiden frühe Fehlgeburten." Sie fordert deswegen von den Kinderwunschzentren, dass diese Studien durchführen sollen, um die Erfolgsquote von geimpften und ungeimpften Schwangeren festzustellen.

RTL

Instagram-Screenshot: 27.10.2021

Wer ist Rebekka Leist?

Rebekka Leist ist nach eigenen Angaben Gynäkologin. Einzelne und viele Jahre zurückliegende wissenschaftliche Arbeiten auf Google Scholar, darunter auch eine Arbeit an der Technischen Universität in München, konnte AFP finden. Laut den Fortbildungen auf der Homepage ihrer Praxis in München ist sie auf "Traditionelle chinesische Medizin" spezialisiert. Sie hilft den Website-Informationen zufolge aber auch Frauen mit Kinderwunsch.

Leist verlinkt auf ihrer Seite unter anderem auf Seiten mit kritischen Stimmen gegen die Corona-Maßnahmen. Darunter findet etwa der sogenannte "Stiftung Corona Ausschuss", dessen Behauptungen AFP bereits in der Vergangenheit als falsch und irreführend widerlegt hat (hier, hier, hier, hier). Sie selbst äußert sich ebenfalls in einem offenen Brief gegen die Corona-Maßnahmen und nahm an einer Demonstration gegen diese teil.

Leist beteiligt sich mit dem auf Instagram geteilten Video außerdem an der "Wissenschaftstehtauf"-Initiative des Corona-Ausschusses. Im Ausschuss sind angeblich 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Thesen zur Corona-Pandemie zu Wort gekommen. AFP hat mehrere der daraus resultierenden Grundthesen überprüft, die auch auf der Seite der Initiative stehen. Sie sind nachweislich falsch (hier, hier, hier).

Was hat Rebekka Leist in ihrer Praxis beobachtet?

Leist erklärt im Video, dass sie bei ihren Patientinnen mit Kinderwunsch beobachtet habe, dass diese nach einer Covid-Impfung entweder nicht schwanger oder ihr Kind verlieren würden. Welches Impfverfahren sie genau meint, sagt sie nicht. Auf eine AFP-Anfrage vom 28. Oktober hat Leist bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht geantwortet.

Konkret stützt sie sich den Video-Informationen zufolge auf 15 Patientinnen mit Kinderwunsch, bei denen Leist auf künstlichem Weg eine Befruchtung versucht hat. Bei diesen vermutlich geimpften Frauen versuchte Leist nach eigenen Angaben, den Status der Schwangerschaft nach einer Weile telefonisch abzufragen. Sie sei zu folgendem Ergebnis gekommen:

  • Zwei Frauen hätten nicht auf Leists Anfrage reagiert
  • Neun der geimpften Frauen seien nicht schwanger geworden
  • Zwei hätten Schwangerschaftshormone im Blut gehabt
  • Eine Frau habe einen Frühabort erlitten
  • Eine Frau sei in der 12. Woche schwanger

So sei also nur eine von 15 Frauen schwanger geworden. Diese Daten würden einer Schwangerschaftsrate von sieben Prozent entsprechen. Das wiederum liege unter der üblichen Rate ohne Covid-Impfung von 32 Prozent. Leist rechnet dabei die beiden Frauen, die sie nicht erreicht hat, als nicht schwanger ein, obwohl deren Status unbekannt ist.

Unbelegt: Geimpfte Frauen werden seltener Schwanger

Ob Leists individuelle Beobachtungen in München stimmen oder nicht, ist für AFP nicht prüfbar. Durchaus überprüfbar sind die angegebene Methodik und die Schlussfolgerungen der Ärztin. Diese relativiert Leist im Verlauf des Videos selbst als "nicht repräsentativ", was sie aber nicht abhielt, die eingangs zitierten Behauptungen aufzustellen und zu verbreiten.

AFP hat am 19. Oktober den Leiter des Kinderwunschzentrums des Klinikums der Ludwig-Maximilian-Universität zu Leists Behauptung kontaktiert. In einem Telefonat erklärte Prof. Christian Thaler mit Blick auf Leists Daten:

Leists Daten könnten zwar echt sein, es gebe aber keine Hinweise darauf, dass sie auf die breite Gesellschaft übertragbar seien. "Das löst einfach nur Ängste bei Paaren aus", kritisiert Thaler Leists Video.

Thaler nahm nach eigenen Angaben in seinem eigenen Kinderwunschzentrum in München im Jahr 2021 etwa 370 künstliche Befruchtungen vor. Seine eigenen Beobachtungen widersprechen demnach Leists Behauptung. Auch gebe keine "ernst zu nehmenden Studien", die Leist Ergebnisse unabhängig belegten.

Thaler erklärte, dass etwa 70 Prozent der Paare mit Kinderwunsch, die aktuell zu ihm in die Praxis kommen würden, vollständig geimpft seien. "Würde die Behauptung von Leist stimmen, müsse man eigentlich sehen, dass sich die Erfolgsraten deutscher Kinderwunschzentren seit den Impfungen mit der Zeit verschlechterten. Das ist nicht der Fall." Thaler erklärte:

Datenlage in Deutschland für Geimpfte nicht aussagekräftig

Eine Einschränkung gilt sowohl für Leists als auch für Thalers Beobachtungen, wie der Arzt selbst erklärt. Er habe 2021 zwar bereits 370 künstliche Befruchtung durchgeführt. Jedoch wurde die Impfpriorisierung erst im Juni 2021 für alle aufgehoben. Das bedeutet, dass der Großteil der Geimpften mit Kinderwunsch erst ab diesem Zeitpunkt zunehmend in Thalers Kinderwunschzentrum gekommen sei. So seien aktuell zwar 70 Prozent der Paare geimpft, dennoch machten sie bisher insgesamt auf alle Befruchtungen gesehen nur einen kleinen Anteil aus.

Um einen bundesweiten Überblick zu bekommen, hat AFP beim Deutschen IVF-Register (IVF: In-vitro-Fertilisation, also künstliche Befruchtung) (DIR) nachgefragt. Am 26. Oktober erklärte Vorstandsvorsitzende Ute Czeromin: "Die Erfassung des Corona-Impfstatus gehört nicht zu dem DIR-Datensatz." Konkrete Daten darüber, wie viele Geimpfte und Ungeimpfte künstlich schwanger wurden, gebe es somit nicht.

Nach ihren Angaben hat das DIR die gleiche Problematik wie Thaler. Wegen der Aufhebung der Priorisierung der Impfungen konnte der Datensatz vor Juni grundsätzlich nur wenige bis keine Geimpfte mit Kinderwunsch erfassen. Die Ständige Impfkommssion hat außerdem erst am 10. September eine Impfempfehlung für Schwangere ausgesprochen.

Auf einer Informationsseite der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) empfiehlt der Zusammenschluss neun unterschiedlicher Fachverbände die Covid-Impfung für Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch. Darin heißt es im Februar 2021: "Für Frauen mit Kinderwunsch ist es wichtig, dass es bisher keine Hinweise darauf gibt, dass mRNA-Impfstoffe die Fertilität beeinträchtigen." Auch die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin hat auf Grundlage der Forschung mit Stand 5. Mai 2021 eine Impf-Empfehlung für Frauen mit Kinderwunsch ausgesprochen.

Die Behauptung über angebliche Gefahren für schwangere Frauen sind dabei nicht neu. AFP hat bereits vor der Zulassung der Covid-Impfstoffe im Dezember 2020 die Falschbehauptung widerlegt, dass die Impfstoffe zur Sterilisation von Frauen führten.

Unbelegt: Impfungen führen zu häufigen Fehlgeburten

Leists Beobachtungen belegen auch keine Häufung an Fehlgeburten bei künstlichen Schwangerschaften. Auch für diese Behauptung braucht es mehr beobachtete Fälle, um fundierte Aussagen treffen zu können. Das bestätigen sowohl Thaler aus dem Kinderwunschzentrum als auch DIR-Vorstandsvorsitzende Czeromin.

Auch zu Fehlgeburten nach In-Vitro-Befruchtungen gibt es aktuell in Deutschland keine bundesweit belastbaren Daten für 2021. Das DIR fragt auch hier den Impfstatus der Schwangeren nicht ab. Darüber hinaus dauert eine Schwangerschaft neun Monate, weswegen aktuell für viele Schwangere überhaupt keine abschließenden Daten vorliegen können, weil diese aktuell noch schwanger sind.

Eine verfrühte Auswertung der Daten wäre laut Czeromin verzerrt: "Es macht keinen Sinn, prozentuale Angaben zu machen, wenn man nicht die Ergebnisse des Gesamtkollektivs hat, zumal Fehlgeburten naturgemäß früher erfasst werden."

Daten zu Fehlgeburten aus den USA

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den USA haben eine solche Auswertung bereits vorgenommen. Sie haben im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" vorläufige Ergebnisse einer laufenden Studie veröffentlicht. Unter dem Titel "Preliminary Findings of mRNA Covid-19 Vaccine Safety in Pregnant Persons" liefert sie vorläufige Ergebnisse zur Sicherheit des mRNA-Impfstoffs Covid-19 bei Schwangeren. Die Studienautorschaft fand heraus, dass in der Stichprobe von bisher 905 abgeschlossenen Schwangerschaften von geimpften und schwangeren Frauen lediglich 12,8 Prozent eine Fehlgeburt erlitten.

Dieses Risiko liegt auf dem Niveau des Risikos eines natürlichen ungewollten Schwangerschaftsabbruchs. Pro Familia erklärt in einem Familienplanungsrundbrief allgemein: "Die Abortrate (Anm. d. Red: die Fehlgeburtsrate) wird mit 12 bis 16 Prozent angegeben."

Die Ergebnisse der Studie können sich noch verändern, weil von den bislang berücksichtigten 3900 Schwangeren viele noch schwanger sind und auch immer wieder neue Schwangerschaften in die Studien einbezogen werden.

Leist kritisiert in ihrem Video und auf ihrer Homepage genau diese Studie. Ihre eigenen Beobachtungen würden ihr widersprechen. Auf ihrer Homepage errechnet sie mit den Daten der Studie dramatische Fehlgeburtsraten. Diese Raten basieren auf einer seit Wochen kursierende Fehlinterpretation der vorläufigen Studienergebnisse. AFP hat diese Behauptung bereits diesem Faktencheck geprüft.

Die CDC-Studie selbst und auch die zuständige US-Behörde erklärten, dass bei der Berechnungen solcher Raten wichtiger Kontext fehle. Der Großteil der in den ersten beiden Dritteln geimpften Schwangeren sind noch immer schwanger und wurden wegen der dadurch fehlenden Daten über den Schwangerschaftsausgang nicht in die aktuell geteilte CDC-Analyse einbezogen. Um den prozentualen Anteil an Schwangerschaftsabbrüchen zu berechnen, müssten diese Frauen aber einbezogen werden. Das passiert in der Berechnung von Leist nicht.

Vorteile der Covid-Impfung für Schwangere

Laut Thaler vom Kinderwunschzentrum München haben die Covid-Impfungen Vorteile für schwangere Frauen. "Eine Frau, die schwanger wird und Corona kriegt, hat gegenüber einer gleichaltrigen Schwangeren ohne Corona ein 22,3 Mal erhöhtes Risiko zu sterben. Covid-19 ist also in der Schwangerschaft ein erhebliches Risiko für Mutter und Kind", sagte er.

Das belegte auch eine im Fachmagazin "Journal of the American Medical Association" (JAMA) veröffentlichten Oxford-Studie. Darin wurden Gesundheit und Schwangerschaftsverläufe von 1424 schwangeren Frauen ohne Covid-19-Infektion und 706 schwangere Frauen mit Covid-19-Infektion verglichen. Die Müttersterblichkeit war tatsächlich wie beschrieben bei den infizierten Frauen erhöht. Auch litten infizierte Mütter 1,7 Mal häufiger an fetalen Notlagen, also einer Lage des Kindes im Bauch, die zu Komplikationen bei der Geburt führen würde. Bei Infizierten mussten Ärztinnen und Ärzte 1,59 Mal öfter Frühgeburten medizinisch einleiten.

Die Studienautorinnen und -autoren kommen zu dem Schluss: "Wir konnten nachweisen, dass Frauen mit Covid-19-Diagnose im Vergleich zu Frauen ohne Covid-19-Diagnose ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Schwangerschaftskomplikationen hatten."

Laut Robert-Koch-Institut schützt die Covid-Impfung Schwangere vor Infektionen. Außerdem würden Antikörper der Mutter über die Plazenta an das Kind übertragen. Ob diese das Kind auch tatsächlich vor Infektionen schützen, sei derzeit aber noch nicht geklärt.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe weist in ihrer Impf-Empfehlung für Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch auf die möglicherweise verminderten Schwangerschaftsrisiken hin.

Fazit: Es gibt keine Belege für Rebekka Leists Behauptung, dass Covid-Impfungen zu weniger Schwangerschaften oder mehr Fehlgeburten führen würden. Ihre sehr begrenzten Beobachtungen bilden laut Expertinnen und Experten keine fundierte Datenlage, um solche Behauptungen zu stützen. Bisher gibt es keine dramatischen Veränderungen der Schwangerschaftsquote in den Daten. Auch der Leiter eines Kinderwunschzentums in München erklärte, dass er aktuell keine Veränderungen der Schwangerschaftsraten wahrgenommen habe. Darüber hinaus gibt es auch Hinweise darauf, dass eine Covid-Impfung für Mütter und Kinder möglicherweise Vorteile bieten.