Zehntausende Facebook-User haben seit Anfang November die Aussage des Chefarztes eines belgischen Krankenhauses in Antwerpen geteilt, wonach nur Geimpfte auf seiner Intensivstation liegen würden. Dem geteilten und geschnittenen Video fehlt aber wichtiger Kontext: Eine längere Version enthält die Information, dass die angesprochenen Intensivpatientinnen und -Patienten zumeist immunschwächende Vorerkrankungen hatten. Eine gewisse Zahl von Geimpften in Krankenhäusern ist bei hohen Impfquoten außerdem statistisch erwartbar.

Mehr als 17.000 Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer haben das Video seit dem 9. November geteilt. Dazu gehört auch der Parteichef der rechtspopulistischen FPÖ in Österreich, Herbert Kickl, dessen Falschbehauptung zu einem vermeintlichen Corona-"Skandal" AFP Faktencheck bereits hier widerlegt hatte, sowie der AfD-Bundestagsabgeordnete Roland Gläser, dessen Posts AFP ebenfalls bereits in der Vergangenheit überprüfte.

Die irreführende Behauptung: Auf Facebook teilen User den Youtube-Link. Dazu heißt es in leicht abgewandelten Versionen: "Krankenhaus in Antwerpen – alle Intensivpatienten sind geimpft." User kommentieren solche Posts unter anderem mit den Worten: "Was ist in dem Impfstoff? Wieso werden so viele krank statt gesund?", "Sicher ein Booster für schnellere Bevölkerungsreduzierung" oder auch "War doch klar… die Impfung ist die Freikarte ins Krankenhaus".

RTL

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 6.12.2021

Immer wieder wird die Häufung von Impfdurchbrüchen und die Anzahl von Geimpften auf Intensivstationen von Impfgegnerinnen und -gegnern genutzt, um ein vermeintliches Versagen der Impfstoffe zu belegen. AFP hat solche Behauptungen bereits in diesem Faktencheck ausführlich geprüft. Dieser Faktencheck geht außerdem ausführlich darauf ein, wie mRNA-Impfstoffe funktionieren und welche Faktoren Auswirkungen auf die Wirksamkeit der Impfstoffe haben.

Beweist das Video den fehlenden Impfschutz?

In dem etwa 30-sekündigen Video erklärt ein belgischer Arzt in einem Krankenhaus auf Flämisch: "Bei uns sieht man im Moment eine große Mehrheit von sogenannten Durchbruchinfektionen. Das ist anders als vor ein paar Wochen, wo wir in der Tat in der Mehrheit Ungeimpfte auf der Intensivstation hatten. Im Moment ist das nicht mehr so. Die Patienten, die wir hier im GZA-Krankenhaus auf der Intensivstation haben – ich habe gestern noch nachgesehen – die sind eigentlich alle geimpft."

Der Begriff Durchbruchinfektion beschreibt laut RKI Infektionen von Menschen, die bereits einen vollständigen Impfschutz nach Corona-Impfungen aufgebaut haben, sich aber dennoch mit Corona infizieren. Solche Durchbrüche sind etwa möglich, weil Impfungen keinen 100-prozentigen Impfschutz bieten und die Wirksamkeit nach sechs Monaten bereits abnimmt.

Im geteilten Video ist der Chefarzt der GZA-Krankenhäuser, Kristiaan Deckers, zu sehen. Eine Suche mit flämischen Stichwörtern führte AFP zum 1,5 Minuten langen Originalbericht, den der regionale Fernsehsender ATV am 5. November 2021 ausgestrahlte.

Im Vergleich zum Originalbeitrag fällt auf, dass es sich beim auf Facebook und Telegram geteilten Video lediglich um ein Ausschnitt aus diesem längeren Beitrag handelt. Unmittelbar nach dem Interview, in dem Kristiaan Deckers erklärt, dass alle Patienten auf der Intensivstation geimpft sind, erklärt der Journalist im Originalbeitrag:

"Es handelt sich in der Regel um Menschen mit anderen zugrunde liegenden Infektionen, deren Immunsystem oft bereits geschwächt ist. Das Durchschnittsalter der Patienten mit einer Durchbruchinfektion (in der Krankenhausgruppe GZA) liegt zwischen 55 und 60 Jahren."

AFP Faktencheck hat dazu auch das GZA-Krankenhaus angefragt. Am 18. November erklärte Hilde Brem, Leiterin der Kommunikationsabteilung der GZA-Gruppe in einer E-Mail, das Video sei “aus dem Zusammenhang gerissen”.

Am 25. November behandelten die Ärzte laut GZA-Sprecherin dann elf Covid-19-Fälle, von denen sieben geimpft waren, was 64 Prozent entspricht. Wieder habe eine große Mehrheit an erheblichen Komorbiditäten gelitten, also an zusätzlichen Erkrankungen.

Astrid Schoenmaeckers, ebenfalls Sprecherin der GZA-Krankenhäuser, dementierte gegenüber AFP außerdem die Behauptung vieler Facebook-Kommentare, dass Kristiaan Deckers in seinem Interview ausgesagt habe, dass "die Mehrheit dieser Patienten an einer Impfstoffinfektion leidet". Die stationär behandelten Patienten würden sehr wohl an einer Infektion durch das Coronavirus leiden. Auch AFP fand keine anderslautende Aussage von Deckers im Interview oder an anderer Stelle online.

Am 23. November 2021 veröffentlichte der GZA-Krankenhausverband auf seiner Website einen Artikel der niederländischen Nachrichtenplattform VRT, in dem Kristiaan Deckers erklärte, dass das Video mit seinem Interview aus dem Zusammenhang gerissen worden sei. Hier ergänzte er: "Wir empfehlen, dass sich so viele Menschen wie möglich, die ein schwaches Immunsystem haben, impfen lassen."

Mehrheit in belgischen Krankenhäusern ist ungeimpft

Am 6. Dezember 2021 waren laut den Zahlen des belgischen Instituts für öffentliche Gesundheit, Sciensano, 76 Prozent der belgischen Bevölkerung vollständig geimpft, das heißt, fast neun von zehn der Erwachsenen.

In Belgien "wurden zunächst die Schwächsten geimpft", erklärte Niko Speybroeck, Epidemiologe an der Katholischen Universität Löwen (UCL), in einem Telefonat mit AFP am 25. November. Ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen wurden ab Januar 2021 geimpft. Nun lasse der Impfschutz im Laufe der Monate nach. Zudem habe die Delta-Variante die Situation erschwert und einige Länder wie Frankreich und Belgien dazu veranlasst, die Injektion einer dritten Dosis des Covid-19-Impfstoffs zu beschleunigen. (In Deutschland ist die Situation ähnlich, mehr dazu hier)

Die Tatsache, dass eine Mehrheit der Patientinnen und Patienten im Krankenhaus geimpft ist, ist laut Speybroeck außerdem nicht überraschend: "Wenn 100 Prozent der Bevölkerung geimpft wären, hätten wir hundert Prozent geimpfte Patienten im Krankenhaus" – was nicht bedeute, dass der Impfstoff nicht schütze.

Verhältnis von Intensivfällen zu Impfstatus-Gruppe

Laut Zahlen des epidemiologischen Bulletin, das Sciensano am 19. November 2021 veröffentlichte, liegen in Belgien etwa 49 Prozent geimpfte Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Von 526 Personen waren 185 nicht geimpft, neun teilweise geimpft, 262 vollständig geimpft und bei 70 wurde der Impfstatus nicht berichtet.

Beim Blick auf Verteilung von Geimpften und Ungeimpften auf den Intensivstationen muss aber nicht nur das Alter, die Vorerkrankungen und die vergangene Zeit zur bisher letzten Impfung berücksichtigt werden, sondern auch die hospitalisierten Geimpften und Ungeimpften im Verhältnis zu der jeweiligen Impfstatus-Gruppe in der Bevölkerung.

In Belgien sind etwa 76 Prozent der Bevölkerung geimpft, also etwa 24 Prozent ungeimpft, darunter die meisten Kinder unter zwölf Jahren. Dass die Covid-Intensivfälle in den Krankenhäusern etwa gleich verteilt sind, zeigt, dass sich aus dem großen geimpften Bevölkerungsanteil anteilig deutlich weniger Menschen schwer infizieren als aus dem wesentlich kleineren ungeimpften Bevölkerungsanteil (mehr dazu hier).

Ähnlich sieht das in Deutschland aus: Stand 30. November 2021 lagen 21 von 100.000 Ungeimpften mit Corona auf einer Intensivstation. Bei Geimpften waren es nur acht von 100.000.

RTL

Covid-19: Geimpfte und Ungeimpfte - sowie Corona-Hospitalisierungen in Krankenhäusern. ( AFP / Nadine EHRENBERG)

Fazit: Das auf Facebook geteilte Video ist nur ein Ausschnitt eines längeren Beitrags. Die Erklärung, dass unter den Geimpften auf der Intensivstation des GZA-Krankenhauses vor allem Menschen sind, bei denen eine andere Infektion zugrunde lag, die zu einer Immunschwäche führte, fehlt im Ausschnitt. Das Video belegt somit nicht, dass die Covid-Impfung Schuld an der Infektion dieser Menschen ist, oder dass sie nicht wirke. Eine wachsende Impfquote in der Bevölkerung führt auch zu einem höheren Anteil von Geimpften an den Infizierten. Anteilig zur Gesamtbevölkerung stecken sich aktuell dennoch deutlich mehr Ungeimpfte mit dem Coronavirus an als Geimpfte.